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OX #138

OX #138
OX #138

OX #138
148 DIN-A-4-Seiten; € 5,90.- + CD
OX-Fanzine, Postfach 110420, 42664 Solingen
www.ox-fanzine.de
Die Overdosis V.A. am Anfang des umfangreichen Heft-Inhalts und den für mich beliebten Reviews alter Punk-Classics, die aus der Sammlung bzw. dem Regal hervorgekramt werden, zeigt auf...ja, was eigentlich?

Ich denke, gerade diese Punk-Classics sind immer wieder der Grund dafür, dass sich die RezensentInnen auch gerne daran erinnern wie sie zum Einen mit Punk/HC "groß" geworden sind und zum Anderen vielleicht auch feststellen, dass das große Abenteuer, Punk- und HC-Musik zu entdecken, heute aufgrund der Verfügbarkeit, Schnelllebigkeit, dem Überangebot, vorbei ist und insofern bedienen diese Rubriken auch eine nostalgische Retro-Produkt-Nische. Diese short shots sind aber auch für u.a. Triebi Instabil, Zahni Müller, Markus Kolodziej von großer Bedeutung, da die Musik von Bands wie Joy Division, Buzzcocks, AC/DC, Kraftwerk und die ersten beiden Underground Hits-Sampler "Maßstäbe setzten", "neue Horizonte eröffneten", von "Vielseitigkeit zeugt".
Auch MADBALL gelten nicht länger als Nebenprojekt und die kleinen Brüder im Geiste von AGNOSTIC FRONT, gleichwohl es Frontmann Sänger Freddy für Roger Miret natürlich immer sein wird. Schließlich hat Freddy den großen Bruder Roger mit 7 Jahren in New York von der in Miami lebenden Mutter besucht und wurde durch Roger in die harte von Gewalt geprägte Community eingeweiht und im Schlagzeugkoffer zu Konzerten in den Clubs eingeschmuggelt, um  Bands wie Reagan Youth, Bad Brains, Misfits und eben A.F. live mit zu erleben.
Auch PENNYWISE haben den olschool-vibes bewahrt und die Balance gefunden. Und mit dem "Norway Punk und HC-Szene-Report" von HC-Helge, an dem Triebi Instabil mit Übersetzung und Bearbeitung beteiligt ist, gibt es wie auch schon zum Pendant zum Italien-Szene-Report in den vorherigen OX-Ausgaben einen weiteren punkhistorischen Beleg dafür, wie sich die europäische Szene veränderte, stärker vernetzte und positive Einflüsse auf die DIY-Kultur hatte und das selbstzerstörerische, destruktive Verhalten, die Punk in eine Sackgasse führte, neu besetzte. Helge befragte Personen von nicht mehr existierenden oder noch aktiven Bands wie ANGOR WAT, SVART FRAMTID, KAFKA PROCESS, BANNLYST, ISRAELVIS, SO MUCH HATE, LIFE...BUT HOW TO LIVE IT nach den Anfängen, den Einflüssen, den wichtigsten Squats.
Jello Biafra zeigt ein mal mehr, dass er zu politischen Themen sachlich fundierte Kritik äußert, gut recherchierte Zusammenhänge mit rhetorischem Geschick erklärt, wie Trumpismus möglich (gemacht) wurde/entstehen konnte, und Jello gibt nicht auf, irgendwann doch einmal das Amt des Bürgermeisters für San Francisco zu übernehmen. Freundliches Chaos und politischer Kampf waren ja immer eins bei den Dead Kennedys und ihrem Sänger Eric Reed Boucher, dessen Künstlername Jello Biafra sich zur Hälfte auf einen US-Gelatinehersteller und zur Hälfte auf einen der grausamsten Kriege im postkolonialen Afrika bezieht.
Des Weiteren knüpft auch das Interview mit Filmemacherin Penelope Spheeris an die in dieser OX-Ausgabe größtenteils herauskristallisierte soziale und (sub)kulturelle Feldforschung an, die menschliches Verhalten studiert und herauszufinden versucht, was zur Hölle in unserer heutigen Gesellschaft vor sich geht. Spheeris wird oft als "Rock 'n Roll Anthropologe" bezeichnet. Spheeris Spielfilmdebüt war 1979 der Dokumentarfilm über die Punkszene von Los Angeles, "The Decline of Western Civilization", der mit überwältigendem Lob aufgenommen wurde. 1983 schrieb und inszenierte sie "Suburbia", produziert von Roger Corman. 1992 drehte Spheeris ihren siebenten Spielfilm und den ersten Studiofilm "Wayne's World" bei Paramount Pictures.

Gesamteindruck:

DIY und Mainstream, Punk als Waffe der Aufklärung. Es sind diese Widersprüche, die immer wieder Kontroversen auslösen und die für das OX in ungewöhnlicher deutlicher Art und Weise zum Vorschein kommen. Zurück zu den Wurzeln? In Teilen ja, doch es geht in den aufgeführten Artikeln, Interviews und Rubriken nicht nur darüber wie alles begann und über einen Diskurs zu einem Lebensgefühl, sondern um notwendige wenn auch verkürzte Analysen und subjektive Betrachtungsweisen, die in Erzählhaltungen das Verhältnis und die Möglichkeiten erklärt, wie Punk als Begegnungs-, Arbeits- und Produktionsstätte funktioniert, welche künstlerischen, politischen Aspekte und Aktivitäten Auswirkungen auf diese haben und was dafür Katalysator und Nährboden ist. Um diese Ausrichtung auszuweiten und zu vertiefen, darf gerne auf das eine andere der zahlreichen Interviews verzichtet werden.

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