
Death Lens
What's Left Now
Epitaph / Indigo
Ein altes Sprichwort besagt, dass Zeiten politischer Unruhe große Kunst hervorbringen. Wenn das stimmt, dann sind Death Lens genau die richtige Punkband für diesen Moment: vier multikulturelle
Working-Class-Musiker aus Südkalifornien, die mit ihren Songs Bühnenabstürze provozieren und Hymnen für die Unterdrückten schreiben. Ihre Musik trägt eine Botschaft von Widerstandskraft und
klingt zugleich nach schweißgetränkter Ekstase – ein Sound, der Außenseiter aller Couleur vereint. Ihre Liveshows sind explosive Manifestationen aus Chaos und Zusammenhalt. Ihre Riffs und
Refrains gehören eigentlich mit Warnhinweisen versehen – akute Suchtgefahr. Und ihre Texte treffen eine seltene Balance: mutig persönlich und zugleich universell anschlussfähig.
Death Lens waren schon immer eine starke Band – aktuell aber spielen sie auf ihrem bisherigen Höhepunkt. What’s Left Now?, ihr erstes Album seit Cold World (2024) und zugleich ihr zweites für
Epitaph Records, ist ihr bislang geschlossenstes Statement: kantig, dringlich, melancholisch, wütend – und verdammt eingängig. Man hört Anleihen an die wuchtigen Riffs von Drug Church, die
nervöse Energie von Viagra Boys und die engagierte Gesellschaftskritik von IDLES, doch Vortrag und Perspektive sind unverkennbar Death Lens.
Das Album ist das Ergebnis zweier turbulenter Jahre – persönlich wie bandintern. Im Jahr der Veröffentlichung von Cold World war die Band ganze neun Monate auf Tour, schärfte ihr Profil als
Live-Act und vervielfachte ihre Fanbasis. Gleichzeitig wurde das Gefüge der Band auf eine harte Probe gestellt: Die Dauerbelastung führte schließlich dazu, dass sich Death Lens von zwei
Mitgliedern trennten. Doch statt daran zu zerbrechen, ging die Band gestärkt daraus hervor. Mit Gitarrenvirtuose Ernie Gutierrez im Kern-Line-up neben Frontmann Bryan Torres, Gitarrist Jhon Reyes
und Drummer Tony Rangel sind Death Lens heute enger verbunden und musikalisch eingespielter denn je. *What’s Left Now?* ist der hörbare Beweis dieses Reifeprozesses.
„Jedes Mal, wenn wir denken, wir implodieren, wachsen wir am Ende weiter“, sagt Torres. „Wir funktionieren unter Druck – wir ziehen Energie aus Stress und Angst.“
Expansion ist für Death Lens nichts Neues. Torres gründete das Projekt 2012 zunächst als rein instrumentale Band, bevor es sich über die Jahre zu einem vielköpfigen Kollektiv entwickelte. Frühe
Songs erinnerten an den rohen Garage-Punk von Osees oder Wavves, waren aber schon immer im politisch-progressiven Ethos des Post-Punk verwurzelt. Seit den DIY-Anfängen hat sich der Sound parallel
zu den vielfältigen Einflüssen der Mitglieder weiterentwickelt. What’s Left Now? vereint Indie-Rock, Hardcore, klassischen Punk und zeitgenössischen Post-Punk – verschmolzen zu einem
eigenständigen, klar identifizierbaren Death-Lens-Sound. Produzent Zach Tuch (u. a. für Knocked Loose, Touché Amoré, Movements tätig) verstand es, diese Vision umzusetzen: roh und aufrührerisch
wie ihre Liveshows, aber mit genug Dynamik, um die gewachsenen Nuancen herauszuarbeiten.
„Mit Tuch zu arbeiten ist unkompliziert, aber er ist auch brutal ehrlich – und das hilft mir“, sagt Torres. „Ich schätze Ehrlichkeit. Wenn du ehrlich zu mir bist, bin ich ehrlich zu dir.“
What’s Left Now? ist ein ehrliches Album einer Band, die nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Aufgewachsen in einkommensschwachen Verhältnissen rund 30 Kilometer östlich von Los Angeles,
hatten die Mitglieder von Death Lens nie den Luxus eines leichten Aufstiegs im Musikgeschäft. Jede Chance musste erkämpft werden – und genau für Menschen aus ähnlichen Verhältnissen schreiben sie
bis heute ihre Songs. „Unsere Botschaft richtet sich an alle, die das Gefühl haben, keine Stimme zu haben“, erklärt Torres. „Wir hatten lange selbst keine. Es ist schwer, sich durchzusetzen –
egal ob aus Los Angeles oder nicht – besonders, wenn man nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht.“
Reyes ergänzt: „Alles, was wir singen, ist authentisch. Wir versuchen so progressiv wie möglich zu sein, weil wir unsere Plattform nutzen wollen, um für diejenigen zu sprechen, die keine Stimme
haben.“
Das Album kommt ohne Umwege zur Sache. Der Opener „Monolith“ beginnt mit Gutierrez an der Akustikgitarre und Torres’ Gesang auf Spanisch – eine Reminiszenz an die traditionelle
lateinamerikanische Musik ihrer Kindheit. Kurz darauf explodiert der Song in ein Gewitter aus treibenden Gitarren und hymnischem Geschrei: klassischer Death Lens. Inhaltlich geht es um ihre
eigene Lebensrealität. „Der Kampf, in Armut geboren zu werden – und alles, was dazugehört“, sagt Torres. „Man hat keine Wahl.“
Das zentrale Motiv des Albums – bereits im Titel angelegt – kreist um die Frage: Was bleibt? Nach Verlust, Chaos und Entbehrung geht es darum, Bilanz zu ziehen – ohne Beschönigung. „Nach all den
Kämpfen, nach all dem Verlust: Was bleibt übrig?“, fragt Torres. „Schaffen wir es? Ich glaube, das fragt sich jede Musikerin und jeder Musiker.“
Torres verarbeitet diese Unsicherheiten, indem er ein Leben voller Hürden nachzeichnet – eigene wie kollektive. Es geht um erste Trennungen („Am I A Drug To You?“), um das schmerzhafte Ringen mit
der eigenen Identität („Out of My Skin“), aber auch um existenziellere Themen. „Waiting to Know“, ein druckvolles Duett mit Ian Shelton von Militarie Gun, setzt sich mit der Angst vor Zeit, Tod
und anderen überwältigenden Realitäten auseinander. „Ian hat nicht nur eine kraftvolle Stimme, sondern auch ein außergewöhnliches Gespür für Texte“, sagt Torres.
Später richtet sich der Blick auf konkrete gesellschaftliche Missstände. „Saints in the Panic Room“ greift die Realität von ICE-Razzien in den USA auf – ein Thema, das die Familien und
Communities der Band direkt betrifft. „Ich spreche über Dinge, die direkt vor unserer Haustür passieren“, erklärt Torres. „Über migrantische Familien ohne Papiere – das sind die Kämpfe, die wir
jeden Tag sehen.“ Den Abschluss bildet „Debt Collector“, ein wütender Punk-Track über die Zwänge eines Systems, in dem man permanent zahlen muss. „Es geht um die Versklavung der Gesellschaft –
immer zahlen, zahlen, zahlen“, sagt Torres. „Und es gibt kaum einen Ausweg.“
Als bodenständige Typen liefern Death Lens keine einfachen Antworten auf die Probleme der Welt. Das Cover von What’s Left Now? überzeichnet ihre Realität: Es zeigt die Band nach einem harten
Arbeitstag – erschöpft, ausgelaugt, mit wenig vorzuweisen. Ein Bild, das viele arbeitende Menschen nur zu gut kennen. Vielleicht haben Death Lens keine Lösungen, aber sie wissen, was ihnen
bleibt: Musik machen, sich ausdrücken, Gemeinschaft schaffen. Genau das macht all den Schweiß, den Stress und die Nebenjobs abseits des Tourlebens lohnenswert.
„Manchmal fühlt es sich falsch an, auf Tour Spaß zu haben, während andere Menschen gerade durch die Hölle gehen – abgeschoben werden und so weiter“, sagt Reyes. „Death Lens erinnert daran, dass
man trotzdem Momente der Freude haben kann – und gleichzeitig verbunden bleibt mit denen, die kämpfen.“
What’s Left Now? fängt diese Spannung mit bemerkenswerter Klarheit ein: als kathartische Punkrock-Flucht nach vorn – und als schonungslose Bestandsaufnahme zugleich. Denn für Death Lens existiert
das eine nicht ohne das andere.
