
64 Funnycars
Happy Go Lucky
604 Records
Happy Go Lucky war 1988 das Debütalbum der kanadischen College-Rock-Band 64 Funnycars. Das Album war längst vergriffen und wird nun wiederveröffentlicht. Fast vierzig Jahre nach seiner
Erstveröffentlichung hat das Album nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil: Seine unbekümmerte Energie, sein Charme und seine spontane Lebendigkeit wirken heute bemerkenswert
zeitlos.
Gegründet wurden 64 Funnycars 1987 im Umfeld des Campusradios der University of Victoria. Verbunden durch ihre Leidenschaft für Bands wie Young Fresh Fellows, Hoodoo Gurus, Buzzcocks oder The
Replacements entwickelten die Musiker einen Sound, in dem eingängige Melodien und unverwechselbare Persönlichkeit ebenso wichtig waren wie Lautstärke und Tempo. Während Victorias Musikszene
damals vor allem für ihre raueren und härteren Töne bekannt war, besetzten 64 Funnycars eine eigene Nische. Mit einer Mischung aus Power Pop, melodischem Punk und jangligem College Rock schufen
sie einen Stil, der gleichermaßen folkloristisch, verspielt und angenehm unprätentiös wirkte.
Die Songs drängen nach vorne, Refrains setzen früh ein, Gitarren funkeln und die Arrangements besitzen jene charmante Unberechenbarkeit, die jederzeit aus dem Ruder zu laufen scheint, ohne jemals
wirklich die Kontrolle zu verlieren. Gerade dieses Gefühl permanenter Bewegung wurde schnell zum Markenzeichen der Band.
Die Band bezeichnete sich später selbstironisch als „Schachclub auf Tour“ – eine treffende Beschreibung für ihren Humor, ihre Bodenständigkeit und ihre völlige Freiheit von
Rockstar-Attitüden.
Dieser Geist prägt auch die Entstehung von Happy Go Lucky. Das Album wurde an einem einzigen Wochenende in den Egg Studios in Seattle aufgenommen, produziert von Conrad Uno, dessen Arbeit mit The
Posies, Sonic Youth, Mudhoney oder The Presidents of the United States den Sound der amerikanischen Indie- und Underground-Szene jener Zeit maßgeblich mitprägte. Die Aufnahmen folgten einem
bewusst reduzierten Ansatz: Harmoniegesänge wurden gemeinsam um ein einziges Mikrofon eingesungen, viele Songs nahezu live eingespielt. Übernachtet wurde im Tourbus, gewaschen im Green Lake
zwischen den Sessions. Anstatt die Ecken und Kanten zu glätten, konservierte die Produktion genau jene rohe Authentizität, die den besonderen Reiz des Albums ausmacht.
Auch heute entfalten Stücke wie „The Barbeque Party“, „Flat World“ oder „Dull Daddy-O“ ihre Wirkung mit unverminderter Frische. Klingelnde Gitarren, treibende Rhythmen und ein bemerkenswert
instinktives Gespür für Melodien verleihen dem Album seine ansteckende Dynamik. Hinzu kommen die drei wechselnden Sänger, die den Songs immer wieder neue Facetten verleihen – mal schräg und
augenzwinkernd, mal überraschend verletzlich und aufrichtig. Zwar schwingt beim Hören unweigerlich eine gewisse Nostalgie mit, doch Happy Go Lucky wirkt nie wie ein in seiner Zeit gefangenes
Dokument. Dafür sind die Songs zu lebendig, die Melodien zu stark und die Freude am Musizieren zu spürbar.
Bereits bei seiner ursprünglichen Veröffentlichung hinterließ das Album deutliche Spuren. Die Band tourte durch Westkanada, erhielt regelmäßige Einsätze im Programm von CBC Radio, erreichte Platz
fünf der nationalen Campus-Charts und wurde 1989 zur besten Band Victorias gewählt. Die Neuauflage über 604 Decades erinnert heute an eine Zeit, in der unabhängige Musikszenen noch in Clubs,
Plattenläden, Campus-Radios und auf endlosen Fahrten im Van entstanden – getragen von Leidenschaft statt Algorithmen.
So ist Happy Go Lucky weit mehr als eine nostalgische Wiederveröffentlichung. Das Album dokumentiert eine Band, die nie versuchte, größer, cooler oder wichtiger zu wirken, als sie tatsächlich
war. Vielleicht liegt genau darin seine bleibende Faszination. Denn manchmal entstehen die besten Platten nicht aus Perfektion oder strategischer Planung, sondern aus Begeisterung, Spielfreude
und der Bereitschaft, kompromisslos man selbst zu sein.
