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Verzichten will gelernt sein

"Vom Verzicht schwärmen meist die, die auf nichts verzichten müssen. Verzicht ist nur schön, wenn er freiwillig ist." (Erhard Blanck)
Es gibt viele Dinge, auf die ich getrost verzichten kann: Fleisch, Alkohol, Zigaretten. Das war nicht immer so. Oft habe ich sogar das Maß verloren und den Konsum übertrieben. Aber es soll hier nicht um Genussmittel gehen, die abhängig, süchtig und krank machen, sondern um den Wandel des Genießens. Früher war das Genießen ekstatisch, diente dem Selbstverlust und Gemeinschaftsgefühl, war ein Abenteuer und gefährlich. Sind wir mal ehrlich. Sobald du etwas begehrst und es dann bekommst/besitzt, ist es schon nicht mehr oder nur kurz interessant. Es ist also die Vorlaufzeit, die Zeit des Wartens und der Spannung, die den Hormonhaushalt ankurbelt. In der Politik ist das anders herum.

PolitikerInnen begehren ein wichtigen Posten und halten wie besessen an ihrer Macht fest. Sie reden viel, sagen wenig und können einfach nicht verzichten oder sich schlechte Angewohnheiten abgewöhnen. Was wollte uns Angela Merkel sagen, als sie während der Koalitionsgespräche nach der Wahl 2005 meinte: "Ich kann über nichts sprechen, worüber noch nicht gesprochen worden ist"? Heute scheint sie im Zentrum ihres politischen Seins selbst gar nicht mehr so recht wissen, was sie eigentlich will: "Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist." Und Martin Schulz? Seine verbalen Hü- mal Hott-Sprungwechsel gipfelten mit der Aussage beim Bonner SPD-Sonderparteitag zu Koalitionsverhandlungen mit der Union im Januar 2018 gegen ein Verzicht und für ein starres Festhalten am Mitregieren: "Man muss nicht um jeden Preis regieren. Das ist richtig. Aber man darf auch nicht um jeden Preis nicht regieren wollen. Das ist auch richtig." Verzichten ist gar nicht so einfach, wenn wir doch so lange an dem festhalten, was wir kennen und was wir gewohnt sind. Kein Wunder also, dass es immer mehr Messies gibt, die den Überblick verlieren. Aber sind PolitikerInnen auch potentielle Messies? Manche Menschen und WählerInnen verzichten lieber auf ihr Wahlrecht, werden NichtwählerIn aus Überzeugung. Während einige also freiwillig bereit sind, sich etwas abzugewöhnen und auf etwas zu verzichten, sind andere wie Martin Schulz erst nach öffentlichem Druck zu einem (Außenministerposten)Verzicht bereit. Es gibt Menschen, die haben Selbstbewusstsein (oder Selbstüberschätzung?), und andere die wissen, wann es auch mal gut ist. Ein Merkelsches "Weiter so" ist Realitätsverweigerung. Und ist selbst schuld an der Tatsache, dass Deutschland immer weiter Fluchtursachen schafft, auch wenn es sich dazu bekennt, diese bekämpfen zu wollen. Menschen, die Schutz brauchen, müssen Schutz bekommen. Sie haben schon genug verzichtet. Auf ein Leben in Freiheit, das geprägt ist von Angst und Terror, Vergewaltigung und Tod. Dabei bräuchten Deutschland, Europa und die Welt tatsächlich nicht einfach nur eine andere, sondern vor allem eine kompetente Politik, die auch mal einen persönlichen Verzicht nötig macht. Dafür benötigt es aber Einsicht, weniger Inszenierung und mehr Visionen!

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