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VALENTIN

VALENTIN
VALENTIN

VALENTIN
Jens Genehr
240 Seiten ( 20,6 × 26,8 cm); €32,00
 ISBN 978-3-9819880-5-5
Golden Press
Über das Buch: Basierend auf den Film- und Fotoaufnahmen von Johann Seubert, der für die Nationalsozialisten den Bau des U-Boot-Bunkers Valentin in Bremen Farge dokumentierte, und den Tagebuchaufzeichnungen von Raymond Portefaix, der als Jugendlicher aus dem französischen Dorf Murat nach Bremen Nord verschleppt wurde und als KZ-Häftling auf der Bunker-Baustelle landete, erzählt Jens Genehr in seinem Comic Valentin von diesem riesigen Rüstungsprojekt, bei dessen Umsetzung mehr als 1000 Zwangsarbeiter_innen aus ganz Europa starben.

Über den Autoren: Jens Genehr ( *1990 ) studiert an der HfK Bremen und arbeitet ehrenamtlich am Denkort Bunker Valentin. Dies ist seine erste Einzelveröffentlichung.

Gesamteindruck:

Jens kürzt wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen die Nachnamen ab. Das stört den Lesefluss in den Panels, gleichwohl Karen Struve und Christel Trouvé die Protagonisten im Epilog mit vollen Namen nennen.
Nun, das soll lediglich eine Randnotiz sein und nicht über die Wichtigkeit des Themas hinwegtäuschen. Denn es geht zum Einen um Erinnerungspolitik, darum, dass Verbrechen im NS nicht vergessen werden. Andererseits werden heute Lager, Bunker oder Propagandaschauplätze aus der Nazizeit als dunkle Orte der Geschichte offensiv vermarktet, sind darüber hinaus auch Lernorte für zeit-historische Geschichtsbewusstsein. Gedenkstättenfahrten sind eben auch Spurensuche zum Nationalsozialismus und ein Lernbeitrag am authentischen Ort für die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus. Das gilt auch für den Bunker Valentin in Bremen-Farge. Ab März 1945 sollte dort alle zwei Tage ein U-Boot vom Stapel laufen. Siebenmeterdicke Wände und Decken sollten jedem Bombenangriff standhalten. Auf der Baustelle schufteten täglich rund 8.000 Zwangsarbeiter. Mehr als 1.600 von ihnen starben durch Unterernährung, Krankheiten oder Tötungen. Der Bunker wurde nie fertig gestellt.
Jens hat sich das Zeichnen selbst beigebracht, verzichtet größtenteils auf detaillierte Hintergründe und fokussiert sich auf die Ausdrucksformen der gezeichneten Personen und benutzt verschiedene Grautöne und etwas Tusche. Jens verknüpft 2 unterschiedliche Perspektiven und Personen miteinander zu einer Geschichte, die auf Quellen und Personen basiert, die es wirklich gab. Der Zwangsarbeiter Raymond Portefaix verarbeitet seine Erlebnisse und schrieb 1947 einen tagebuchähnlichen Bericht, der unter dem Titel "L'enfer que Dante n'avait pas prévu" (Die Hölle, die Dante nicht vorausgesehen hatte) veröffentlicht wurde. Die Geschichte von Portefaix beginnt mit willkürlichen Repressalien, deren Opfer er und 118 weitere Einwohner aus Murat (Cantal) sind. Er ist gerade 18 geworden. Ab dem 1. August 1944 befand er sich unter dem Kommando in Bremen-Farge, einem "monströsen Ort". Die Arbeitsbedingungen dort sind angesichts der vielen Unfälle so schmerzhaft und lebensgefährlich, trotzdem der junge Mann einen starken Überlebenswillen entwickelt, einschließlich der freiwilligen Infektion seiner Wunden und seines Aufenthalts auf der Krankenstation. Anfang April 1945 wurden die KZ'ler unter entsetzlichen Bedingungen nach Sandbostel gebracht, wo Typhus herrschte. Dort starben sie massenhaft bis zur Befreiung durch die Briten am 29. April. Von den Muratanern kehrten nur 34 zurück. Jens schildert die Wiederankunft mit Selbstzweifeln unter den Überlebenden: Was erzählen sie ihren Familien, was sie durchgemacht haben? Und warum haben sie es verdient, überlebt zu haben und andere nicht? Jens hat sich sehr nah an die Schilderungen aus dem Tagebuch gehalten. Die erlebten Gräueltaten und die Grausamkeiten sind im Panel deutlich spürbar und lassen erahnen, unter welchen Bedingungen die Zwangsarbeiter leben und arbeiten mussten und Schläge, Hunger und Durst, willkürliche und unfreiwillige Demütigung ausgeliefert wurden.
Die Sichtweise und Perspektive des Fotografen Johann Seubert basiert indes auf Fiktion. Jens hatte lediglich die Fotos als Vorlage und entwickelte hieraus ein fiktive Sichtweise.
Auch die Rolle der Kapos (Funktionshäftling) spiegelt die Verkettung der Aggressoren wieder, an denen die systematische Vernichtung/Bestrafung festgeschrieben wird. Ein weiterer Aspekt sind die Konfliktlinien unter den Zwangsarbeitern, bezogen auf ihre Herkunft.
Jens hat die zwei Sichtweisen so dargestellt, dass sich hieraus psychologische Aspekte herauskristallisieren: Seubert ist der stille Beobachter, der sich von den Gräueltaten distanziert, diese nicht wahrnimmt und sich auf die Funktion des Fotografierens beruft. Das mag zunächst naiv erscheine, dient dem Selbstschutz und dem Abwehrmechanismus, sich für etwas verantwortlich zu fühlen (was sich sich auch im grafischen Epilog an der Person des Ingenieurs übertragen lässt), der jegliche Verantwortung von sich weist und das mit der Erfüllung seiner Aufgabe rechtfertigt).
Aus der Sichtweise des jungen Zwangsarbeiter Portefaix wird deutlich, inwieweit Fremdbestimmung, Willkür, Kannibalismus, Hunger, Folter, Tod die im Selbst-Erleben bleibende Rückstände dauerhaft das Leben beeinflussen und prägen.
Die Graphic Novel ist ein Lehr- und Lernstück gegen das Vergessen, ein Stück Erinnerungskultur ohne moralisch-ethische Bewertungen, sondern ist aufgrund der Intensivierung der Aspekte Distanzierung und Erleben, eine geeignete Form, die Folgen der Aktion-/Reaktions-Verkettungen unter extremen Bedingungen aufzuzeigen/darzustellen, die die spontane bzw. irreversible Veränderungen in den Konfliktsituationen nach sich zieht.

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