· 

Lucky Malice

Lucky Malice in action
Lucky Malice in action

Lucky Malice aus Norwegen spielen seit Bandgründung 2004 laut eigener Aussage „schlagkräftigen und kompromisslosen Riot grrrl-Punk Rock“. Linda und Karine arbeiten als Lehrerinnen und Hanna als Künstlerin, die auch als Köchin arbeitet, Kunstfilme und leckeres Essen produziert.

In einer Bandbeschreibung heißt es: „Wir wollen kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir sind ein Sprachrohr für junge Frauen, die nicht so eine laute Stimme haben. Wir werden für euch schreien!“ Sie fühlen sich privilegiert, weil sie auf der Bühne stehen und vor Publikum singen können, was und worüber sie wollen. Damit rebellieren sie auch gegen das tradierte Rollenklischee, wie eine perfekte Frau zu sein und sind von Musik und Attitüde inspiriert von Bands wie Sleater Kinney und Bikini Kill.
Wer die Band live gesehen hat, weiß, dass sie auf der Bühne alles geben. Wir wollten von ihnen - passend zum Themenschwerpunkt „Femme Rebellion“ wissen - was sie zu Aspekten wie Sexismus/Feminismus und tradierten Rollen- und Geschlechterklischees zu sagen haben.

Es gab immer eine Debatte darüber, was eine Band oder Person punkig macht und ob es ein bestimmtes Kriterium gibt. Das gleiche könnte wahrscheinlich für Feministinnen gesagt werden. Wie würdest du Feminismus definieren?
Einfach gesagt, wenn du Feminismus unterstützt oder du dich Feministin nennst - gehst du davon aus, dass alle Menschen grundlegend gleichberechtigt sind und gleiche Rechte haben sollten, egal welches Geschlecht du hast. Für uns geht es beim Feminismus auch darum, sich von den traditionellen Stereotypen und sozialen Regeln zu lösen, was eine Frau eigentlich sein soll und was wir tun oder nicht tun sollen. Wenn du als Frau geboren wurdest, wirst du mit einem Erbe von Normen geboren, und wenn du diese nicht erfüllst und die Erwartungshaltung erfüllst, beginnst du früher oder später, dagegen zu kämpfen. Wir wollen, dass die nächste Generation von Frauen die Möglichkeit hat, ihr Leben ohne Druck und Erwartungen zu wählen und ein freies und glückliches Leben zu führen. Natürlich wollen wir das für alle Menschen, aber die Geschichte zeigt, dass Frauen und Trans in einer Welt voller Scheiße immer das meiste davon abbekommen.

Wie denkst du darüber, ein Festival zusammenzustellen, wo nur Nicht-Männer willkommen sind?
Wir werden nicht dabei sein, denn Freunde und Familie, die unseren Kampf unterstützen, werden abgelehnt. Wir glauben, dass alle Geschlechter zusammenarbeiten müssen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Und wir mögen es nicht, Menschen aufgrund ihres Geschlechts auszuschließen. Wir denken, dass es bessere Wege gibt, das Patriarchat zu zerschlagen, als sich auf ihr Niveau zu begeben. Aber wir erkennen diese Möglichkeit an, dass ansonsten einige Gruppen von Frauen und Transsexuellen keine andere Möglichkeit haben, wenn Männer ihre lokale Szene mit Sexismus/sexistischem Verhalten und männlicher Dominanz zerstören.

Was ist in deinen Augen der richtige Weg, um sexistische Probleme innerhalb der Punk-Community anzusprechen?
Mach' dich über sie lustig. Mach sie klein. Humor ist eine starke Waffe. Habe keine Angst, zu widersprechen. Wenn sexistische Idioten beschließen, verbale Scheiße zu reden, lass sie es bereuen, ihren Mund geöffnet zu haben. Greife sie als Gruppe verbal an, unterstützt euch gegenseitig.

Das Ziel von Safer Scenes ist es, sexuelle Gewalt auf Tour zu verhindern und jungen Menschen und alle, die in der Installation sicherer Räume in ihrer Community investieren, zu unterstützen. Warum sind nur Frauen-Räume und reine Frauen-Shows notwendig?
An manchen Orten sind sexistische cis-Männer so überrepräsentiert und dominant. Sie entwickeln eine Power, die andere Geschlechter daran hindert, sich entfalten (und kreativ wirken) zu können. Sie definieren und machen die Standards und die Regeln. Damit Frauen und Trans-Personen überhaupt eine Chance haben, um sich ausdrücken, sicher zu sein, Teil des Organisierens und auf der Bühne aktiv zu sein, Platz zu haben - zum Beispiel vor der Bühne - müssen sie Austragungsorte und Shows machen, wo die cis-Männer nicht stören, zerstören und übernehmen können. Dann können sich die Frauen und die Trans-Personen gegenseitig motivieren und stärken - und dann zusammen den Sexismus und die männliche Dominanz zerstören.

Punk wird oft mit Aussehen, Mode assoziiert. Punk reproduziert auch Geschlechterrollen und Geschlechterstereotypen. Wie wichtig war Riot Grrrl in diesem Zusammenhang und wie sind deine Einflüsse von Riot Grrrl?
Riot Grrrl hatte von Anfang an einen großen Einfluss auf uns. Wir lieben die Ästhetik der Mode, die Kombination aus super feminin, Make-up und dabei immer noch ein verdammt hart Punk zu sein. Wir sind innerhalb der Band verschiedene Charaktere. Karine und Linda sind mehr „girlygirls“, während Hanna natürlicher ist, ohne Make-up und voller Körperbehaarung.
Mit Riot Grrrl haben wir Vorbilder, die uns gezeigt haben, dass wir nicht wie Jungs aussehen müssen, obwohl wir harten Punk spielen. Und dass es so viele verschiedene Arten von Frauen gibt, und alle von ihnen waren zäh und ehrlich zu sich selbst. Stereotypen sind kein Problem mehr, solange du nicht von den Stereotypen bestimmt wirst. Geschlechterrollen sind nicht wirklich an eine Erscheinung oder Mode gebunden, Geschlechterrollen sind Erwartungen. Riot Grrrl ist ein Beispiel, wo das Aussehen und die Mode mit etwas traditionellem für Frauen, wie Kleider und Make-up, in Verbindung gebracht werden könnten, aber ihre Einstellung und Musik brach mit den Erwartungen dessen, was Frauen traditionell sein sollten.

Erinnerst du dich an das erste Mal, dass du anders behandelt wurdest, „nur“ weil du eine Frau/Musikerin bist?
Soundcheck ist eine Arena, in der Männer dominieren. Die Organisatoren und Bühnencrew sind meist Männer. Bei unseren ersten Konzerten hat der männliche Toningenieur oft auf der Bühne eingegriffen, den Sound reguliert und eingestellt - noch bevor wir die Chance hatten den Sound selbst einzustellen. Wir wurden soundtechnisch oft sehr herablassend über unsere Entscheidungen befragt: „Bist du dir sicher, dass das der Gitarrensound ist, den du willst?“ Und wir hörten selten dasselbe, wenn Boygroups Soundcheck machten. Davon ist jetzt nicht mehr viel übrig. Ich schätze, wir haben alles durchgemacht und sind über die Jahre selbstbewusster geworden. Jetzt geben wir den Männern keinen Raum mehr, sich einzumischen. Aber es kann für Frauen so schwierig sein, sich dieser Misogynie zu stellen, wenn sie noch jung und unsicher sind,. Und es kann dazu führen, sie dazu zu bringen, als Musikerin in einer Band aufzuhören.

Bist du in der Punk-Szene mit Sexismus und Fremdenfeindlichkeit konfrontiert? Wie gehst du damit um?
Wir hatten Glück mit den „Szenen“, in den wir bislang gespielt haben. Wir sind schon mit Sexismus und Fremdenfeindlichkeit konfrontiert worden. Es gab einige Ausrufe aus dem Publikum wie „Ich werde dich nach der Show vergewaltigen“, „Ich werde dich später ficken“, „zeige deine Titten“. Wir haben aufgehört zu spielen, von der Bühne aus die Person / Personen angesprochen, die Scheiße redet(en). Wir mussten auch desöfteren das männliche Publikum daran erinnern, rücksichtsvoll zu sein und sich zu beruhigen, wenn sie zu körperlich werden und die Mädchen vorne auf der Bühne verletzen.

Als 7 Seconds 1984 „Not Just Boys Fun“ sangen, trugen sie dazu bei, Sexismus im Punk zu kritisieren und lösten eine Debatte über männliches Dominanzverhalten aus. Ist es naiv zu glauben, dass sich im Mikro-Kosmos des Punk irgendetwas ändern wird?
In einer Welt, in der das Patriarchat vorherrscht, werden natürlich alle männliche Rollenbilder und -Klischees reproduziert und bedient. Und Männer hören immer anderen Männern zu, die sie bewundern. In Norwegen ist unsere Generation von Männern in der Punk-Szene stark von der Generation der Punks aus den späten 70er und 80er Jahren beeinflusst und die Frauen in dieser Phase waren super stark. Sie zwangen Männer, die sexuelle Übergriffe begingen, „Vergewaltiger“ auf die Stirn von Männern zu ritzen und rächten sich mit physischer Gewalt an den sexistischen Männern, die versuchten, die Szene zu beeinflussen. Die meisten männlichen Musiker in der Szene unterstützten die Frauen und halfen ihnen, sie niederzuschlagen. Daher ist die norwegische Punk-Szene jetzt ziemlich homogen und Sexismus dominiert diese nicht. Obwohl es viel weniger Frauen und Trans-on-Stage gibt - warum ist das eigentlich so? Natürlich hat die norwegische Punk-Szene auch schlechte Emporkömmlinge, aber dieser Nachwuchs ist meist minderjährig und wird ziemlich schnell von der Szene ausgestoßen.

Eine der am meisten diskutierten Aussagen ist, ob mensch auf der Bühne sein/ihr Shirt ausziehen sollte. Wie würdest du darauf reagieren, wenn bspw. Musikerinnen ohne ein Shirt auftreten, sei es wegen des Schockwerts, als Protesthandlung und der Idee, dass es Gleichheit bedeutet oder als ironisierendes Mittel wie „das ist meine Zweideutigkeit, lerne damit umzugehen“?
Wir ziehen unsere Hemden nicht aus, weil das immer noch eine ziemlich radikale Sache ist, und wir wollen nicht, dass der Fokus auf unseren Brüsten liegt, sondern auf unserer Musik und Energie.
Ein Traum wäre es allerdings, es zu tun, ohne dass jemand eine Augenbraue hebt.
Wir sind es leid, dass der Körper sexualisiert wird, und wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Frauen immer oben ohne dargestellt wurden, um Männern zu gefallen und durch die Zurschau- und gleichermaßen Bloßstellen junger Mädchen/Frauen das tradierte Geschlechterklischee zu bedienen.
Frauen wurden von einigen unserer weiblichen Vorbilder, die uns in unserer Kindheit umgaben, blasiert. Es hat uns gelehrt, dass der weibliche nackte Körper dazu dient, Männer geil zu machen. Wir sind von diesen Denk- und Einstellungsmuster geprägt. Und wie wir schon sagten, wollen wir, dass die nächste Generation von Frauen nicht davon gezeichnet wird, sondern frei ist! Wir bewundern die Frauen, die damit kokettieren, sich zu entblößen, um sich im wahrsten Sinne von allen Klischees zu befreien, und eines Tages werden wir vielleicht dasselbe tun.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0