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Alles nur ein schlechter Witz

Weltweit war Deutschland 2018 am drittstärksten von Wetterextremen betroffen. Nach Angaben von Germanwatch werden Hitzewellen laut den jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen wegen des Klimawandels immer häufiger und heftiger. Aber nicht nur das Wetter 'spielt verrückt', wird extremer, auch die Menschen werden es.

Die extreme Rechte erstarkt, rechte Gruppierungen treten häufiger in Erscheinung und handeln immer extremer: von (non)verbalen Drohungen bis zum Mord.
Stephan B. ermordete in Halle 2 Passanten, Stephan E. tötete den Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) und die Bedrohung vonseiten einer extrem rechten Volksbewegung ist real, wird aber immer mehr verharmlost, verdrängt oder ignoriert. Spätestens da, wo sich die extreme Rechte sicher fühlt in ihrem öffentlichen Auftreten, und kaum Gegenwehr im Alltag vorzufinden ist, erstarken rechte Strukturen und werden in der Öffentlichkeit als normal hingenommen. Mit dieser etablierten Ausrichtung verstärkt sich zudem das Selbstbewusstsein und die rechten Aktionen gewinnen an Radikalität. In dieser Dynamik sind rechte Denkmuster nicht länger extrem, weil radikale Äußerungen oder Vorgehensweisen in einer Demokratie legitim sind. Ist es verwunderlich, dass sich viele Menschen enttäuscht von den 'etablierten' Politiker*innen abwenden und wahlweise Politikverdrossen werden oder sich extremen Positionen annähern? Die Gleichgültigkeit gegenüber der Demokratie wächst und Wahlgewinner*innen setzen sich zunehmend aus Personengruppen wie Schauspieler und Kabarettisten zusammen. Bei Wassili Goloborodko war mensch sich nie sicher, ob er einen Comedy- oder Wahlauftritt hinlegte. Die Ukrainer*innen haben Wassili trotzdem oder gerade deswegen zum Präsidenten gewählt. Die ehemalige Pornodarstellerin, Ilona Staller, schaffte es mit dem Entblößen von Brüsten ins italienische Parlament. Und der Komiker Beppe Grillo, der wie Wladimir Selenski gern schlüpfrige Witze über Frauen reißt, ist mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung heute die Schlüsselfigur der italienischen Politik. Es benötigt also kein Wahlprogramm, um eine politisches Amt zu übernehmen, um ins Parlament oder als Präsident gewählt zu werden, es braucht vor allem PR-Aktionen, die die Politikverdrossenheit ad absurdum führt. Mario Barth hat mit insgesamt 116.498 Zuschauer*innen einen neuen Weltrekord für das »größte Publikum eines Comedians in 24 Stunden« aufgestellt. Nicht auszudenken, wenn der eines Tages irgendein politisches Amt bekleiden würde. Im ehemaligen Land der Dichter und Denker regieren Comedians und Schauspieler*innen (oder vielleicht noch sogenannte Influencer*innen).
Barth, der ehemalige Urlauberanimateur ist für derbe Sprüche bekannt ("Lieber Krebs als Jobcenter"), kennt nur zwei Geschlechter und attestiert seiner Freundin, nicht doof zu sein. Meistens jedenfalls.
Und wahrscheinlich wird es auch 2020 wieder lustig, wenn im Land der Extremen nicht nur das Wetter verrückt spielt, Mario Barth mit Klischeegags über Männer und Frauen erfolgreich ist und die AfD ihre Erfolgstournee fortsetzt, sondern sich soziale Gruppen auf Kosten von Minderheiten lustig macht, ohne dass es irgendjemensch empört und aufregt. Spätestens dann, wenn es keinen zivilgesellschaftlichen Protest mehr gibt, hat sich Deutschland und die Demokratie abgeschafft.

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