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Alternative Medien und Kapitalismus

Illustrationen: Susann Massute
Illustrationen: Susann Massute

Anti-Flag1fordert in ihrem Song „Underground Network“2eine alternative Form von Medien, die über die Berichterstattung in den Massenmedien hinausgeht, um herauszufinden, was wirklich in der Welt geschieht.

Anti-Flag
Anti-Flag

Die Band geht davon aus, dass die Medien von Kapitalist*innen geleitet werden, die nur daran interessiert sind, Geld zu verdienen, ohne sich um die Substanz der Informationen zu kümmern, die sie verbreiten. Dies zeigt sich in der Textzeile: „Just take a look around the world and you’ll find that nearly all mass media are owned by a handful of conservative capitalists“ (Schau dich in der Welt um und du wirst feststellen, dass fast alle Massenmedien im Besitz einer handvoll konservativer Kapitalisten sind).

Die Idee von kapitalistischen Medien kann in dem Roman „White Noise“ von Don DeLillo gesehen werden. Als sich ein Giftgasunfall in einer nahen Chemiefabrik ereignet, versucht der Professor Jack Gladney aus der Kleinstadt Blacksmith eine Berichterstattung über das Ereignis im Fernsehen zu finden. Als er eine solche Berichterstattung nicht finden kann, sagt er: „Es gibt nichts im Netzwerk. Kein Wort, kein Bild“ (S.154-155). Er kann nicht verstehen, warum es keine Medienberichterstattung über diesen Giftgasunfall gab. Infolgedessen fühlt er sich unbedeutend. Der wahre Grund, warum es in den Medien keine Berichterstattung gab, liegt an der Tatsache, dass die Mainstream-Medien normalerweise keine Geschichten aus kleinen Städten wie Blacksmith thematisieren und aufgreifen, sondern ignorieren. So hat er auch bislang angenommen, dass wirklich wichtige schlimme Ereignisse hauptsächlich in größeren Städten und anderen Ländern passieren. Auch die Tatsache, dass im Roman vornehmlich Boulevardblätter das Tagesgespräch mit Klatsch -und Tratsch-Geschichten von Promis füllen und bestimmen, belegt die Tatsache, dass Amerikaner*innen sich mehr mit unbedeutenden Dingen befassen, als über wichtige Ereignisse nachzudenken, die auf der ganzen Welt stattfinden. Anti-Flag ist überzeugt, dass „corporate media can’t keep us beat down, brainwashed, enslaved“ (Kommunikations- und Marketingaktivitäten von Unternehmen können uns nicht niederschlagen, einer Gehirnwäsche unterziehen, versklaven) und „we must devise and implement alternative methods of distributing our news, our information, our ideas“ (Wir müssen alternative Methoden entwickeln und implementieren, um unsere Nachrichten, unsere Informationen, unsere Ideen zu verbreiten). Das bedeutet, dass wir, um genaue informative Nachrichten zu erhalten, den Kapitalismus aus den Massenmedien herausholen müssen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch die Stärkung einer gesellschafts- und medienkritischen Perspektive. Gerade mit Blick auf die digitalen Medien, digitale Kommunikation und des Social Web ist die Notwendigkeit von Quellenkritik und Kontextualisierung von Informationen (z. B. bei Wikipedia) und einen selbstkontrollierten Umgang mit eigenen Daten sowie die kreativen Möglichkeiten digitaler Medienproduktion geboten. Gleichzeitig werden problematische Medienentwicklungen immer deutlicher. Zu nennen sind vor allem die enorme Kommerzialisierung im Social Web und der extreme Kontrollverlust hinsichtlich privater Daten. Andererseits unterscheiden sich mediale Berichterstattung und Strukturmuster im Kontext gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse. In autokratischen Regimes mit Repressionen sowie willkürlichen Umgang mit der Meinungs- und Pressefreiheit soll sichergestellt werden, dass strategisch wichtige wirtschaftliche und militärische Eliten an das politische Regime gebunden werden und vor allem die politische Teilhabe von zivilgesellschaftlichen Akteuren eingestellt wird.

Kommerzielle Interessen und mediale Kontrolle

Das Hauptziel der Kommerzialisierung im Kontext der Internet-Entwicklung ist es, durch die systematische Nutzung und Auswertung von sehr vielen Nutzerdaten Geld zu verdienen und Märkte zu erobern. Generell ermöglicht die digitale Vernetzung und Interaktivität die ständige und flexible Verfügbarkeit von Menschen und Maschinen. Die flexible, weltweite Verfügbarkeit von Menschen und Maschinen ist wesentlich, um als ‹global player› Kapitalakkumulation in Richtung Kapitalkonzentration und Monopolbildung vorantreiben zu können. In der Folge werden Abläufe des Alltags und des Mensch-Seins optimiert, haben aber einen harten kapitalistischen Kern: die Erschließung neuer Absatzmärkte, die Ausbreitung des Marktes immer weiterer Lebensbereiche, die Kontrolle und Überwachung des Körpers. Wir haben es mit einer paradoxen Situation zu tun: Einerseits beweist der Kapitalismus seine Selbsterneuerungskraft dadurch, dass er die systematische Verwertung digitaler Daten ins Zentrum seiner Kapitalanhäufung rückt – und es offensichtlich dabei schafft, entsprechende Daten-Enteignungsprozesse großen Teilen der Bevölkerung als unproblematische Begleiterscheinung und sogar als persönlichen Vorteil zu verkaufen (nach dem Motto: „Ich habe nichts zu verbergen, bekomme dafür gezielt Informationen und Angebote und kann am Leben vieler Menschen teilnehmen“). Andererseits verbinden sich mit der aktiven Nutzung digitaler Technologien Hoffnungen wie sharing economy, Dezentralisierung, Kooperation, offene Zugänge statt Eigentumsprinzip etc. Gleichzeitig gilt es, den Druck der Zivilgesellschaft in Richtung Politik und kapitalistische (Internet-)Wirtschaft zu verstärken und erheblich bessere strukturelle Rahmenbedingungen für informationelle Selbstbestimmung einzufordern.

Die größten Probleme herkömmlicher Alternativmedien (Alternativpresse, freies Radio, offene Kanäle) sind der Mangel an Ressourcen und Bezahlung, die zu Selbstausbeutung, Abschiebung an den Rand der Gesellschaft und prekärer Arbeit führen. Alternative Onlinemedien sind einfach, schnell und billig produzierbar. Es wird heute genügend alternative, kritische Information produziert, die online verfügbar ist. Das Problem alternativer Onlinemedien besteht darin, wie sie die Aufmerksamkeit der User auf sich ziehen können, um nicht in der Informationsflut unterzugehen. Aufmerksamkeit im Internet ist eine Ware, d.h. sie kann ge- und verkauft werden. Großkapitalistische Akteure wie Google, CNN oder die Bildzeitung haben eine große Anzahl täglicher Nutzer*innen, während alternative Onlinemedien wie Indymedia, Bildblog u.a. eine geringe Onlinereichweite erzielen. Dieser Sachverhalt verdeutlicht, dass das Internet zwar neue Möglichkeiten bietet, sich in ihm aber vor allem auch kapitalistische Machtverhältnisse reproduzieren und neu erzeugen.

 Diese Statistik zeigt das Ranking der reichweitenstärksten Internetangebote in Deutschland. Unter den Top 20 Internetangeboten verzeichnete Spiegel Online im Mai 2018 rund 242 Millionen Visits. Auf den Plätzen eins und zwei lagen laut Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. (IVW) die Nachrichten-App upday und eBay Kleinanzeigen. Rang drei ging an twitch.tv (mehr als 397,8 Millionen Visits)

Vor der Weltwirtschaftskrise im Zeitraum (ab 2007) wurde in den bürgerlichen Medien in der Regel von der ungleichen Verteilung von Einkommen und Wohlstand und den explodierenden Konzerngewinnen und Managergehältern geschwiegen, während der Neoliberalismus als alternativlos gefeiert wurde. Im Zuge der Krise wurden aus ehemaligen neoliberalen Journalisten, Politikern, Managern und Aktienbesitzer*innen über Nacht Neokeynesianer3, die eine stärkere Regulierung des Kapitalismus beschwören. Und plötzlich wurde Marx von den bürgerlichen Medien wiederentdeckt. So zeigt zum Beispiel das Time Magazine in seiner Ausgabe vom 2. Februar 2009 Marx4 auf dem Cover und fragt in Bezug auf die Krise: „What would Marx think?"

Karl Marx auf dem Time Magazine-Cover
Karl Marx auf dem Time Magazine-Cover

Marx wird in der Titelgeschichte zum Retter des Kapitalismus stilisiert und dadurch bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt: "Rethinking Marx. As we work out how to save capitalism, it’s worth studying the system’s greatest critic".
 Die historische Chance für Alternativmedien (und alternative Bewegungen) besteht heute darin, Alternativen zum Kapitalismus öffentlich zu diskutieren. Dazu sind ein neuer Antikapitalismus und ein neuer Klassenkampf notwendig. Alternativmedien sind Medien, die, wie Marx in seiner Verteidigungsrede festhielt, „Für die Unterdrückten in ihrer nächsten Umgebung auftreten“ und dabei helfen wollen, „alle Grundlagen des bestehenden politischen Zustandes zu unterwühlen“ (Marx-Engels-Werke 6: S. 234).
Und so würde Marx womöglich heute aufrufen: Auf Genoss*innen, zum medialen Klassenkampf...und der - so scheint es - ist alternativlos!

Fußnoten:

1. http://anti-flag.com/

2. Video mit Lyrics: https://youtu.be/YIyQQeySI2A

3. „Keynesianismus“ steht für den überzogenen Glauben an die Allmacht von Wirtschaftspolitik, für unwirksame staatliche Ausgabenprogramme

4. http://content.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1873191_1873190_1873188,00.html

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