
PANIKRAUM
Selbst LP
Majorlabel.de
Ja, also, wenn sich Musiker von DIE STRAFE und EA80 zusammenfinden, liegt es in der Sache der Vorgabe, sich im "Tal der Tränen" wiederzufinden. Moll, Melancholie, (Post)Punk und gelegentliche
Noise-Ausbrüche. Bands wie KLOTZS, BOXHAMSTERS und obige Bands sind Blaupause für eigenständigen Punk, die den Umgang mit Dynamik minimalistischer, reduziert aufs Wesentliche prägen. Ein Text ist
immer ein innerer Monolog, kein Dialog, zur Interpretation freigegeben, für alle. Frei von Zwängen, und von Anfang bis Ende.
Und so sind die Texte eben auch eine tagebuchähnliche Anleitung für Dinge, die einen stören, die aber immer wiederkehren im Alltag. Dinge, denen du dich nicht entziehen kannst – die Einleitung
zum Amoklauf. Nico, Jasper, Markus und Alexander sind im PANIKRAUM und spielen keinen Schlachtrufen-Punk mit einer eindeutigen Botschaft, die skandiert werden kann, sondern Mönchengladbacher
Schule, wo Kummer und Schmerz beweint werden, in der die Frage nach dem „Wie soll es weitergehen“ in Hoffnungslosigkeit und Moll getränkt werden, am Ende aber alles wie ein letzter Rest Würde
zwischen den Zeilen stehen bleibt. PANIKRAUM schaffen es, diese bleierne Schwere nicht bloß nachzustellen, sondern ihr eine eigene Kontur zu geben. Die Gitarren schaben und kreisen, das
Schlagzeug hält stoisch dagegen, während der Bass alles tief in den Boden zieht. Darüber liegt eine Stimme, die nicht performt, sondern erzählt – resigniert, angespannt, kurz vorm
Zusammenbruch.
„Selbst“ ist keine Platte für den schnellen Konsum und schon gar kein Soundtrack für Wochenend-Rebellion. Das hier funktioniert nachts besser als tagsüber, alleine besser als in Gesellschaft. Die
Songs wirken wie Momentaufnahmen eines Zustands, in dem Selbstzweifel, Wut und Isolation ineinanderlaufen. Trotzdem kippt das Album nie in bedeutungsschwangere Selbstinszenierung. Dafür sind
PANIKRAUM zu reduziert, zu ehrlich und auch zu sehr in dieser eigenwilligen deutschen Punk-Tradition verwurzelt, in der Pathos sofort wieder eingerissen wird.
Gerade diese Mischung aus kontrolliertem Lärm, stoischer Melancholie und unterschwelliger Aggression macht „Selbst“ stark. Die Platte verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich
auf ihre Dunkelheit einzulassen. Wer mit EA80, DIE STRAFE, KLOTZS oder den BOXHAMSTERS sozialisiert wurde, wird hier vieles wiederfinden – aber eben nicht als bloße Referenzübung, sondern als
konsequente Fortschreibung eines Sounds, der nie massentauglich sein wollte. Musik für die letzten Leute im Raum, wenn längst niemand mehr tanzt und trotzdem keiner geht.
