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United & Strong

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New York Hardcore - Mein Leben mit Agnostic Front
Roger Miret mit Jon Wiederhorn
www.ip-verlag.de
288 Seiten; (50 Abbildungen); € 19,90.-
ISBN: 978-3-940822-12-3
Das englischsprachige Original ist mit "My riot: Agnostic Front, Grit, Guts & Glory" betitelt und erschien im letzten Jahr. Das Buch ist wie ein Film: Gangs of New York trifft in dieser brutalen, ehrlichen Erinnerung auf Mean Streets und schildert in den ersten Kapiteln den Überlebenskampf der 1980er Jahre in der Lower East Side. Roger findet findet Zuflucht in der Musik und in einer eingeschworenen Community, er findet aber auch Rückhalt in der Familie.

Die von Jon Wiederhorn verfasste Biographie bietet zum größten Teil definitive Insider-Einblicke der volatilen New Yorker Hardcore-Szene der frühen 1980er Jahre. Rogers Geschichte und Erinnerungen sind aber zum größten Teil geprägt von widerfahrener und ausgeführter Gewalt sowie von Drogenkonsum und -verkauf, der mit dem damit verknüpften Gefängnisaufenthalt aber auch von ihm beendet worden ist. 
Roger Miret ist Sänger der legendären und anfangs berüchtigten und diskursiven Band Agnostic Front, der er 1982 beitrat und die den sogenannten NYHC mitprägte. Roger kompensiert(e) die Wut und Aggression mit der Musik, in vielen Beispielen ist die Musik aber auch das Ventil, die Gewalt loszutreten.
Der in Kuba geborene Roger Miret floh mit seiner Familie in die USA, um dem Castro-Regime zu entkommen. Mit einer lebendigen Sprache und grafischen Details erzählt Miret, wie er in einem fremden neuen Land mit einem tyrannischen, beleidigenden Stiefvater aufgewachsen ist und mit den Rollen, die Armut und Gewalt bei der Gestaltung der für sein Überleben kritischen Härte spielten. In seinen Jugendjahren findet er sich in verlassenen Gebäuden mit anderen Ausreißern und Opfern ähnlicher Kindheitstraumata wieder. Bald wird er ein respektierter und gefürchteter Anführer der Szene und ein Beschützer.
Mirets packende Memoiren sind ein Beweis für die Gefahren, zu schnell zu jung zu werden und Erlösung durch schiere Kraft, Ausdauer und Mut zu finden.
Jon Wiederhorn hat bereits mehrere Musiker-Biographien mitgeschrieben und ist Co-Autor von "Louder Than Hell: Die endgültige Oral History of Metal", "Ministry (mit Al Jourgensen)" und "I am the man" (mit Scott Ian). Er hat unter anderem für Revolver, Rolling Stone und SPIN geschrieben.

Photo: Rod Orchard Photography
Vinnie Stigma und Roger Miret

Bereits die ersten Kapitel beschreiben die viele Gewaltanwendungen, die häusliche Gewalt, die auch Roger ausgesetzt war. Sein Stiefvater bleute ihm ein, dass kämpfen und Gewalt wichtig seien, seinen Mann zu stehen. Rogers Denken und Handeln in Konfliktsituationen war also nicht von Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung von Gewalt geprägt, sondern in den hier beschriebenen Situationen als Präventivschlag. Diese Handlungen sind während des Lesens bisweilen abstoßend und widerlich zu ertragen. Die Kämpfe auf offener Straße, auf den Konzerten vermitteln durchaus den Eindruck, wie es das MRR aus der Ferne zusammenfasste. Agnostic Front seien eine Gang, eine gewaltbereite Hassgruppe. Und für mich kann Roger diesen Vorwurf nicht ausräumen, stellt schließlich fest, dass "wir uns nur nichts gefallen ließen(...)Wir standen unseren Mann, und ja, wir schlugen Leute zusammen, wenn man uns provozierte" (Kapitel 13) und erklärt diese Aktionen damit, dass es ums Überleben auf der Straße ging. In einem früheren Kapitel schnappt sich Roger mit ein paar Freunden einige Baseballschläger und schlagen Obdachlose krankenhausreif, weil diese sich nicht zu benehmen wussten und er ihnen eine Lektion erteilen wollte. Gewalt und der Umgang mit Lebenssituationen sind ein wiederkehrendes Oxymoron und zeigt das ambivalente Verhältnis in sehr detaillierten Schilderungen. Auch wenn es für Roger nicht ums Schikanieren ging, sondern um Respekt, wirkt die skizzierte Gewalt für Außenstehende wie ein sinnloser Gewaltexzess, die Roger sogar kulturell verortet sieht, als allgegenwärtige Bestandteil der amerikanischen Kultur (Kapitel 32).
Vor allem im CBGBs, Wohnzimmer, Geburtsstätte und Anlaufstelle für und von Punk/HC-Musik in der Lower East Side, kam es Ende der 1980er immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gangs. Die gewalttätige Fehde zwischen der New York-Community und Washington D.C. führte bei gegenseitigen Konzertbesuchen zu regelrechten Gewaltexzessen, die Roger detailliert beschreibt. Gerade in diesen von Gewalt geprägten Einblicken knistert die Spannung und der Funke der Gewalt ist regelrecht spürbar.

(Photo: Amy Keim)
Raybeez (AF) und Jimmy Gesatpo (Murphys Law)

Roger skizziert aber auch die Verknüpfungen und die Anfänge der originären Vertreter des New York Hardcore mit Bands wie The Abused, Agnostic Front, Reagan Youth, The Mob und Urban Waste, die vor allem ein Bezug zum britischen Oi! hatten. Aber auch Bands wie Murphy's Law, Cro-Mags sind von persönlicher Bedeutung. Später mit unter anderem Madball schließt sich der Kreis der Familie durch die immer wiederkehrende Begegnung mit Bruder Freddy, der auch bei Agnostic Front als Sänger aushalf, und der von Roger mit 7 Jahren in die geheimnisvolle, abenteuerliche und gefährliche Welt des New York Hardcore eingeweiht und bspw. in einem Schlagzeugkoffer zu einem Konzert "eingeschmuggelt" wurde.
Die New Yorker Szene stand vor allem im Ruf gewalttätig, sexistisch und teilweise auch rassistisch zu sein. Diese Vorwürfe kristallisierten sich vor allem aus den Texten von Agnostic Fronts Album Cause for Alarm, die überwiegend aus der Feder von Billy Milano (M.O.D.) und Peter Steele (damals: Carnivore) stammten. Roger kann zumindest einige dieser Vorverurteilungen und Vorwürfe erklären und nutzt hier die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu erzählen, die zumindest nachvollziehbar, aber oft nicht verzeihbar sind. Zum Ende distanziert sich Roger von vielen (Gewalt)Taten und beschreibt die Liebe zu seiner Familie. Und gerade die letzten Kapitel sind eine harmonische und versöhnliche Leseart, nach den heftigen Kapiteln mit den impulsiven Charaktereigenschaften.

Gesamteindruck:

Roger hat die Gelegenheit genutzt, die mit Jon zusammengetragenen Versionen seiner Lebensgeschichte mit den Aspekten Gewalt, Drogen, Musik, Familie schonungslos offen und authentisch zu erzählen.Eine Lebensgeschichte, die aber auch viele Fragen offen lässt.

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