
LOTTA #101
64 DIN-A-4-Seiten; € 3,50.-
Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen
www.lotta-magazin.de
Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit Erinnerungspolitik. Zwanzig Jahre nach den rassistischen NSU-Morden an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat steht die Erinnerung an die Opfer
des NSU weiterhin im Mittelpunkt gesellschaftlicher Verantwortung.
Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt ermordet. Nur zwei Tage später erschossen die Täter des NSU Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel.
Erinnern bedeutet mehr, als an die Verbrechen zurückzudenken. Es bedeutet, die Geschichten der Opfer lebendig zu halten, die Perspektiven der Angehörigen sichtbar zu machen und die Forderung nach
vollständiger Aufklärung wachzuhalten. Bis heute weisen die Hinterbliebenen darauf hin, dass viele Fragen unbeantwortet geblieben sind. So betonte Gamze Kubaşık anlässlich des 20. Todestages
ihres Vaters, dass der NSU-Komplex noch immer nicht vollständig aufgeklärt sei.
Die Auseinandersetzung mit den Morden umfasst daher sowohl das Gedenken als auch den Einsatz für Wahrheit, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Konsequenzen. Elif und Gamze Kubaşık berichten von
ihrem langjährigen Kampf gegen das Vergessen und für die Anerkennung des erlittenen Unrechts. Beiträge über das Leben von Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat sowie über die verschiedenen Formen des
Gedenkens zeigen, wie Erinnerung heute gestaltet und weitergetragen wird.
Bereits wenige Wochen nach den Morden gingen Angehörige und Unterstützerinnen und Unterstützer in Dortmund und Kassel auf die Straße. Unter dem Motto „Kein 10. Opfer“ forderten sie Aufklärung und
machten deutlich, dass weiteres Schweigen nicht hinnehmbar ist. Diese Schweigemärsche waren ein frühes Zeichen des Widerstands gegen Verdrängung und Ausgrenzung und wurden zu einem wichtigen
Bestandteil der Erinnerungskultur.
Die Erinnerung an Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und alle Opfer des NSU bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe. Nicht vergessen heißt, hinzusehen, zuzuhören und die Verantwortung zu übernehmen,
rassistische Gewalt sichtbar zu machen und ihr entschieden entgegenzutreten.
Gesamteindruck:
Die Auseinandersetzung mit den rassistischen Morden des NSU zeigt, wie wichtig Erinnerungspolitik für eine demokratische Gesellschaft ist. Erinnern bedeutet nicht nur, der Opfer zu gedenken,
sondern auch die Ursachen, Folgen und Versäumnisse rund um die Taten kritisch zu hinterfragen. Die Geschichten von Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und den weiteren NSU-Opfern machen deutlich, dass
hinter den Verbrechen Menschen mit Familien, Träumen und Lebensgeschichten standen.
Erinnerungspolitik trägt dazu bei, das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen sichtbar zu machen und rassistische Gewalt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gleichzeitig erinnert sie
daran, dass die Hinterbliebenen nach den Morden oft mit Vorurteilen, Misstrauen und mangelnder Aufklärung konfrontiert wurden. Die Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit besteht daher bis
heute fort.
Das Erinnern an die NSU-Morde ist auch eine Warnung für die Gegenwart. Es macht deutlich, welche Folgen Rassismus, Ausgrenzung und rechtsextreme Ideologien haben können. Durch Gedenkorte,
Bildungsarbeit, Berichte von Angehörigen und öffentliche Diskussionen wird das Bewusstsein für diese Gefahren gestärkt und ein Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit gesetzt.
Insgesamt zeigt sich, dass Erinnerungspolitik weit mehr ist als der Blick in die Vergangenheit. Sie schafft Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft. Das Gedenken an die Opfer des NSU hält
ihre Namen und Geschichten lebendig, fordert Aufklärung ein und stärkt den Einsatz für eine offene, demokratische und vielfältige Gesellschaft. Denn nur durch Erinnern kann verhindert werden,
dass solche Taten vergessen oder ihre Ursachen verdrängt werden.
