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Tarek Ehlail

Tarek Ehlail bei der Arbeit an seinem Film „Volt“. Foto: Farbfilm
Tarek Ehlail bei der Arbeit an seinem Film „Volt“. Foto: Farbfilm

Tarek Mohammed Mahmud Ehlail, Jahrgang 1981, ist vielseitig interessiert. Der Autodidakt hegt den simplen Wunsch, schon mit 35 in Rente zu gehen und dann nur noch seinen Hund Gassi zu führen. Er arbeitet(e) als Boxer, Autor, Regisseur und Türsteher. Zusammen mit ZAP-Gründer Moses Arndt gründete er die Produktionsfirma «Sabotakt Filme» und hat 2008 mit «CHAOSTAGE – We are Punks!» das Kinodebüt gefeiert. Zwei Jahre später folgt «GEGENGERADE – Niemand siegt am Millerntor!». 2013 reflektiert er die Zeit im Piercingstudio in dem Sachbuch «PIERCING IS NOT A CRIME», 2016 feierte der dritte Kinofilm «VOLT» in München Premiere. Aktuell arbeitet Tarek an einer Türsteher-Serie „Pumperin“.

Im Herzen immer noch Punk!

Tarek, bist du selbst davon überrascht, wie aktuell dein Film ‚Volt‘, bezogen auf Polizeigewalt und Systemkrisen, heute immer noch ist?
    Als der Film 2015 im Entstehungsprozess war, hatte die Realität (sogenannte Flüchtlingskrise) die filmischen Ereignisse eingeholt. Aber wer als Antifaschist*in oder als links-politisch interessiert unterwegs ist, ist die Thematik des Films nicht neu: Festung Europa, Abschottungspolitik und Polizeigewalt gegenüber PoC.

Ist der Film mehr Liebesgeschichte oder wolltest du tatsächlich die soziale Komponente von Schuld und Sühne in den Fokus rücken?
    Die Kernidee war: Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der mensch als wertlos fremddefiniert wird? Der Polizist im Film bekommt vielleicht Absolution, weil er die Gesellschaft aus der Perspektive des tradierten Rollensystems beschützt hat. Und gleichzeitig: Was passiert mit einem Menschen in einem System ohne Gewissen, wenn er genau das entwickelt und seine Taten hinterfragt. Dystopie war für mich immer ein Teil der Punkwelt und außerdem gibt die Zukunft immer Projektionsfläche für die Entwicklung unseres derzeitigen Verhaltens. Für mich war das ein guter Weg, um einen politischen Film zu machen, der nicht didaktisch ist.

Wie viel Biografisches steckt in deinen Filmen?
    Punk ist der Ursprung von allem, was ich mache. Wenn ich nicht mit 13, 14 Jahren im AJZ Homburg gewesen wäre und die DIY-Ethik in der Praxis kennengelernt hätte wie das eben bereits erwähnte eigenverantwortliches Handeln, hätte ich alles, was an Projekten gefolgt ist, nicht machen können. ‚Volt‘ spiegelt aber auch meine politische Haltung, aber auch in Teilen meine persönliche Geschichte wider, um das in den Film zu projizieren. 

Du bist/warst Boxer, Piercer, Türsteher, Drehbuchautor, Filmregisseur. Bist du nach einer Weile unzufrieden mit dem, was du machst? Suchst du nach neuen Herausforderungen, neue Talente zu entdecken oder bist du immer auf der rastlosen Suche nach der idealen Aufgabe, die dich ausfüllt?
    Unzufriedenheit und Langeweile kenne ich ehrlich gesagt nicht. Bei dem Begriff „Herausforderungen“ denke ich eher an neoliberale Polit-Popper wie Christian Lindner. Ich halte es für normal, alles sein zu können und sich nicht als Dieses oder Jenes zu definieren. In meinem Falle hat das Eine stets zum Nächsten geführt. Schreib’ ein Drehbuch und du bist Drehbuchautor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es diese eine Aufgabe oder Sache geben könnte, die mich ausfüllt. Und danach suche ich auch nicht. Meine Haltung ist ganz simpel: Die einzige Gewissheit des Lebens ist, dass es irgendwann zu Ende ist. Die Zeit bis dahin ist nichts, außer das persönliche Streben nach Glück. Was das bedeutet, müssen wir alleine entscheiden. Für mich bedeutet es, ich will hungrig, fit, klar, enthusiastisch und angstfrei bleiben. Und meine zahlreichen Privilegien so oft wie möglich dazu nutzen, selbstlos Dinge für Andere zu tun. Denn nicht alle Menschen haben die Ausgangslage oder soziale Voraussetzung, um frei diese Entscheidung treffen können. Vielleicht ist das der schwerste Teil. Glück zu haben und in der Folge kein totaler Egoist zu werden. Jeden Tag passieren neue Abenteuer, wenn du richtig hinguckst und Lust auf Neues, Spaß an Unbekanntem hast. Und die meisten Sachen macht am besten mit Anderen zusammen. Alle Ziele – alle Richtungen.

War dein Selbstbild schon früh in punk-subkulturellen Lebensbereichen verortet?
    Punk war ich eigentlich schon immer und bleibe ich auch für immer. Höchstens die Zeitspanne – in der ich es so genannt habe – ist begrenzt. Meinen Zugang zur Szene, wenn du so willst, habe ich wie die meisten mit 13, 14 Jahren gefunden. In meiner Geburtsstadt Homburg gab es ein selbstverwaltetes AJZ, das einen ziemlich brutalen Ruf weit über die Region hinaus hatte. Das zog mich schon damals magisch an.

Wie war das ausgeprägt und vor allem, wie hat dich das auf dein späteres Wirken als Drehbuchautor und Filmregisseur beeinflusst?
    Also für mich ist Punk, zumindest das was es für mich bedeutet, die Grundlage für alles, was ich später gemacht habe: Selbstbestimmtes Handeln, Kreativität und Synergie sind mir als Teenager im AJZ erstmals begegnet. Mit maximaler Freiheit und minimalem, vor-modellierten Angebot muss man auch erst mal umgehen können. Wenn man irgendwann kapiert, wie viel Power und konstruktive Energie in einer Ordnung ohne Herrschaft liegen, dann ist so ziemlich alles möglich.

Wenn Punk ein Gegenentwurf ist: Haben dich Aspekte wie Autonomie, Individualität in deinem Selbstverwirklichungsprozess mehr beeinflusst als Spaß und Action?
    Ich finde überhaupt nicht, dass diese Bereiche sich gegenseitig ausschließen. Im Gegenteil, sie bedingen einander vielmehr. Ich finde es absolut legitim, nach Action und Abenteuer zu trachten. Die bereits erwähnte Eigenverantwortung oder Autonomie steckt dabei einen moralischen Code ab: Innerhalb dieser natürlichen Umgebung kannst du dich ausleben und richtig duchdrehen, ohne dabei anderen Menschen zu schaden. Und darauf kommt es meiner Meinung nach letztlich an.

2003 wird Sabotakt Filme gegründet. Laut deiner Vita war der Auslöser, dass du deine Erlebnisse deiner vielen Reisen festhalten wolltest, oder ?
    Ich bin 2003 für mehrere Monate zu meiner Familie nach Dubai gereist und habe dort das Filmen für mich entdeckt. Im selben Jahr ist mir das Wort Sabotakt eingefallen und ich habe es mir aufs Herz tätowiert. Das war das Gründungsritual. Der erste wirkliche Film entstand dann auf einer Weltreise mit meinem besten Freund im Jahr 2004. Wir haben allerlei irres Zeug erlebt und eine echte Story gespielt, angelehnt an die philosophischen Abenteuer von Don Quijote – dem Ritter in trauriger Gestalt.

Du hast dich für oben erwähnte Filme mit Moses Arndt zusammengetan. Der Film Chaostage basiert auf Moses' gleichnamigen Roman. Zwischen Romanveröffentlichung und Film liegen 9 Jahre. Was war denn der Auslöser, den Roman zu verfilmen?
    Moses habe ich schon mit 15 Jahren kennengelernt. Ich habe mit 17 Jahren angefangen in seinen Piercingstudios zu arbeiten, und als ich irgendwann die Idee hatte, ein Drehbuch zu schreiben, waren wir längst mehr als Freunde, sondern so was wie Familie. Insofern war es nur logisch und konsequent, Chaostage zur Vorlage zu nehmen. Zumal es ein anarchisches Schund-Meisterwerk ist, also ganz genau meine Kragenweite.

Chaostage ist geprägt von dem Phänomen des sogenannten „Posers“ oder „Pseudos“, der/die alle klischeehaften Merkmale einer subkulturellen Bewegung in sich vereint, um etwas darzustellen, was einem normativen Gesellschaftsbild von Punk, respektive dem einer anderen Subkultur, entspricht. Was wolltest du mit deiner Verfilmung denn bezogen auf die Punk-Subkultur vermitteln?
Ich weiß nicht, wie ich diese Frage richtig beantworten soll. Schon dem ersten Satz würde ich widersprechen. Beziehungsweise frage ich mich, was soll ein Poser sein? Und wer darf, gerade in einem absolut freiheitlichen Punkkosmos, festlegen, was oder wer damit gemeint ist? Mir waren Szenecodes und Einordnungen schon immer zuwider. Sie sind konservativ, festgefahren und suchen nur nach Gründen, um sich nicht zu entwickeln. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Und wo gab es Überraschungen, jenseits der freiwillig bejahten Gebräuche und Gewohnheiten im Punk-Kosmos, die dir während des Drehs begegnet sind?
    Der ganze Film, also von der Idee über das Buch und Dreharbeiten bis zu den wahnwitzigen Premierenpartys, war von einer positiven Stimmung, Euphorie und dem Wagemut aller, die mitmachten, getragen. Überraschungen gab es natürlich täglich. Aber alle hatten Bock, das Ding zu schultern und gemeinsam hat es wirklich extrem viel Spaß gemacht.

War es denn schwierig, die Szenen mit Punks als Laiendarsteller*innen zu drehen, um vom Ergebnis her zufrieden zu sein?
    Entscheidend ist der Blick, mit dem man auf den Film guckt. Es ist ja nicht so, dass ich als mächtiger Produzent und Regisseur mir eine Szene zu eigen gemacht habe, um mit meinem finsteren Machwerk ordentlich Geld zu scheffeln. Dieser Film ist von Punks, mit Punks und für Punks entstanden. Natürlich gab es auch schon damals viel Gegenwind, vor allem innerhalb ausgetretener Szenepfade. Das hat uns aber alle nicht weiter beeindruckt. Chaostage entstand als Network of friends. Ein absolutes DIY Projekt, das nur durch die gemeinsame Arbeitsleistung und gegenseitige Motivation umgesetzt werden konnte. Für mich sind die Schauspieler*innen keine Laiendarsteller*innen, sondern vor allem Leute, die wegen und über den Film zu Freund*innen geworden sind. Das ist doch genial. Wenn ich eine Band machen kann, ohne ein Instrument zu beherrschen – ein Magazin rausbringen, ohne Journalist zu sein – dann kann ich auch einen Film drehen, einfach, weil ich Bock darauf habe.

Welche Szenen waren denn besonders herausfordernd?
    Das Finale war schon wild. 500 Punks, die wir zur Hälfte in Bullenuniformen steckten, wurden in einem gewaltigen Schlachtgetümmel aufeinander losgelassen. Der Alkohol und der Hitze sorgten zusätzlich dafür, dass der verkleidete Feind bald real gehasst wurde. Die Bilder im Film sind schon cool, aber die wirkliche Atmosphäre, dieses Brodeln, kann keine Kamera einfangen.

Chaos
Chaos

Hattest du für die Realisierung des Films genaue Vorstellungen, wer unbedingt mitwirken soll und was waren deine Kriterien für die Besetzung?
    Es gab keine Kriterien. Wie haben so was wie ein Online-Casting gemacht. Das war eine ziemliche Herausforderung, in einer Zeit vor Facebook und Instagram. Aber letztlich haben wir Freund*innen und Punkrockbekanntschaften zu Hauptfiguren gemacht.

Es scheint mir, dass gerade Darsteller außerhalb der Punk-Community wie Martin Semmelrogge, Ralf Richter, Claude-Oliver Rudolph insbesondere die bad boys-Charaktere verkörpern sollten. Bloßer Zufall?
    Mit Claude habe ich mich schon vor Chaostage angefreundet, er hat uns geholfen, die zahlreichen Halunken an Bord zu kriegen. Dahinter steckt aber natürlich keine Methode oder Strategie, außer: Ich wollte einfach alles tun, damit der Film von möglichst vielen Leuten gesehen wird. Und ich war der Meinung, dass diese Truppe auch einen Teil dazu beitragen wird.

Woher stammt deine Begeisterung für den Fankult um St. Pauli und was zeichnet diesen überhaupt aus?
    Als ich zum ersten Mal mit Moses ans Millerntor gefahren, bin, war ich ungefähr 16 Jahre alt. Das Besondere an Sankt Pauli ist, dass sich unter dem Begriff alles Mögliche versammelt. Es ist eine soziale Glocke, unter der viel mehr gedeiht als Fußball. Vor allem war es schon damals ein Statement. Du warst Fußballfan und hast dich trotzdem eindeutig gegen Nazis positioniert. Früher gab es dafür gerne aufs Maul, aber das hat sich schon lange geändert. St.Pauli hat eine wehrhafte Fanszene und das bekommen Nazihools anderer Vereine regelmäßig zu spüren.

Welche Absichten hattest du mit deinem Film GEGENGERADE? Wolltest du polarisieren?
    Polarisieren ist ein Begriff, der dem Film übergestülpt wurde. Gegengerade war die logische Weiterentwicklung von Chaostage. Das Porträt einer Null homogenen Kultur, in der die Fußballereignisse auf dem Platz höchstens zweitrangig sind.

Wie ist deine Beziehung zu Fußball, bzw. zum FC St. Pauli speziell?
    Über Gegengerade bin ich irgendwie in Hamburg kleben geblieben. Im Umfeld der Fanszene habe ich Freundschaften geschlossen, die bis heute geblieben sind. Die Spiele sind immer noch ein Ort, an dem man sich begegnet, sich Austausch und jede Menge abgefahrene Dinge erlebt. Der Ballsport an sich hat mich eigentlich noch nie sonderlich gejuckt.

Welche Filme mit Punkbezug findest du selber gut, dass du sie als Klassiker bezeichnen würdest?
    Also, ich kenne sie wahrscheinlich alle. Die ersten Punkfilme, die ich in die Finger bekam, waren Sid & Nancy, Repo Man und – obwohl natürlich übelste Nazis im Zentrum der Handlung stehen – Romper Stomper.

Randale bei der Premierenfeier:

Die Premierenfeier fand in einem Berliner Hotel mit 600 geladenen Gästen statt. Höhepunkt war der Mini-Auftritt und allererste Reunion-Gig der Punkband SLIME. Die Premierenfeier unterstreicht den Eindruck von Randale und Skandale: Partygäste begannen in dem Luxushotel zu randalieren und zerstörten das Inventar.  
Dann rasteten etwa 50 Personen aus. Sie beschmierten Wände, Tische und Toiletten und zerstörten Glasscheiben, urinierten auf den Teppich. Erst die Polizei konnte die ausufernde Feier stoppen“.1 In der offiziellen Pressemitteilung der Polizei heißt es: „Gegen Mitternacht eskalierte die Feier. Ein Teil der Gäste zerstörte Glastische, warf Gläser und Flaschen auf den Boden, urinierte auf die Teppiche, verursachte eine Überschwemmung im Toilettenbereich und zerschlug Inventar. Angestellte des Hotels versuchten vergeblich, die ‚Randalierer’ zur Vernunft zu bringen, bis gegen 2 Uhr 20 die Polizei alarmiert wurde.“
Doch selbst als die Polizei eingetroffen war, beruhigte sich die Situation kaum. Hierzu die Pressestelle der Polizei: „Als die Beamten eintrafen, befanden sich noch etwa 50 Personen im Eingangsbereich des Hotels. Der Aufforderung, die Räumlichkeiten zu verlassen, kamen die Personen nur zögerlich nach. Vereinzelt kam es zu Beleidigungen und Widerstandshandlungen gegenüber den eingesetzten Polizisten. Zwei Männer im Alter von 23 und 30 Jahren sowie eine 29-jährige Frau wurden zum Zwecke einer Blutentnahme festgenommen. Die Beamten leiteten mehrere Ermittlungsverfahren ein.“

Fußnote:

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