· 

Anarcho-Syndikalistinnen. Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus

Anarcho-Syndikalistinnen. Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus
Anarcho-Syndikalistinnen. Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus

Anarcho-Syndikalistinnen. Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus
Helge Döhring
400 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-86841-329-8
https://www.edition-av.de/buecher/doehring-anarcho-syndikalistinnen.html

Der Band von Helge Döhring beleuchtet u.a. 28 deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus von 1888 bis 1955 und zeigt ihre Rolle in der Bewegung. Strukturiert nach Zeitabschnitten widmet Döhring jeder Protagonistin ein Kapitel, das biografische Informationen, ihr politisches Umfeld und kontextualisierende Erläuterungen aus seiner pro-anarchosyndikalistischen Perspektive vereint. Die zentrale Erkenntnis ist, dass sich die Frauen primär als Anarchistinnen verstanden und gesellschaftliche Emanzipation mit revolutionärer Praxis verknüpften.

Über den Autoren:

Helge Döhring, geb. 1972, Historiker und Literaturwissenschaftler, lebt in Bremen. Buchveröffentlichungen zur syndikalistischen und anarchistischen Arbeiterbewegung: „Syndikalismus in Deutschland 1914-1918“ (2013), zum „Anarcho-Syndikalismus in Deutschland 1933-1945“ (2013) und „Organisierter Anarchismus in Deutschland von 1918 bis 1933“ (drei Bände, 2018-2020), sowie zur „Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“ (2011), zu den „Schwarzen Scharen“ (2011); kommentierte Bibliographie zur syndikalistischen Presse in Deutschland (2010). Regionalstudien zum Syndikalismus für Bayern, Baden-Württemberg, Bremen, Ostpreußen, Schlesien und Schleswig-Holstein. Verfasser des Buches „Anarcho-Syndikalismus. Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung“ (2017). Mitarbeiter und Mitbegründer des Instituts für Syndikalismusforschung und Mitherausgeber des Jahrbuchs „Syfo – Forschung&Bewegung“.

Praktische Themen wie Erziehung, Ernährung, Wohnen und soziale Unterstützung standen dabei im Fokus, oft parallel zu klassischer Klassenkritik. Trotz Leitungsfunktionen stießen viele Frauen auf strukturelle Barrieren in der männlich dominierten Bewegung. 
Beispiele aus dem Band sind Milly Witkop, eine zentrale Figur des deutschsprachigen Anarcho-Syndikalismus und Brückenbauerin zwischen Londoner jiddisch-anarchistischen Kreisen und der FAUD in Deutschland, die anarchistische Klassenkritik mit frühem Feminismus verband, sowie Erna Sauerbrey, eine regionale Aktivistin in Bremen, die sich im Syndikalismus und Widerstand engagierte und später in der „Föderation freiheitlicher Sozialisten“ aktiv war. Döhring hebt die Bedeutung der praxisorientierten Frauenbünde hervor, die Bildung, Ernährung, Kinderbetreuung, Gesundheit und Solidarität organisierten. Sie waren entscheidend für die Mobilisierung von Frauen und die Integration sozialer Themen in die Bewegung, spiegelten jedoch zugleich die bestehenden Ungleichheiten innerhalb des Syndikalismus wider. Der Band ist lesenswert, da er persönliche Lebensgeschichten dokumentiert, umfangreiche Quellenarbeit leistet und die historische Rolle von Frauen im Anarcho-Syndikalismus lebendig macht.


Warum das Thema wichtig ist

Das Thema der Anarcho-Syndikalistinnen ist wichtig, weil es eine lange vernachlässigte Perspektive der Arbeiter- und Emanzipationsgeschichte sichtbar macht. Die Geschichte des Anarcho-Syndikalismus wurde über Jahrzehnte vor allem als Geschichte männlicher Akteure erzählt, wodurch der Beitrag von Frauen systematisch marginalisiert oder vollständig ausgeblendet wurde. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass Frauen nicht nur unterstützende Rollen innehatten, sondern als Organisatorinnen, Publizistinnen, Bildnerinnen und Netzwerkerinnen entscheidend zum Funktionieren und Fortbestand der Bewegung beitrugen. Ohne ihre Arbeit wären viele zentrale Strukturen, insbesondere in den Bereichen Presse, Bildung, Solidarität und Exil, nicht denkbar gewesen.

Zugleich lenkt das Thema den Blick auf Formen politischer Arbeit, die lange nicht als solche anerkannt wurden. Tätigkeiten wie Bildungsarbeit, Kinderbetreuung während Streiks, Gefangenenhilfe, Versorgung und soziale Fürsorge waren für die Bewegung konstitutiv, galten aber als „natürlich weiblich“ und wurden daher historisch entwertet. Die Beschäftigung mit Anarcho-Syndikalistinnen macht deutlich, dass politische Praxis nicht nur in Organisationen, Programmen und Reden besteht, sondern in alltäglichen sozialen Beziehungen und reproduktiver Arbeit, ohne die kollektiver Widerstand nicht möglich ist.

Darüber hinaus zeigt sich in den Schriften und der Praxis anarcho-syndikalistischer Frauen eine frühe und konsequente Verbindung von Klassenkampf und Geschlechterkritik. Viele Anarcho-Syndikalistinnen thematisierten die doppelte Ausbeutung von Frauen in Lohnarbeit und Haushalt, kritisierten Ehe und patriarchale Moralvorstellungen und forderten eine umfassende soziale Emanzipation, die auch das Private einschließt. Damit machten sie deutlich, dass gesellschaftliche Befreiung unvollständig bleibt, wenn Geschlechterverhältnisse nicht grundlegend verändert werden.

Das Thema ist auch deshalb bedeutsam, weil es die inneren Widersprüche emanzipatorischer Bewegungen offenlegt. Trotz ihres antiautoritären Selbstverständnisses reproduzierte auch der Anarcho-Syndikalismus patriarchale Strukturen. Frauen mussten häufig eigene Organisationen wie die syndikalistischen Frauenbünde aufbauen, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Die Auseinandersetzung mit diesen Spannungen ermöglicht eine kritischere, realistischere Betrachtung linker Bewegungen, ohne deren emanzipatorisches Potenzial zu negieren.

Nicht zuletzt spielt die Rolle von Anarcho-Syndikalistinnen eine zentrale Bedeutung für die Exil-, Widerstands- und Erinnerungsgeschichte. Nach der Zerschlagung der Bewegung durch den Nationalsozialismus waren es vielfach Frauen, die internationale Netzwerke aufrechterhielten, Solidaritätsarbeit organisierten und politische Traditionen bewahrten. Ihre Biographien zeigen, wie soziale Bewegungen unter Repressionsbedingungen überleben und wie politisches Wissen weitergegeben wird.

Insgesamt trägt die Auseinandersetzung mit Anarcho-Syndikalistinnen dazu bei, das historische Gedächtnis zu erweitern und Emanzipationsgeschichte neu zu erzählen. Sie macht deutlich, dass soziale Bewegungen ohne die Arbeit von Frauen nicht existieren können, dass feministische Fragen untrennbar mit sozialen Kämpfen verbunden sind und dass viele der damaligen Probleme und Konflikte bis heute aktuell geblieben sind.

Get in touch


Newsletter


Homepage durchsuchen




Homepage übersetzen