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ROCK-O-RAMA „Als die Deutschen kamen“

ROCK-O-RAMA „Als die Deutschen kamen“
ROCK-O-RAMA „Als die Deutschen kamen“

ROCK-O-RAMA
„Als die Deutschen kamen“
Björn Fischer
448 Seiten; € 32,00
Hirnkost Verlag
https://shop.hirnkost.de/
ISBN:
PRINT: 978-3-949452-00-0
Über das Buch: Punkbands mit provokanten Namen wie Böhse Onkelz, Cotzbrocken, Oberste Heeresleitung oder Stosstrupp sorgten bereits in der Frühphase der wohl kontroversesten deutschen Schallplattenfirma medial für reichlich Zündstoff: Tonträger wurden indiziert, zensiert oder staatsanwaltschaftlich beschlagnahmt. Wenige Jahre später hatte sich das einstige Kultlabel der Punks in einen weltweit agierenden Rechtsrock-Vertrieb verwandelt.

So sich als Rechtsrock-Mekka ab Mitte der 1980er-Jahre konstant im Fadenkreuz des Verfassungsschutzes befindend, ist Rock-O-Rama bis heute ein ergiebiges Diskussionsthema innerhalb der deutschen Jugendsubkulturen, der Politszenen und des Musik-Undergrounds gleichermaßen. Eine Unmenge obskurer Anekdoten und haarsträubender Storys ranken sich um den konsequent medienscheuen Firmenchef Herbert E.: Gerüchte über „abgeschnittene Ohren“ und die Unterwanderung der Punkszene durch die NPD machten die Runde. Dieses Buch bringt auf über 400 Seiten endlich Licht ins Dunkel der Legenden, Mythen und Mysterien und offeriert dabei nicht nur Musik-Nerds und Szene-Insider*innen exklusive Background-Infos, sondern leistet darüber hinaus auch einen zentralen Beitrag zur Historie des Rechtsrock-Nukleus in Europa.

Gesamteindruck:

Wer war Herbert Egoldt? Der Versuch einer charakterlichen Analyse scheitert daran, dass bis auf wenige Ausnahmen keine*r Herbert richtig kannte oder gar zu Gesicht bekam. Der Musiker und Autor Björn Fischer hat sich die Frage gestellt, wer der Typ ist, um über ihn, das Label, die Bands ein Buch zu schreiben. Einige beschreiben Herbert als „Zuhältertyp“, „voll den Netten“, als ein „Mysterium“ (Gernot Nickel; The Nikoteens Manager), dem es nach Einschätzungen vieler der hier zu Wort kommenden Gesprächspartnern in der Hauptsache ums Geld/den Profit ging: „Platten zu veröffentlichen war seine Lebensgrundlage“, resümiert ein enger Bekannter und ehemaliger Geschäftspartner Egoldts.
Darüber hinaus geht es nicht nur um die Person Herbert Egoldt, sondern auch um das geschäftliche Umfeld, den Labelbands, deren Mitglieder einige Anekdoten und Erinnerungen wiedergeben. Insofern ist das Buch zum Einen der Versuch, die Person Herbert Egoldt charakterlich einzuordnen. Andererseits ist das Buch aber auch eine spannende Labelgeschichte, in der Bands und ausschließlich männliche Gesprächspartner den Kontakt/Umgang zu und mit Herbert und den Aufnahmeprozess im Studio in Köln beschreiben. Des Weiteren war R-O-R auch ein Plattenladen, der hier von einigen Bandmusikern und Besuchern beschrieben wird.
Am Ende sind wir wieder bei der Eingangsfrage angelangt: Wer war Herbert Egoldt? War er nur ein „gewiefter, beschissener“ Geschäftemacher? Hat er die Bands abgezockt, hatte er einen Neo-Nazi-Masterplan? Auch Karl Nagel rückt Herbert ins Reich des Unnahbaren, weist ihm die Rolle des Mysteriums zu.
Für mich war ROCK-O-RAMA einfach ein Label, das mich neben AGR, MÜLLEIMER, WEIRD SOUND mit Punk „fütterte“. Der typische R-O-R-Sound und die speziellen OHL-Kriegs-Covermotive sind im jeden Fall eine Referenz, ein Aushängeschild. Nicht unerwähnt bleiben sollte die Kooperation zwischen Rock-O-Rama und Propaganda. R-O-R hatte mit den Lizenzierungen des PROPAGANDA-Labels und dem großartigen Finnen-HC-Fundus (RIISTETYT, KAAOS, BASTARDS, TERVEET KÄDET, RATTUS...) ähnlich wie AGR und Weird Sound mit dem Ami-HC (BLACK FLAG, BAD BRAINS...) einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Punk in Deutschland, machte diesen vor allem aber erst mal zugänglich und bekannter. Die kontroverse Labelpolitik, die spezielle Covergestaltung und der typische Sound (meist im Kölner Studio am Dom unter der Leitung von Hans-Jürgen Fickel produziert) waren viele Reviewer, Punks suspekt und führte auch zu Ablehnung und Boykott, die sich spätestens mit den Veröffentlichungen der BÖHSE ONKELZ-Alben und der darauf folgenden White Power-/RAC-Label-Ära verstärkte. Auf der anderen Seite wird auch eine immer wiederkehrende Naivität der jungen Punk-Musiker offenbar, die wie die Band M.A.F ihre eigene Unerfahrenheit herausstellen: „Jung, dumm – im Sinne von unerfahren – und ständig besoffen!“
Über Herberts mögliche politische rechtsaffine Gesinnung und Geschäftspraktik attestiert Szeneaussteiger Torsten Lemmer: „Ihm war es vollkommen egal, ob du ein Punk mit No-Future-Einstellung oder ein rechter Skinhead warst(...)Er war nicht politisch rechtsstehend, sondern hat diese Subkultur zu seinem Geschäftsmodell erklärt und wurde damit für einige Zeit zum nahezu Alleinherrschenden auf dem Rechtsrock-Markt.“
Auch nach seinem Tod († 25. November 2005) bleibt der nüchterne Erkenntnisgewinn, dass Herbert Egoldt ein Geschäftsmann war, der mit seinen Veröffentlichungen das Hardcore-, Punk-, White Power-/RAC-, sogar Gruftie-Spektrum bediente. Herbert Egoldt hat mit Rock-O-Rama in kürzester Zeit quantitativ den Markt überschwemmt (vor allem 1983!), aber mit billiger Aufmachung, liebloser Gestaltung und durchgängig übler Abmischung die Kundschaft abschreckte und vergraulte.
Auch wenn es aus heutiger Sicht und nach dem Lesen des Buches merkwürdig erscheint, so hatte Rock-O-Rama in den frühen 80ern zumindest hierzulande eine nicht zu unterschätzende Bedeutung in der Punkszene. Oder anders gesagt: man kam um den Egoldt und seine Punk-Platten kaum herum. Nostalgie hin und schaler Beigeschmack her, Björn hat ein umfassendes Bild zusammengestellt, das aus den vielen detaillierten Erinnerungen der vielen Gesprächspartnern geschuldet ist und in Ansätzen das Psychogramm eines Geschäftsmannes darstellt, dem es „nur ums Geld und die Marktlücke“ ging (Ralf aus Köln).