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Rücksichtslosigkeit und Platzhirsch-Gebaren

Ich fahre gerne und oft mit dem Zug. Dabei verbringe ich viel Zeit mit Lesen, bin während der knapp dreißigminütigen Fahrt zur Arbeit(sstelle) aber auch oft ungewollt Zeuge skurriler Gesprächsinhalte, die wahrlich "Futter" für so manche Comedians sind.

Gespräche von Smartphone-NutzerInnen, die ihre privaten Erlebnisse schamlos offenherzig nicht nur derjenigen Person am anderen Ende der Leitung mitteilen, sondern auch in einer Lautstärke, dass selbst die mechanische Stimme aus dem Lautsprecher, die den nächsten Bahnhof ankündigt, es schwer hat, zu den Fahrgästen durchzudringen. Das Private wird öffentlich gemacht. Trennungsschmerz, Mobbingpläne, Wellnessangebote, Bewerbungsgespräche, Essenswünsche. Es gibt quasi nichts, was noch länger ein Geheimnis wäre.
Häufig wiederholen sich gar Floskeln und Inhalte von verschiedenen Fahrgästen, die sich bspw. sobald sich der Zug in Bewegung setzt, berufen fühlen, irgendeine Person davon in Kenntnis zu setzen, dass der Zug gerade losfährt und der telefonierende ankündigt, bald da zu sein, anzukommen: "Schatz, ich bin jetzt im Zug eingestiegen, wir fahren gleich los!" "Aha", denke ich dann jedes Mal, "das ist ja mal eine interessante Botschaft". Wenn der Mensch sich morgens ins Auto setzt zur Fahrt ins Büro o.ä. - ruft er dann auch an? ("Schatz, ich sitz' jetzt im Auto, schnall' mich an und fahr gleich los.“) Vermutlich nicht.

"Schatz, mach den Bong fertig, ich komm' gleich!"
"Schatz, mach den Bong fertig, ich komm' gleich!"

Früher gab es noch Telefonzellen, wo mensch die Tür hinter sich zumachte und nach Einwurf einiger Münzen den öffentlichen Raum für etwas Privatsphäre nutze. Heute gibt es kein Schamgefühl mehr und es scheint, als würden alle Dämme brechen. Neulich war ich nach einem Saunagang im Ruheraum, in der bereits eine Frau auf der Liege saß und mit ihrem Smartphone eine Telefonkonferenz abhielt, samt Vorstand. Es schien mir so, als wäre ich mittendrin und live dabei. Nach meiner höflichen Aufforderung, das zu unterlassen, fragte sie, ob es zu laut wäre und erklärte gleichzeitig, dass es sich um eine wichtige Angelegenheit handeln würde, es geht um Arbeitsplätze im Insolvenzverfahren, und ob ich dafür Verständnis hätte. Wie jetzt? Verständnis fürs laute Telefonieren in einem RUHERAUM? Verständnis für das Insolvenzverfahren? Verständnis dafür, um der Chefetage den größtmöglichen Gewinn aus der Pleite zu gönnen? Aber kehren wir wieder zurück in den Zug, wo der Fahrgast neben mir abfängt, wie wild mit den Armen herumzufuchteln, als wolle dieser den Weltrekord im imaginären Fliegenklatschen aufstellen. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass er über Ohrstöspsel offenbar Musik hörte und sich womöglich vorstellte, auf einem Live-Konzert in der 1. Reihe vor der Bühne seine Lieblingsband abzufeiern. Irgendwann wechselte er in den Telefonmodus: "Wenn ich gleich ankomme, will ich Fleisch essen. Ich habe jetzt 4 Tage lang kein Fleisch gehabt, ich muss Fleisch essen!" Auweia, denke ich so bei mir, ein Kannibale ist unter uns. "Und Kroketten dazu...oder die geriffelten Pommes!" Der Essensplan steht, für den Koch/die Köchin gibt es klare Ansagen. Dann werden wieder die Arme in die Luft gewirbelt, die Musikband scheint sich dem Höhepunkt zu nähern, der Fahrgast tut es ihr gleich. Urplötzlich ein weiteres Gespräch wie aus dem Nichts. "Und du kannst schon mal den Bong fertig machen. Musst nur das Wasser wechseln. Geh zum Schrank, da ist noch ein Tütchen Gras, aber denk' auch an das Fleisch, ja?!" (kleine Pause) "Ist die Kleine noch wach? Die freut sich....die kann ich ja morgen zur Schule bringen!"  Dann fährt der Zug ein, ich muss raus. Es ergeben sich folgende Fragen, die ich wahrscheinlich niemals beantwortet bekomme:

  • Welche Musik hat der Fahrgast gehört?
  • Macht Fleisch essen wahnsinnig?
  • Die arme Kleine. Wird sie später im Leben zurecht kommen?
  • Sind die Außerirdischen schon gelandet?


Ich freue mich schon jetzt auf das bevorstehende Wochenende, insbesondere auf den Sonntag Morgen. Denn zu diesem Zeitpunkt, wenn ich nach dem Nachtdienst nach Hause fahre, sitzen lediglich betrunkene Fahrgäste im Zug. Alles hochanständige Leute. Die sind müde, telefonieren nicht und schlafen, es ist ruhig. Zeit für mich, mal ganz entspannt zu Hause anzurufen: "Schatz, ich sitze im Zug, wir fahren gleich los, ich bin bald da!"

Sunday Morning nightmare
Sunday Morning nightmare

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