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Von der Gewohnheit und der Lust auf Neues

Auch zu Anfang des neuen Jahres scheint es so, als wiederhole sich vieles und die mangelnde Aussicht darauf, dass sich Verhältnisse verbessern und verändern, bewirkt Sehnsucht oder Chaos.

Nun sind Wiederholungen auch in unserem Alltag ritualisiert. Zwanghafte Halteseile für die Psyche: Der/die eine kann nicht ohne Kaffee. Schwarz und stark muss er sein, sonst geht gar nichts. Der/die nächste muss noch vorm Aufstehen die neuesten Nachrichten auf dem Smartphone lesen, der/die andere legt sich das Besteck und den Teller so zurecht wie es das individuelle Ordnungsprinzip entspricht. An den immer gleichen Handgriffen entlang hangeln wir uns in den Tag hinein. Unser Alltag ist durchsetzt von Ritualen: von solchen die wir bewusst anwenden ebenso wie von anderen, die unmerklich an Macht gewinnen und sich zu seltsamen Ticks und Zwangshandlungen auswachsen. Warum suchen Menschen immer wieder den gleichen Urlaubsort auf? Und warum nehmen Menschen im Caravan ihren eigenen halben Haushalt mit? Warum müssen wir zu Weihnachten einen Baum aufstellen und schmücken? Warum begehen wir in einer Beziehung immer wieder die gleichen Fehler? Warum handeln Menschen so wie mensch es von ihnen erwartet?
Rituale sind wie Religionen dort zu Hause, wo es an Übersichtlichkeit mangelt. Auf Reisen. In der Liebe ebenso wie auch dort, wo es um die Bewältigung dessen geht, was man so harmlos „das Leben“ nennt.
Auch auf politischer Bühne sind Wiederholungen die Regel. Die AfD polarisiert und instrumentalisiert wo sie kann und stilisiert sich gerne als Opfer. So wie zuletzt im Falle von Frank Magnitz. Nach einem körperlich betonten Angriff sind die Hintergründe noch unklar, aber Magnitz spricht von einem Mordanschlag, AfD-Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel sieht in dem Überfall ursächlich „vor allem die alltägliche Hetze gegen die AfD, für die Medien und Politiker der Altparteien verantwortlich zeichnen“.
Die Bewahrung des Eigenen und die Abwehr des Fremden wird in erster Linie kulturessenziell gefasst. Auf der politischen wie auch auf der gesamtgesellschaftlichen Bühne bedeutet das, dass die Auseinandersetzungen schärfer und polarisierter geworden sind. Und während der/die morgendliche KaffeetrinkerIn das Ritual zur Beruhigung, Geborgenheit und Gewöhnung benötigt, ist es für die AfD die Sehnsucht nach Versöhnung. Wie, was? Nein, das stimmt natürlich nicht. Aber du warst einen Moment lang irritiert, oder?
Wiederholungen und Rituale als Überzeugung und nur Improvisation ist das exakte Gegenteil davon. Der/die Improvisierende bekennt sich zum Wandel und erfreut sich der Überraschung. Mögen Rituale noch sozial notwendig sein, mögen wiederholende Handlungen für eine bestimmte Klientel notwendig sein (Orientierung, Kontrolle), sollten Abweichungen der Inhalte nicht auf Anpassung hinauslaufen. Wichtiger wäre die Erkenntnis, dass jedeR AkteurIn sozialen Einflüssen nicht passiv ausgesetzt ist, sondern dass er/sie sich aktiv mit seiner/ihren sozialen, materiellen und kulturellen Umwelt auseinandersetzt, um sich soziale Wirklichkeit anzueignen, indem er/sie seine/ihre eigenen Perspektiven und Bedürfnisse einbringt und dabei Umdeutungen, Umnutzungen und gegenläufige Handlungsakzente hervorbringt, die einer glatten Anpassung an soziale Vorgaben widerstehen. Wie das erreicht werden kann? Mit Kreativität und Improvisation. Die Improvisation zum allmorgendlichen Ritual zu machen und damit gewissermaßen dialektisch das Eine im Anderen aufzuheben. So sieht auch Versöhnung aus: die Sehnsucht, die ihre Lust im Neuen sucht, und die andere, die nach Geborgenheit im immer Gleichen strebt. Auf geht's!

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