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Femme Riot

Fotocredits: Jürgen Knoth
Fotocredits: Jürgen Knoth

In Punk- und HC-relevanten Communities ist eine Überrepräsentation von (cis-)Männern erkennbar. Auch außerhalb davon haben Frauen* mit vielen Problemen zu kämpfen - sei es mit sexistischen Sprüchen, mit expliziten Ausschlüssen aus Gruppierungen oder mit den tradierten Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen, die auch durch interne Hierarchien reproduziert werden.

Die Sache mit dem Geschlecht

Uns geht es mit dem hier aufgemachten Spektrum „Femme Punk“ nicht darum, die teilweise praktizierten Abgrenzungen zwischen queertheoretischen feministischen Ansätzen zu wiederholen, sondern Möglichkeiten für produktive Verbindungen zu suchen. Dabei sollen zum einen bestehende Konfliktfelder zwischen Diskurs, Anspruch, Erwartung und Materialität sowie Struktur, Handlungsfähigkeit und Subjektivität aus (queer)feministischer Perspektive aufgezeigt werden.
„Femme“ ist nicht „Mann“ oder „Frau“. Es ist die Präsentation des Selbst. Auf der politischen Bühne zeigen sich Aktivistinnen wie die Femen-Gruppe1 in Femme-fatale-Manier: mit verführerischem nacktem Busen, aber wütend aktiv. Gleichermaßen nutzen die Femen-Aktivistinnen die Erotik für ihre eigene Publizität: bei Nacktheit wird hingeschaut. Überdies werden diesem Frauenbild Begriffe wie Unabhängigkeit, Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung zugesprochen und eine (vermeintliche) Macht über den Mann attestiert. Folglich ist es für weibliche Selbstinszenierung attraktiv.
Es wäre allerdings ein Fehlschluss, sie einzig als bloß sexistisches Mittel zu Verkaufszwecken abzutun. Ihre künstlerische Existenz berichtet von der Gesellschaft, von Ängsten und Sehnsüchten, von Träumen und Wünschen. Das Bild der Femme ist kontextgebunden und vielfältig. Das Bild einer selbstbewussten, aktiven Femme, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, weckt Begehrlichkeiten und Bedenklichkeiten, die sich zielbewusst in Szene setzt und das Grundgerüst der patriarchalen Gesellschaftsordnung attackiert.

Fotocredits: Jürgen Knoth
Fotocredits: Jürgen Knoth

VeranstalterInnen, die Musik-Industrie, Medien, A&R-ManagerInnen oder Promoagenturen berichten/deklarieren Bands, in denen ausschließlich Frauen als Musikerinnen aktiv sind und/oder in denen eine Frau als Sängerin fungiert, oftmals als „All-female-“/“all-girls-“/“female fronted band“.
Bands, in denen ausschließlich Männer als Musiker aktiv sind, werden im Gegenzug nicht als Männerband bezeichnet, sondern einfach als Band, ohne dass diese speziell gegendert wird. Warum also diese Unterschiede?
Eine Band mit weiblichen Musikern wird in Interviews oft gefragt, wie es sei als Mädchen/Frau in einer Band zu sein? Oder: Wie es ist, als Mädchen/Frau unter lauter Männern. Es ist eben nicht anders als ein Typ in einer Band zu sein. Okay, manchmal ist es schwieriger, während der Tour im Van in eine leere Colaflasche zu pinkeln, aber ansonsten ist es genau wie bei den männlichen Kollegen: „Wir sind Musikerinnen, die gerne laut Musik machen!
 Wichtiger ist es aber anzuerkennen, dass Frauen Musikerinnen sind. Punkt. Stereotypen sollten verschwinden und Bands sollten als das angesehen werden, was sie sind: Bands! Und der Besuch eines Punk-/HC-Konzertes sollte ein Abenteuer bleiben, denn nichts ist berauschender als in einem kleinen, stickigen Raum unter anderen adrenalingetriebenen, verschwitzten, jungen Körpern „verpackt“ zu sein und roboterhaft die Arme zum verzerrten Quietschen elektrischer Gitarren zu schwingen. Aber der Besuch eines Punk-/HC-Konzertes ist komplexer, als einfach nur herumzustehen und das Gehör zu verlieren. Wie in vielen anderen Bereichen entsteht hier eine eigene soziale Struktur; eine Hierarchie und eine ungeschriebene festgelegte Regel, die wichtige Entscheidungen vorschreibt, wie etwa wer in Bands sein kann oder nicht und wer während einer Show der Bühne am nächsten stehen kann oder nicht. KonzertbesucherInnen sind möglicherweise blind für diese sorgfältig aufeinander abgestimmte Macht- und Privilegienpyramide, aber oft reagieren sie auf diese subtilen Formen der Unterdrückung, die vor ihren Augen stattfindet, mit Ignoranz oder erkennen nicht, was daran falsch sein sollte.
Selbst wenn mensch die diskriminierende Sichtweise und Berichterstattung der Medien außer Acht lässt, gibt es in den subkulturellen und musikalischen Szenen selbst eine Geschichte von Frauen, die sich entfremdet/diskriminiert fühlen, weil sie wiederholt ausgeschlossen werden. Was diesen Szenen fehlt(e), war/ist eine feministische Grundidee, mit gleichen Rechten für alle Geschlechter!

Kathleen Hanna (Bildmitte); BIKINI KILL
Kathleen Hanna (Bildmitte); BIKINI KILL

Und hier kommen Bewegungen wie Riot Grrrl und Personen wie Kathleen Hanna2 und Allison Wolfe3 ins Spiel; Bands wie Bikini Kill, Heavens to Betsy und Huggy Bear waren nicht nur darauf aus, Musik zu spielen, sondern auch radikale Fragen zu stellen wie: „Warum können Mädchen nicht auch in Bands sein?“ In der Folge wurden Cut and Paste Zines, Ladyfeste und Do-it-yourself-Prinzipien entwickelt und evaluiert, die für viele revolutionär und lebensverändernd waren, die Möglichkeiten boten, sich auszudrücken und selbst aktiv, Teil einer Szene/Bewegung zu sein und diese mitzugestalten, mitzuwirken und zu beeinflussen. Riot Grrrl war hilfreich in dem Sinn, die Augen der Leute für ihre kreativen Möglichkeiten/für ihre Privilegien zu öffnen und andere junge Frauen zu ermutigen, Bands zu gründen, Filme zu machen und sich zu äußern. Aber wie alle anderen Bewegungen mit einem kulturellen oder politischen Aktivismus löste es nicht alle Probleme. Denn immer wieder durchdringen anti-feministische und sexistische Tendenzen in bestimmten Musikszenen (Rap, NS-HC, HC) - durchsetzt mit frauenfeindlichen, sexistischen Botschaften - den sozialen/gesellschaftlichen Raum. Die Tatsache, dass in dem vermeintlich liberalen, open-minded Bereich der Punkmusik, Geschlechter-Stereotypen, Vorurteile und andere rigide Ideologien und Sexismus reproduziert werden, wirkt umso tragischer, als dass diese als eine Plattform und als Rebellion gegen gesellschaftliche Standards fungiert.
Ob es Mädchen sind, die keine Unterstützung bekommen, wenn sie Instrumente lernen wollen zu spielen, oder nicht in der Lage sind, an der Organisation von Konzerten teilzunehmen, oder belästigt werden, weil sie einfach so tanzen, wie sie es bei einer Show tun möchten, das sind Themen, die alle betreffen, weil hier Ausschlüsse produziert werden und patriarchale Strukturen entstehen. Obwohl diese diskriminierende Handlungen Frauen offensichtlich am direktesten und am akutesten schaden, verletzen diese Probleme und Unterdrückungen wirklich jeden, weil sie die Stereotypen und repressive Systeme wie das Patriarchat verstärken. Die kulturellen Veränderungen, die notwendig sind, um Sexismus zu verringern, können nur mit einer Revolution geschaffen werden, solange Einstellungen die Bedeutung und der Art der Unterdrückung reproduzieren. Diese tradierte Vorstellung kann auf alle Fragen angewandt werden, die der Feminismus im letzten Jahrhundert zu lösen versucht hat; einschließlich des Themas der Diskriminierung von Frauen in der Musik. Wenn Männer aktiv daran arbeiten, eine positive Einstellung gegenüber weiblichen Punkrockerinnen zu fördern, und wenn Mädchen und Frauen sich frei fühlen könnten, mit ihren musikalischen Fähigkeiten zu experimentieren, wäre die Welt ein besserer Ort. Aber das wird nur geschehen, wenn das Bewusstsein und die Bereitschaft vorhanden ist und wenn Frauen ihre Empörung in ihren Blogs und Zines und ihrer Kunst äußern. Wahre Veränderung wird gewöhnlich aus den Wünschen der Menschen und nicht aus denen der dominierenden Positionen geboren. Wenn sich genügend Frauen/Mädchen zu Wort melden und sich über ihre Ausgrenzung in den  Musikszenen äußern, ein Thema, das von den größeren Medien oft ignoriert wird, wird vielleicht eine Dynamik und Kraft entstehen, die einen echten Fortschritt ermöglichen. Alles andere wäre eine Schande, wenn Hierarchien/männliche Privilegien/geschlechtliche Stereotypen weiterhin die Kreativität, die Stärke und das Potenzial des Punk Rocks bestimmen würden.

Fußnoten:

1. Femen (ukrainisch Фемен, in Eigenschreibweise FEMEN) ist eine am 11. April 2008 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegründete Gruppe, die sich als feministisch definiert und durch provokante Aktionen internationale Beachtung gewonnen hat.

2. Kathleen Hanna ist eine US-amerikanische Musikerin, feministische Aktivistin und Autorin. Sie war Sängerin der Punkband Bikini Kill und gründete die Electropunkband Le Tigre. Sie trug erheblich zur Erneuerung des Feminismus in den USA bei und gilt als Symbolfigur der Riot-Grrrl-Bewegung.

3. Sängerin von Bratmobile (1992-1994), Ladyfest-Organisatorin

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