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Hilfe, die Katastrophe ist da!

Zurzeit ich diese Zeilen schreibe, droht eine Unwetterkatastrophe in Norddeutschland. Meldungen und Warnungen wie „Alarmstufe Rot!“, „Schnee-Monster“, einem „denkwürdigen Ereignis mit Seltenheitswert“ bestimmen die Schlagzeilen. Das mag einige beunruhigen, doch hinsichtlich einer Katastrophenmeldung ist es der Vorstellung eines jeden*r Einzelnen geschuldet, die Katastrophe als solche zu definieren. Der Verlust des eigenen Mobiltelefons wird heute fast so schlimm empfunden wie die Angst vor einer Terrorattacke.

Das ergab zumindest eine Studie aus England. Brit*innen haben bei dem Gedanken, ihr Smartphone zu verlieren, fast genauso viel Stress wie bei dem Gedanken an einen Terroranschlag. Für mich sind politische Katastrophen weitaus bedeutsamer. Vor fast genau 88 (Achtung: Gewiefte Antifaschist*innen erkennen hier einen Code!) Jahren, am 30. Januar 1933, wurde ein gewisser Adolf Hitler vom demokratisch gewählten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Hitlers Partei war in einer demokratischen Wahl stärkste Fraktion geworden. Am 5. März desselben Jahres verabschiedete der Reichstag das „Ermächtigungsgesetz“, das der Abschaffung der Demokratie gleichkam – mit den Stimmen der „bürgerlichen“ Parteien. Vor einem Jahr ließ sich ein Politiker mit Stimmen der AfD ins Amt eines Regierungschefs wählen. Nun ist der AfD-Faschist Björn Höcke nicht Adolf Hitler, auch wenn er Gestus und Rhetorik führender Nazis gern imitiert. Aber die AfD profitiert von Katastrophen und ist bisweilen selbst in diese verstrickt. Der ehemalige Pressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, hat sich wahrheitswidrig als Ur-Enkel des nationalsozialistischen U-Boot-Kommandanten Wolfgang Lüth bezeichnet – und soll sich in privaten Chats dann höchst selbst konsequenterweise als Faschist geoutet. In einem heimlich gefilmten Video hatte Lüth in Bezug auf Migranten gesagt: „Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Oder vergasen“. In Bezug auf Katastrophenschutzmaßnahmen wäre es ratsam, die AfD verschwände in der Bedeutungslosigkeit und schafft sich selber ab. Doch damit verschwindet nicht der latente und offene Rassismus, Antisemitismus in Deutschland (und andernorts). Im konkreten antifaschistischen Engagement bedeuten politische Katastrophen (im Sinne von verheerenden Auswirkungen auf Menschlichkeit) auch radikale Gesellschaftskritik und Aktionsformen, die eine strategische Chance bietet, eine andere Gesellschaftsordnung einzufordern. Eine fast unlösbare Aufgabe.


„Die fast unlösbare Aufgabe […], weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“ (Adorno)


Politisches, antifaschistisches Engagement kennt kein Innehalten, denn derzeit wird Antifaschismus bzw. antifaschistisches Engagement immer öfter diskreditiert...nicht nur in den USA oder vonseiten der AfD. Nicht nur Verfassungsschutzbehörden diffamieren Antifaschist*innen als „Linksextremisten“. Damit wird der Versuch, einer pe se demokratische Grundposition von ihrer anerkennenden und wohlwollenden Wahrnehmung abzukoppeln (ABER: Auch kommunistische Diktaturen verstanden sich als antifaschistisch). Gerade in Zeiten, in denen rechte Gesinnung zunehmend „gesellschaftsfähig“ wird und in die Mitte der Gesellschaft vorstößt, ist antirassistisches und antifaschistisches Engagement überlebenswichtig, um den offenen Meinungsdiskurs zu verteidigen und demokratische Räume zu erhalten. Trump hatte sich davor gehütet, von „Antifaschismus“ zu sprechen, sondern bewusst die „Anarchisten“ und die „Antifa“ verbal angegriffen und das Konzept „Antifaschismus“ zu delegitimieren versucht. Seit Mitte der 80er Jahre, werden Versuche unternommen, eine – sei es tatsächlich vorhandene, sei es immerhin mögliche – antifaschistische Orientierung der Bundesrepublik in Verruf zu bringen. Angeblich stehe sie einem „gesunden“ Selbstbewusstsein des vereinigten Deutschland, das als gefestigte Demokratie im Kreis der anderen Staaten längst einen allgemein akzeptierten Platz einnehme, im Wege. Liberale, Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen, Konservative waren im Kampf gegen Hitler gemein, ihre eigene bisherige Politik und damit auch diejenigen ihrer Fehler, mit denen sie im „NS-Katastrophenzeitalter“ befangen blieben, einer scharfen Selbstkritik und Revision zu unterziehen. Und in Zeiten politischer Katastrophen geht es darum, ob Antifaschismus ein Ferment der gesellschaftlichen und politischen Ordnung der Bundesrepublik werden oder bleiben kann.


„(...)Wenn du auf Menschen einprügelst, weil sie anders aussehen. Wenn du auf Menschen einprügelst, die sich anders anziehen. Wenn du auf Menschen einprügelst, prügeln wir zurück, wir werden keinen Schritt weichen, kein Meter, kein Stück(...)
Das ist nicht die Zeit der Hippies, sondern Realität für weltfremde Träume ist es längst viel zu spät und die größte Waffe der prügelnden Faschisten ist die Gewaltlosigkeit der frommen Pazifisten(…)“;
BUT ALIVE: Nur Idioten brauchen Führer


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