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Veganismus ist (k)eine Religion!

In einem jüngst auf SPIEGEL ONLINE verfassten Artikel1 leitet der Autor Arno Frank her, dass "sie (gemeint sind VeganerInnen) Andersdenkende mit missionarischem Eifer verfolgen", stellt VeganerInnen als eine spezielle Menschengruppe dar, unterstellt ihnen einen latenten Faschismus mit einem "Bessere Menschen"-Prinzip, mit dem VeganerInnen andere diskriminieren, diskreditieren und eben missionieren. Im späteren Verlauf "enttarnt" er VeganerInnen als Pseudos, die auch mal "aus Versehen" Schuhe aus Leder tragen oder heimlich einen Kinderriegel essen und schlussfolgert, dass bekennende VeganerInnen Extremisten seien.

Nachdem ich diesen Humbug einigermaßen verdaut und versucht habe, den Beweggrund des Autors, vegan lebende Menschen zu diskreditieren, zu ergründen, folgte zum Schluss noch ein Videobeitrag  "Besser essen ohne Zwang - Die neuen Veganer", der dem Ganzen einen ungewollt satirischen Aspekt die Krone aufsetzte.
Zu sehen ist etwa auch Attila Hildmann, der mit seinen Büchern bewiesen hat, dass es ihm beim Veganismus hauptsächlich um die körperliche Fitness geht und weniger um die Befreiung von Mensch und Tier, der mit schöner Regelmäßigkeit mit kalkulierten Ausrastern und Aktionen für Furore sorgt und profitorientiert ist.
Das www ist voll von seltsam reißerischen Studien, die belegen sollen, dass vegane Ernährung für Kinder, für Schwangere schädlich sei, liefern gleich die "wichtigsten Informationen" mit und titeln - ebenfalls SPIEGEL ONLINE - "Hilfe, jetzt kommen die Extremisteneltern"2, weil in Frankfurt eine Kita es gewagt hat, die Kleinkinder mit einer rein pflanzlichen Ernährung zu versorgen. So schafft es der Spiegel-Online-Autor tatsächlich, vegan lebende Eltern, die ihre Kinder entsprechend ernähren wollen, in eine Reihe zu stellen mit Salafisteneltern oder christlichen Fundamentalisten, die ihre Kinder dem Schulunterricht entziehen und auf Prügelstrafen setzen. Vegan lebende Menschen sind für ihn nervtötende Besserwisser, die in ihren 200-PS-Familienkutschen vor die Kitas rauschen und den Erzieherinnen Vorschriften beim Stuhlgang des Sprösslings machen. Nicht nur, dass der Autor an Rinderwahnsymptomen leidet, verzichtet der Autor auf das selbsterklärende Attribut "tierleidsfrei", bezogen auf die Ernährung. Denn um nichts anderes geht es hierbei. Vegan leben ist nicht beschränkt auf die Ernährung, sondern bezieht sich auf die Vermeidung von Tierleid und darüber hinaus erkennt der Veganismus den nichtmenschlichen Tieren auch das Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit an. Dieses wird im Tierbefreiungsgedanken aber auch auf den Menschen bezogen, denn: es geht um die Befreiung von Mensch und Tier, meint: (kapitalistische) Ausbeutung- und Unterdrückungsverhältnisse gehören abgeschafft und überwunden. Ein weiterer wichtiger Aspekt, sich vegan zu ernähren, ist aber auch der Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit, denn: viele gravierende Umweltschäden (Regenwaldabholzung, Versauerung der Meere und Böden, Klimawandel) maßgeblich durch den Konsum von Fleisch und anderen tierlichen Produkten, sowie Massentierhaltung überhaupt erst entstanden oder verstärkt worden. Ein Verzicht auf diese Produkte trägt somit zum globalen Umweltschutz bei3.
Gleichwohl ich zugeben muss, dass sich auch in der Umweltbewegung, Lebensreformbewegung rassistische und faschistische Einstellungen und Denkmuster etabliert haben. Der Schriftsteller Hermann Löns erklärte, "dass Naturschutz gleichbedeutend mit Rassenschutz" sei. Die Lebensreformer lieferten den Nazis Personal und Ideen für eine moder­ne Umweltpolitik. Die Vorstellung einer ganzheitlich-organischen und spirituellen Ordnung verbindet den Ökofaschismus mit Esoterik. Aus dieser Perspektive ist die Gesellschaft ein spirituell fundierter, biologischer Organismus mit verschiedenen Gliedern. Diese Lehre von der natürlichen Ordnung zielt auf die Unterwerfung des Individuums. In gewisser Hinsicht sind Elemente ökofaschistischer Ideologie in Teilen der linken und globalisierungskritischen Szene ein größeres Problem als Neonazis, weil Kritik auf Verdrängung und Abwehr stößt. Die Alternative ist eine politische Ökologie als Teil der Kritik der politischen Ökonomie. Diese muss am Menschen als Maß aller Dinge festhalten, weil der theoretische Antihumanismus zum Faschismus führt. Wo wir wieder bei der einleitenden These angekommen sind: Veganismus ist eine Religion! Was natürlich Quatsch ist. Aber die Autoren von SPIEGEL ONLINE haben mit ihren Artikeln zumindest erreicht, dass sie Widersprüche und reißerische (falsche) Behauptungen aufstellen. Diese Methode bedient sich auch die extreme Rechte. Die extreme rechte greift jeden Konflikt und jeden Widerspruch auf, interpretiert ihn gemäß ihrer Weltanschauung und versucht, damit AnhängerInnen zu rekrutieren. Das gilt für die soziale Frage, die Frauenbewegung, Tierschutz, Religion und eben das Thema Ökologie. Es kommt darauf an, sich mit ÖkofaschistInnen und Nazi-ÖkologInnen auseinanderzusetzen, mit ihrer Ideologie, ihren Forderungen, zu erkennen, was daran menschenfeindlich und gefährlich ist, und die eigenen Positionen zu schärfen. Eine praktische Aufgabe ist, die Aktivitäten von Rechten im Umweltbereich aufzudecken und zu bekämpfen, aber fast noch wichtiger scheint mir, Elemente rechter Ideologie in der linken und globalisierungskritischen Szene zu kritisieren und zu überwinden. Die Autoren von SPIEGEL ONLINE haben ein anderes Ziel verfolgt. VeganerInnen als ExtremistInnen diskreditiert und als eine Menschengruppe definiert, die andere bedroht, missioniert. Das ist nicht nur gefährlich, sondern zeigt auch einen gesellschaftlichen Trend hin zu mangelndem Mitgefühl. Und dieses wird wieder einmal auf Kosten mitmenschlicher Tiere missbraucht, ohne konkrete Ergebnisse zu liefern.

Fußnoten:

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