
Unter der Brücke hat Flegel sein Nachtlager aufgebaut. Nicht viel: eine dünne Matte, ein paar Lumpen als Decke, ein Becher, ein Einkaufswagen voller Kram, der zu schade ist, um ihn wegzuwerfen. Kein unnötiger Besitz, nichts, was zu schwer wird, wenn man schnell weiter muss. Er sitzt schon dort, als ich ankomme – fest in Kleidung gewickelt, um der Kälte standzuhalten. Ein kurzes „Hey“, mehr braucht es nicht. Ich stelle zwei Bierchen zwischen uns. Eine kleine Geste, aber sie reicht. Er ist offen, direkt, höflich. Und gleichzeitig liegt in seinem Blick diese Schwere, die man nicht weglächeln kann.
Text: Steve Braun; alle Fotos: Steve Braun
Ratten laufen über die Pflastersteine, fast wie kleine Stammgäste, die wissen, dass sie hier niemand vertreibt. Später tauchen drei Füchse aus dem Gebüsch auf, jagen und verschwinden wieder. Die
Stadt kümmert sich nicht darum, wer hier am Ende wen frisst. Gegenüber donnern die Züge vorbei, werfen kurze Lichtblitze zwischen die Betonpfeiler. Der Boden bebt jedes Mal leicht mit. Flegel
hebt seine Bierflasche und tippt Richtung Gleise:
„Das ist mein Fernseher.“ Er folgt den Schemen in den Waggons, als schaue er wirklich eine Serie – Menschen mit Müdigkeit in den Gesichtern und Licht von Handys. „Hier kann ich mir alles noch
einmal durch den Kopf gehen lassen“, murmelt er, ohne den Blick abzuwenden. Man hat das Gefühl, er kennt jede Szene, die dort oben vorbeisaust – und trotzdem bleibt er sitzen, ruhig, als wäre er
einfach Teil des Programms.
„Ich war mal Krankenpfleger“, sagt Flegel irgendwann. Er spricht es aus wie eine Tatsache – ohne Bedauern, ohne Stolz. „Ich hatte eine Wohnung. Zwei Hunde. Die habe ich geliebt wie Kinder.“
Chanel Nummer 5 und 7 hießen die Hunde. Seine Art zu zeigen, dass Punk nicht in Klischees passt. „Wenn alle immer so Ultra-Punk sein wollen, dann bist du am punkigsten, wenn du genau das
Gegenteil machst.“
Das war sein Mittelfinger an alle Oberpunks in der Szene. Seine Stimme verändert sich ein wenig, wenn er von den Hunden spricht. „Die waren Familie“, sagt er. „Die haben mich gebraucht. Und ich
habe sie gebraucht.“ Elf Jahre lang waren sie da – egal, wie es ihm ging. Bis sie es nicht mehr waren.
Wenn man Flegel fragt, wie alles begann und wie er schließlich auf der Straße landete, führt die Spur immer zu seiner Ex-Partnerin. Über Jahre hinweg erlebte er körperliche und psychische
Misshandlung, wurde von Freunden isoliert, und seine frühere Suchterkrankung, die er bereits in jungen Jahren gehabt hatte, trat erneut zutage. Alles begann mit der Renovierung der Wohnung – ein
Projekt, das sie unbedingt wollte, er jedoch nicht. Schritt für Schritt verwandelte sich die Beziehung in eine Falle. „Wir waren kurz davor, uns gegenseitig umzubringen“, sagt er, und man spürt,
dass diese Erinnerung bis heute nachhallt.
Am Anfang habe er versucht, seine Zukunft aufzubauen, aber seine Partnerin habe das blockiert: „Die Frau hat mich regelmäßig sabotiert.“ Sie sei ohne Papiere aus der Ukraine gekommen. „Sie hat
gesagt: Deutschland hat ihr alles genommen, also kann sie sich auch bei Deutschland bedienen.“
Dann habe sie ihn gedrängt, mitzumachen. Erst habe er widerstanden, dann seien alte Muster zurückgekommen: „Weil ich suchterkrankt bin und es mit ihr unter einem Dach nicht mehr ausgehalten habe,
fing ich wieder an, Alkohol zu klauen.“
Die Wohnung wurde zu einem Ort, an dem ihm nichts mehr gehörte – auch wenn sein Name im Mietvertrag stand. Er erzählt, wie es immer wieder zu Zwischenfällen kam. Flegels Habseligkeiten, die
während der Renovierung nur „kurz“ in Müllsäcke gepackt worden waren, sollten vollständig entsorgt werden. Dagegen wehrte er sich. Der Streit eskalierte, und sie versuchte, ihm eine Bocciakugel
an den Kopf zu knallen. Er hielt sie auf, brachte sie zur Tür. Die Situation wurde immer schlimmer. Sie begann, Flegels ganzes Zeug durch das geschlossene Fenster zu schleudern – Krach,
splitterndes Glas, überall Scherben. Schließlich kam die Polizei. „Ich hab sie nicht angezeigt – aber sie mich.“
Flegel wollte seine Privatangelegenheiten nicht von der Polizei klären lassen. Und da seine Partnerin gerade wieder aus dem Gefängnis gekommen war, wollte er ihr das mit der Anzeige nicht antun.
Sie hingegen stellte Anzeige wegen Körperverletzung, erzählt er – eine Anzeige, die sie nur zurücknehmen würde, wenn er ging. Da sich so etwas nicht gut in der Vita eines Krankenpflegers machte,
zog er sich zurück und verließ die Wohnung.
Über Jahre hinweg verlief die Beziehung in diesem Muster. Immer wieder fanden sie zueinander, und der Kreislauf aus körperlicher und emotionaler Gewalt setzte sich fort. Die wiederkehrenden
lautstarken Auseinandersetzungen in der Wohnung führten dazu, dass sich die Nachbarn zunehmend von Flegel abwandten, obwohl das Verhältnis zuvor gut gewesen war. Nach und nach verschwanden seine
persönlichen Gegenstände aus der Wohnung, während sie die Wohnung heimlich nach und nach für sich übernahm.
Und die Hunde – seine Hunde seit elf Jahren – sollten „nur kurz“ zu den Nachbarn, während der Renovierungsarbeiten. „Ich hab gegen mein Herz gehandelt“, sagt er. Aber er stimmte zu. Während er in
die Entzugsklinik ging und versuchte, wieder klarzukommen, blieben sie dort. Der Plan war: zurück nach Hause, die Hunde wieder abholen und vielleicht sogar an die Ostsee fahren – „ihre letzten
Jahre schön machen“, wie er sagt. Doch als er zurückkam, waren sie weg. Nicht bei den Nachbarn. Nicht auffindbar. Keiner wusste – oder wollte sagen – wohin. „Ich weiß bis heute nicht, wo sie
sind“, sagt er. „Meine Hunde wurden einfach weggegeben. Das ist Familie. Die gibst du nicht einfach ab.“ Seine Stimme bleibt ruhig – aber der Verlust spricht für sich.
Er erzählt, dass selbst so banale Dinge wie ein Hoodie zur absoluten Krise werden konnten – das letzte Kleidungsstück, das er für ein Probearbeiten im Velodrom hatte. „Sie wollte mir meinen
Hoodie nicht geben. Und weil ich zur Schicht musste, hab ich ihren genommen.“ Eine Sekunde später – das Messer. „Da hat sie mir das Ding in den Arm gerammt.“ Trotzdem versuchte er zu
funktionieren. Er ging zur Arbeit, als wäre nichts passiert. Doch irgendwann drang das Blut durch den Hoodie. Blut fällt auf – auch wenn niemand etwas sagt. „Sie haben gesagt, sie rufen mich
wieder an“, sagt er. „Aber ich glaube, das war der Ausschlag, warum sie es nicht getan haben.“
Nach dem Ende kommt kein richtiger Anfang mehr. Nur Versuche. „Ich war hundertmal in der Klinik“, sagt Flegel. Entgiftung, Entzug, wieder Hoffnung auf einen geraden Weg. Und jedes Mal dasselbe
Muster: rauskommen, versuchen, arbeiten, wieder einbrechen.
„Ich hab probiert, meine Sachen auf die Reihe zu kriegen“, sagt er. Ein Freund verschafft ihm Arbeit – Marktaufbau. Hart, körperlich, über Kopf, Metallgestänge, stundenlang. „Und dafür kriege ich
20 Euro. Ich weiß nicht, ob man das Freund nennt.“
Immer wieder steht er vor dem nächsten Versuch. Und immer wartet etwas auf ihn, das stärker ist: der Druck. Die Beziehung. Die Sucht. „Ich hab’s mit ihr nicht mehr ausgehalten“, sagt er. Dann
trank er wieder. Dann begann er, Alkohol zu klauen. „Vom Alkohol wird der Schmerz am nächsten Tag schlimmer. Mit Heroin geht das wenigstens kurz weg.“
Mit den Jahren kamen die Geldstrafen – Schwarzfahren vor allem. „Ich fahr ja nicht aus Spaß schwarz. Woher soll das Geld kommen?“ Und kleine Diebstähle, um nicht hungrig ins Bett zu gehen. Die
Schulden stapelten sich. Wer nicht zahlen kann, sitzt. So kam er wegen offener Geldstrafen in den Knast.
Heute schläft er, wo es geht. Wo man nicht auffällt. Wo man nachts zumindest nicht erfriert.
„Zwischen den Schienen war’s im Sommer fast zu warm“, sagt er. „Aber im Winter bringt dich die Kälte um.“ Manchmal denkt er über leerstehende Gebäude nach – Plätze, an denen man ein kleines Feuer
machen könnte, ohne sofort vertrieben zu werden. Eine Zeit lang schlief er mit anderen Obdachlosen auf einem Friedhof. „Da hab ich mich sogar wohlgefühlt“, sagt er. Abgeschirmt, ruhig, ein
bisschen Grün zwischen all dem Beton. Bis seine Ex-Partnerin dort auftauchte. Sie suchte ihn – und dabei zündete sie Zelte anderer Obdachloser an. Seitdem meidet er den Ort. „Ich hab Angst, ihr
über den Weg zu laufen“, sagt er. Sein eigenes Zelt hatte er zuvor verliehen. Zurück bekam er es nie. Jetzt bleibt ihm nur, die Nacht zu überstehen, wo er sein Lager aufschlagen kann.
Um über die Runden zu kommen, verkauft Flegel die Kunst- und Gesellschaftszeitung „Arts of the Working Class“ in den Bahnen und auf den Straßen der Stadt. Kein großes Geld, aber genug, um den Tag
zu überstehen. „Es ist nicht viel. Aber es ist meines“, sagt er. Schnorren bedeutet für ihn nicht, sich aufzudrängen oder eine Geschichte aufzutischen. „Ich wollte eigentlich nur die Zeitung
präsentieren“, sagt er. „Nicht meine eigene Geschichte erzählen.“ Besonders in der U-Bahn sei das schwierig. Die Menschen sitzen dicht, schauen sich gegenseitig an und beobachten jeden Blick.
„Wenn einer beschämt wegschaut, machen die anderen das sofort nach“, sagt er. Bevor er überhaupt anfangen könne zu reden, sei alles schon entschieden.
Für Flegel ist die größte Last nicht der Hunger. Es ist die Art, wie Menschen ihn ansehen. Oder nicht ansehen. „Missverstanden zu werden ist für mich das größte Problem“, sagt er. Es komme
ständig vor, dass ihm schon vorab unterstellt werde, was er gleich sagen wolle – noch bevor er es überhaupt gesagt hat. Jede abwehrende Geste bedeutet: Fall abgeschlossen. Weitergehen. Noch bevor
er einen Satz sagen kann.
„Mit Bullen habe ich, weiß nicht wie ich das schaffe, wenig zu tun.“ Securities dagegen begegnen ihm ständig. „Die schmeißen dich raus, wenn du einschläfst“, sagt er. Viele wirkten für ihn wie
„besser bezahlte Türsteher“. Es gebe aber auch Ausnahmen: „Manche lassen mich pennen. Da sag’ ich dann auch danke.“
Wenn er medizinische Hilfe braucht oder einfach kurz zur Ruhe kommen muss, geht er zum Fixpunkt. „Was mir echt was gegeben hat, war der Name“, sagt er. Die Einrichtung heißt „Druckausgleich“ –
ein Name, den er mit einem kurzen Lächeln kommentiert. „Da kriegst du saubere Kanülen, sauberes Equipment“, sagt er. Kaffee kostet 30 Cent, Tee gibt es umsonst. Es gibt Sozialarbeiter, und einmal
in der Woche auch Ärzte. Für Menschen, die draußen leben, ist das mehr als Service. Es ist Struktur. Versorgung. Sicherheit.
Während des Gesprächs kommt Flegel immer wieder auf seine alte Zeit in der Punk-Szene zurück und darauf, was Punk für ihn heute noch bedeutet. Für ihn war das nie eine Frage von Outfit oder
Lautstärke. Politisch aktiv, zog er nach Kreuzberg, weil er hoffte, dort Menschen zu treffen, die noch wirklich etwas bewegen wollten. Seine ersten Schritte waren eine Bürgerinitiative gegen
einen McDonald’s im Kiez und das Sammeln von Unterschriften gegen neue Sicherheitsgesetze, aus Sorge, dass E-Mails und Telefonate überwacht werden könnten. Die Wut, die ihn damals antrieb, ist in
seiner Stimme noch immer spürbar.
Bis heute ist Punk für ihn vor allem eine Haltung: den eigenen Kopf benutzen, nicht nachplappern, was alle sagen. „Man kann auch zugeben, wenn’s Frau Merkel mal was Richtiges gemacht hat“, sagt
er mit einem Schulterzucken. Punk war für ihn: denken statt folgen. Und nicht wegschauen, wenn Unrecht passiert.
Ich frage ihn, was er tun würde, wenn er von heute auf morgen clean wäre. „Dann würde ich mir erst mal was holen gehen“, sagt er. „Einfach nur, weil ich’s dann genießen kann.“ Danach früh
aufstehen, Ausweis beantragen, zum Amt gehen – all die Dinge regeln, die ein Leben überhaupt erst möglich machen. Und dann? Er würde nach Südamerika reisen, in den Regenwald, weil er immer noch
brennt. Er wollte schon immer helfen, das Feuer zu löschen.
„Was macht dein Leben wertvoll?“, fragt er schließlich. „Wir haben diese Erde geschenkt bekommen. Der Sinn ist doch, etwas zurückzugeben.“
Wir laufen noch ein Stück durch die Nacht. Dann biegt jeder in seine Richtung ab. Ich verschwinde in die Wärme. Er bleibt unter den Brücken. Zwischen Stahl und Beton. Dort, wo die Kälte wartet.


