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(K)eine ethisch-moralisch saubere Lösung

Ich habe neulich beim Einkaufen einen Bekannten getroffen, den ich seit über ein Jahr nicht mehr gesehen habe. Nun verhält es sich so, dass Menschen ihr Gegenüber erst einmal mustern, um sich einen Überblick zu verschaffen, etwaige Verhaltensmuster analysieren und einordnen, die Physiognomie bewerten usw. Meist fallen uns zuerst die „Macken“ des anderen auf, vergleichen das abgespeicherte ‚Bild‘ von einer vorherigen Begegnung und bewerten diese Informationen.

Der/die sieht aber krank aus‘. ‚Der/Die ist aber alt geworden?!‘ ‚Oh Gott, was ist denn mit der/dem los?‘ Anstatt bei uns selbst zu bleiben, uns mit uns selbst und unserer fehlenden Eigenliebe zu beschäftigen, ist unsere Aufmerksamkeit immer mehr bei dem anderen. Ein flüchtiger Blick und schon stigmatisieren/sanktionieren wir Menschen, was ausreicht, um diese für den Rest ihres Lebens zu brandmarken, auszugrenzen oder ins Herz zu schleißen. Eine flüchtige Begegnung, ein Urteil. Dieses Verhalten wird noch zusätzlich verkompliziert, wenn mensch sein/ihr Gegenüber gar nicht persönlich gegenüber steht, sondern in den Medien sieht und sich ein Urteil/eine Bewertung erlaubt. Das führt dann zu den derzeit offensichtlich beliebten Kommentaren in den Blogs und auf den Webseiten, die es in sich haben und sich meist auf das Äußere beziehen und/oder auf Äußerungen, die selten gelobt werden, als mehr negativ bewertet werden. Kein Gefühl ist an sich schlecht, sondern allein die Beziehung, die wir ihm gegenüber einnehmen, entscheidet über seine Wirkung, über Nutzen oder Schaden. Im schlimmsten Fall führt diese zu einem Suizid, dem eine Vielzahl von negativen Kommentaren vorangegangen ist. Andersherum verhält es sich so, dass keinerlei Begegnungen krank machen. Und irgendwie lässt es sich auch nicht gänzlich vermeiden. Nicht zu begegnen, fühlt sich schlecht an, macht letztlich krank. Und wiederum andererseits sind viele Menschen eigentlich nicht beziehungsfähig, weil sie sich nicht abgrenzen können. Und wenn sie dann irgendwann trotz aller Anpassungsbemühungen und Selbstaufgabe verlassen werden, weil der Partner schließlich den Respekt verloren hat, weil sie sich ja selbst nicht respektierten, haben sie neben dem Partner längst sich selbst auch verloren.
Das ist tragisch. Tragisch waren auch die Informationen meines alten Bekannten, dem ein ‚Hast du schon gehört?!‘ vorausging. Als ich verneinte und neugierig nachfragte, bekam ich zu hören, dass ein uns gemeinsamer alter Bekannter Selbstmord verübt hat, dass ein weiterer uns bekannter Freund nach einem Überfall ein Pflegefall geworden ist. So viel Tragik und Traurigkeit in nur wenigen Sätzen. Ich meine, das sind Informationen, die im Regelfall Fürsorge nach sich ziehen. Trost und tröstende Worte. Ich konnte nur ein ‚Hab‘ ich schon länger mit gerechnet‘ und ein ‚Das wundert mich nicht‘ entgegnen. Vielleicht, weil ich die Lebensweisen der betroffenen Personen kannte und nicht guthieß. Das ist moralisch fragwürdig und sozial abwertend, verrät viel über meine Beziehungsfähigkeit. Zynismus als Grundsatz und voreingestelltes Denkmuster, die andernorts Entrüstung hervorrufen. Im Stillen jedoch habe ich mir gedacht ‚Scheiße‘. Ich weiß, dass mein Bekannter im Supermarkt mit dem noch leeren Einkaufswagen mir keine Sensationshäppchen servieren wollte, aber was für Reaktionen hat er denn erwartet? Dass wir uns gegenseitig in den Armen liegen und bitterlich weinen? Dass wir im Café über den Sinn des Lebens reden? In die Kirche gehen und beten? Ich hatte dabei im Kopf, was ich noch alles zu erledigen/besorgen habe und verabschiedete mich.

Schlussfolgerung:

Oft gibt es keine moralisch saubere Lösung. Offenbar hängt das Urteil über ein Tun stark vom Drumherum ab, sei es die persönliche Situation (Keine Zeit), die verfolgte Absicht (Ich muss noch andernorts Besorgungen machen und erledigen) oder der politische Kontext (Gedenkdemo organisieren).
Machen Sie – liebe Leser*innen – zum Schluss noch einen kleinen Selbsttest und entscheiden Sie – bevor Sie schlecht über mich urteilen – frei von der Leber weg, wie (un)moralisch Ihnen die folgenden Handlungen erscheinen. Fertig? Und los: Fremdgehen. Für Erdbebenopfer spenden. Ein Kind töten. Strom sparen. Waffen exportieren. Beförderungserschleichung in Bus oder Bahn. Vegetarier*in/Veganer*in sein. Ein Geheimnis verraten. Eine*n Freund*in belügen.

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