
Shoreline
Is This The Low Point Or The Moment After? LP
Pure Noise Records
Auf ihrem vierten Album bewegen sich Shoreline in einem emotionalen Spannungsfeld, in dem Verletzlichkeit und Widerstandskraft nebeneinander existieren. Is This The Low Point Or The Moment After?
ist kein Album der endgültigen Verzweiflung – vielmehr eines der Neuordnung. Ein Zustand zwischen innerem Druck, Müdigkeit und dem vorsichtigen Versuch, wieder aufzustehen.
Die Songs wirken dabei zugleich fragil und kraftvoll: Herz und Hirn arbeiten im selben Takt, während sich Melancholie, Wut und Hoffnung gegenseitig antreiben. Der Sound des Quartetts bewegt sich
weiterhin zwischen Emo, Post-Punk und Screamo, doch statt bloßer Katharsis steht hier die Intensität des Übergangs im Mittelpunkt. Diese Musik fühlt sich an wie der Moment direkt nach dem
Aufprall – wenn der Schmerz noch da ist, aber sich langsam eine neue Klarheit formt.
Trotz aller Emotionalität bleibt die Band melodisch treffsicher. Besonders „Forgive“, unterstützt von Knuckle-Puck-Sänger Joe Taylor, zeigt Shoreline von ihrer zugänglichsten Seite. Auch „Phantom
Pain“ gehört zu den stärksten Momenten der Platte: Der Song baut zunächst eine vertraute Spannung auf, bevor er am Ende mit unerwarteten musikalischen Wendungen ausbricht und sich deutlich vom
Rest des Albums abhebt.
Aufgenommen wurde das Album im eigenen, zum Studio umgebauten Proberaum – eine Entscheidung, die man der Platte anhört. Alles wirkt unmittelbarer, direkter, manchmal roh, aber genau darin liegt
ihre Stärke. Zwischen Post-Punk-Kante, Emo-Pop-Melodien und Hardcore-Energie entsteht eine Mischung, die Fans von Bands wie The Loved Ones, Anti-Flag oder Rise Against ebenso ansprechen dürfte
wie Hörer*innen aus dem Boysetsfire- oder Silverstein-Umfeld.
Mit Metal hat das alles zwar wenig zu tun, doch gerade darin liegt der Reiz: Wer für eine gute halbe Stunde Kettenhemd und Schlachtfeld gegen Melancholie, Nachdenklichkeit und emotionale Wucht
eintauschen möchte, findet hier einen passenden Begleiter.
Is This The Low Point Or The Moment After? ist kein Album für jeden Tag – aber eines für die Momente dazwischen. Für jene Augenblicke, in denen man gleichzeitig stark und verletzlich ist. Und
genau deshalb trifft es mitten ins Herz.
