
„Unter Brücken, auf Plätzen, im Bild – Lucja Romanowska über Straßenpunks und ihre eigene Zeit am Rand“
Sie kennt den Asphalt nicht nur von oben, sondern auch von unten. Lucja Romanowska hat selbst auf der Straße gelebt, Nächte unter Brücken verbracht, den Atem der Kälte gespürt und die Blicke
derer, die schnell wieder wegsehen. Heute ist sie freie Fotografin – und richtet ihre Linse u. a. auf Menschen, die ähnlich leben wie sie damals: Straßenpunks. Mit ihnen hat sie zuletzt am
Hamburger Wagenplatz „Schießplatz“ Zeit verbracht – und sie in Bildern festgehalten, die nicht beschönigen und nicht verurteilen.
„Unter Brücken, auf Plätzen, im Bild – Lucja Romanowska über Straßenpunks und ihre eigene Zeit am Rand“
Ein Gespräch über Nähe, Vertrauen und die Frage, was Freiheit wirklich bedeutet.
Lucja, du hast selbst auf der Straße gelebt. Wenn du heute Straßenpunks fotografierst – wie stark siehst du in ihnen auch dein eigenes früheres Leben?
Das liegt wirklich schon sehr lange zurück – über 20 Jahre. Damals habe ich „Platte gemacht“, aber nicht, weil ich musste. Ich wollte einfach meinen Freunden nah sein. Es hatte ja auch eine
gewisse Romantik, draußen zu schlafen.
Trotzdem erinnere ich mich gut an vieles, und natürlich ist mir diese Welt noch immer nah. So sehr hat sich die Szene seitdem auch gar nicht verändert.
Du sagst, dich reizt das Ungeschminkte, Schräge, Außergewöhnliche. Was genau fesselt dich daran – und warum gerade bei den Straßenpunks?
Ich würde sagen, das betrifft nicht nur Straßenpunks. Aber gerade auf der Straße trifft man Menschen mit außergewöhnlichen Lebensgeschichten.
Diejenigen, die ich porträtiere, haben oft viel erlebt, manchmal auch viel durchgemacht. Das möchte ich zeigen – nicht nur die Gesichter, sondern auch die Geschichten dahinter.
Wie bist du zum Wagenplatz „Schießplatz“ in Hamburg gekommen? War es Zufall oder eine bewusste Suche nach diesem Ort?
Ich kenne noch immer Menschen, die auf Bauwagenplätzen leben – manche sogar noch von früher. Wir sprachen über den „neuen“ Platz, und so entstand die Idee, dort mal wieder vorbeizuschauen und
eine Geschichte zu erzählen.
Damals sollte der Platz in absehbarer Zeit geräumt werden, und ich wollte den Prozess fotografisch begleiten. Glücklicherweise durften die Punks bleiben. Beruflich war ich dann länger nicht dort,
aber ich möchte unbedingt bald wieder vorbeischauen und weiterfotografieren.
Als du dort zum ersten Mal mit der Kamera standest – wie haben die Punks reagiert? War es ein offenes Willkommen, oder musstest du dir Vertrauen erst erarbeiten?
Die meisten waren erstaunlich offen. Vielleicht lag es auch daran, dass mich einige über mehrere Ecken kannten und wussten, dass ich kommen würde, um zu fotografieren.
Ich glaube aber, dass viele Punks heute grundsätzlich offener gegenüber Fotografie sind. Viele sind ja selbst in sozialen Medien aktiv und posten dort ihre Bilder. Früher war das ganz anders – da
war das Fotografiertwerden oft ein sensibles Thema.
Alle Fotos: Lucja Romanowska
Du bewegst dich zwischen zwei Rollen: als dokumentierende Fotografin und als jemand, der diese Welt aus eigener Erfahrung kennt. Wann fühlst du dich mittendrin – und wann bleibt
Distanz?
Ich kann heute professioneller mit dieser Balance umgehen.
Früher hatte ich oft Hemmungen, in bestimmten Momenten zu fotografieren – einfach, weil mir die Menschen und Situationen zu nah waren. Mittlerweile habe ich gelernt, Nähe zuzulassen und
gleichzeitig respektvolle Distanz zu wahren.
Gibt es Begegnungen aus der Zeit mit den Straßenpunks, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Ja, einige. Wenn ich heute mein altes Fotobuch „Euch die Uhren, uns die Zeit“ durchblättere, sehe ich viele Gesichter von Menschen, die nicht mehr da sind.
Da sind Freunde darunter – Menschen, mit denen ich viel erlebt habe. Diese Fotos sind für mich Erinnerungen an gemeinsame Zeiten, an Leben, die Spuren hinterlassen haben.
Deine Bilder zeigen Menschen, denen viele im Alltag begegnen – an Bahnhöfen, auf Plätzen, in Fußgängerzonen. Wie erlebst du die Reaktionen der Passanten – und wie beschreiben die Punks
selbst solche Begegnungen?
Bei Menschen, die mit der Szene nichts zu tun haben, lösen Straßenpunks sehr gemischte Gefühle aus – von Abscheu über Neugier bis hin zu Mitleid oder Hilfsbereitschaft.
Diese Ablehnung spüren viele, und sie führt auch zu einer Art Abschottung. Es ist ein gegenseitiger Mechanismus: Wer auf der Straße sitzt, schaut oft genauso skeptisch auf die Vorbeilaufenden wie
umgekehrt.
Straßenpunks werden oft mit Alkohol, Chaos oder Gewalt assoziiert. Wie gelingt es dir, diese Klischees in deinen Bildern zu durchbrechen – und wie sehen die Punks sich
selbst?
Natürlich gehören auch solche Seiten dazu, aber das ist längst nicht alles.
Ich versuche, auch die guten Momente zu zeigen – den Zusammenhalt, das Lachen, die Gemeinschaft. Jede Geschichte ist individuell. Für manche ist dieses Leben nur eine Phase, für andere eine
bewusste Entscheidung.
Du hast dich gefragt, was wirkliche Freiheit bedeutet. Was antworten dir die Punks – und was bedeutet Freiheit für dich selbst?
Für mich ist Freiheit die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die mir ein gutes, erfülltes Leben ermöglichen.
Vollkommene Freiheit ist im Kapitalismus kaum möglich – auch nicht für die Punks. Geld spielt nun mal eine Rolle, wenn man bestimmte Dinge umsetzen will.
Aber es gibt auch kleine Freiheiten: zu sagen „Ich arbeite jetzt nicht, ich will lieber mit Freunden am See liegen“ – das ist schon ein Stück Freiheit, ganz ohne Geld.
Wenn du heute auf dieses Projekt schaust – was sollen die Betrachter*innen deiner Bilder mitnehmen? Und was wünschen sich die Punks selbst, wie sie in Erinnerung bleiben?
In erster Linie ist es eine Dokumentation – eine Momentaufnahme einer bestimmten Zeit und Szene.
Ich weiß nicht, ob es diese Art des Lebens in 20 oder 30 Jahren noch geben wird.
Darum sind die Bilder auch ein Stück Geschichte – und für die Punks selbst eine Erinnerung.
Lucja Romanowskas Bilder sind kein lautes Statement, sondern ein stilles Angebot, hinzusehen. Zwischen bunten Irokesen, leeren Flaschen und müden Augen liegt oft ein ganz anderes Leben, als wir
denken. Wer ihre Fotografien betrachtet, sieht nicht nur Punks – er/sie sieht Menschen. Vielleicht ist genau das der Anfang von echter Freiheit: die Freiheit, die anderen nicht auf das zu
reduzieren, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.
https://www.lucja-romanowska.com/








