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Identitätspolitik: Subversion statt Leitkultur

Trump glaubt, dass die sogenannten "Gelbwesten" in Paris ihn feiern würden, weil sie "We want Trump" rufen würden. Dabei stellte sich heraus, dass die Ende Oktober 2018 gebildete Protestbewegung ihn lieber ganz weit weg sehen würden und die Pro-Trump-Rufe aus einer extrem rechten Demo in London erschallten. Gut, als Präsident kann mensch mal was verwechseln dürfen, das ist ja auch nur menschlich.

Auch Alice Weidel glaubt indes an die Werte, als eine Richtschnur, die sich aus dem europäischen Erbe der Antike, des christlichen Abendlandes und der Aufklärung schöpfen. Das ist schon dreist, denn sucht mensch nach den Ursprüngen der europäischen Kultur, stößt mensch auf drei wesentliche Quellen: die Antike, die vermittelnde islam-arabische Hochkultur und die Aufklärung1. Alice Weidel klammert den Mittelteil also aus. Tatsächlich beruht die geistige, wissenschaftliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung Europas seit der Renaissance nicht auf jenen christlichen Werten, die Alice Weidel für ihr Werteverständnis herbeizitiert, sondern vielmehr auf der zunehmenden Befreiung von diesen Werten. Der vielfach befürchtete "Untergang des christlichen Abendlandes" hat also längst stattgefunden – und das ist auch gut so!

AfD-Parteikollege Gauland glaubt, dass die deutsche Leitkultur in Eichsfeld zu finden sei, und dass Deutsch-Türken wie die SPD-Politikerin Aydan Özoğuz in Deutschland nichts verloren hätten - sie seien "Abfall, Müll, überflüssig"2. Toleranz, Respekt, Gleichberechtigung, die Würde jedes Individuums gelten demnach nicht für MigrantInnen, sondern nur für eine spezifische Gruppe, die von einer christlichen Kultur geprägt ist. Um das zu verdeutlichen forderte AfD-Rechtsprofessor Ralph Weber eine arische Leitkultur und glaubt, dass sich "Biodeutsche" mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern dafür einsetzen, "unsere" Heimat (sic!) zu schützen3. Trump, Weidel, Gauland und Ralph Weber eint in ihrem Wertverständnis, das Land, respektive "unsere Heimat" vor MigrantInnen schützen zu wollen, weil eben nicht alle Menschen ihr Recht auf Wohlstand und Teilhabe einfordern dürfen. Wichtige Glaubenserkenntnis: Wer bitte schön glaubt an so etwas wie eine Leitkultur, wenn es im Alltag ums Überleben geht, um Junkfraß und Suff, und die Unfähigkeit, das Richtige zu tun. Wir brauchen keine identitätsstiftende Leitkultur oder Nationalkultur, kein nationales Glaubensbekenntnis, sondern Subkulturen, die aufzeigen, dass der Alltag genug Potenzial bietet und Ressourcen bereithält, um große Veränderungen begleitend zu ermöglichen. Veränderung ist etwas, das ermöglicht werden kann, jedoch nicht zu planen oder vorauszusehen ist. Ein subversives Potenzial ist etwas, indem mit den gegenwärtigen Formen des gesellschaftlichen Habitus gebrochen wird, neue in den Alltag einfließen und dadurch aufzeigen, dass der gesellschaftliche Alltag nicht nur eine starre Ausgangslage darstellt, sondern wesentlich durch Denken/Handeln veränderbar ist. Was aber nützt subversives Denken, wenn popkulturelle und distinktive Strategien auch von rechten Subkulturen genutzt werden?! Indem mensch emanzipatorisch hinzufügt. Die stärkste Kraft, die vehement für eine Gesellschaft eintritt, in der alle ohne Angst verschieden sein können, ist der Feminismus. Es bleibt die Frage, wie subversive Strategien im Wandel der Gesellschaft angepasst werden (müssen), um ihre emanzipatorische Wirkung entfalten zu können. Die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse produzieren Zwang, Angst, Unfreiheit: schlechtes Leben; sie sind eng verbunden mit Patriarchat, Rassismus, Sexismus, Homo & Transphobie, Antisemitismus, Nationalismus; sie machen die Zerstörung der Natur unausweichlich; sie verdammen zur Anpassung und Verzweiflung und zur Behauptung, es gäbe keine Alternative. Feminismus und jede andere politische Gruppierung sind heterogene Felder der Auseinandersetzung. Ein politisches Prinzip der Spannung. Sowohl die Position einer allgemeinen moralischen Verantwortung als auch die Haltung, die den Einbruch von Besonderheit und Asymmetrie ermöglicht. Die eine Perspektive kann jeweils die andere unterbrechen, die eine ermöglicht Respekt und Toleranz, die andere eröffnet die Möglichkeit der Überraschung. Die Verbindung dieser beiden Haltungen könnte ein Weg sein, den "Überschuss" und das Unvorhersehbare nicht zu vereinnahmen. Es geht um eine Haltung, die sich nicht zurückzieht und sich nicht in Abgrenzungen verliert, sondern die sich selbst und anderen die Möglichkeit des Unvorhersehbaren eröffnet. Nur so - denke ich - können Gesellschaften lebenswert sein.

Fußnoten:

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