
FJØRT
belle époque LP
Grand Hotel van Cleef/Indigo
Es wird und ist dunkel, ja, düster, bedrohliche Atmosphäre. Weder Betroffenheit, noch Hass ist eine Option, es ist die nackte und rohe brachiale Gewalt, mit der ein „Bis-hier-und-nicht-weiter“
gestärkt wird. Also jenes Gefühl, mit dem endlich Klarheit herrscht, das emotionale Schlachtfeld zu kompensieren.
„Die Menschheit könnte achtsam zusammenleben. Errungenschaften könnten zum Allgemeinwohl eingesetzt werden. Wir wissen so viel, wir geben einander so wenig.
Gesellschaftlich scheint es wieder zurück zu alten, vergifteten Werten zu gehen. All den Weltschmerz, all die eigenen Fehler vor Augen ballern wir weiter Konfetti und Feuerwerk. Herzlichen
Glückwunsch“, empfindet Bassist und Sänger David Frings als Ausgangspunkt für die Welt, die „belle époque“ aufspannt.
Melancholie und Stille als Gegensatz zum Abgesang, zum Brachial-Sound, der in Lärm geboren und im Moll begleitet, in Disharmonie begraben wird. Kann man Schmerzen fühlen, wenn Musik wie
„hertz" ertönt, wo Leid und das Jüngste Gericht mit Tönen aus d m Massengrab getragen wird. „Ich trage Schuld bis in alle Ewigkeit". Und es geht weiter mit real besungene Schlachtfelder, auf
denen Menschen und nichtmenschliche Lebewesen ihr Leben sinnlos verlieren. „Wir leben in Hakenkreuz-Zeiten!" Geschichte wiederholt sich nicht, sie wird uminterpretiert, verharmlost, verdrängt und
neu erzählt, um Identität oder Macht zu stützen.
Auf „Danse" wird gerappt, geschrien und wenn es auch wie eine Art der Befreiung klingt, ist es doch die Selbstkasteiung und die Erkenntnis, die in „nacht" offenbart wird und sich durch alle Songs
zieht: Es bleibt dunkel, selbst wenn der Tag hereinbricht. belle epoque ist Klanguniversum mit stillen Passagen, mit Lärm und eruptiven impulsiven Ausbrüchen, ein permanentes Vibrieren zwischen
Implosion und Explosion.
FJØRT verweigern sich auf „belle époque“ konsequent jeder Form von Trostpflaster. Die Produktion – satt, roh, ungeschönt, beinahe klaustrophobisch – lässt keinen Raum zum Ausweichen.
Zwischen all der Düsternis entstehen jedoch diese fragilen Momente, in denen Stille mehr sagt als jedes Geschrei. Kurze Atempausen, fragile Melodielinien, die wie Resthoffnung flackern – nur um
im nächsten Augenblick wieder von Lärm und Moll verschluckt zu werden. Dieses Wechselspiel ist kein Stilmittel, es ist Statement. Die Schönheit dieser „schönen Epoche“ liegt im schonungslosen
Offenlegen ihrer Abgründe.
Textlich sucht das Trio eine radikale Offenheit. Keine Metaphernflucht, kein verklausuliertes Raunen. Die Worte sind Anklage und Selbstanklage zugleich. Schuld wird nicht delegiert, Verantwortung
nicht ausgelagert. Es ist das Protokoll einer Gegenwart, die sich selbst beim Scheitern beobachtet – und dennoch weitermacht. Immer weiter.
Dabei wirkt „belle époque“ wie ein düsterer Gegenentwurf zur kollektiven Verdrängung. Während draußen weiter Konfetti fällt, wird hier das Fundament freigelegt, bröckelnd, morsch, gefährlich. Der
Lärm ist Ventil und Waffe zugleich. Katharsis? Vielleicht. Aber keine reinigende. Eher eine, die Narben sichtbar macht, statt sie zu schließen.
Am Ende bleibt kein versöhnlicher Ausblick. Kein Lichtstreif am Horizont, der alles relativiert. Stattdessen dieses beharrliche Pochen: Hinsehen. Aushalten. Nicht wegdrehen.
„belle époque“ ist kein Album für nebenbei. Es ist ein akustischer Ausnahmezustand, ein Protokoll der Pechschwarz-Ära.
