
THE DWARVES
Jenkem LP
MVD Visual
Mit JENKEM liefern die Punk-Veteranen The Dwarves kein nostalgisches Alterswerk ab, sondern eine Platte, die erstaunlich lebendig, bissig und selbstbewusst wirkt. Statt die eigene Vergangenheit
zu kopieren, setzt die Band auf rohe Energie, Humor, eingängige Melodien und den Willen, weiterhin Grenzen auszutesten. Das Album klingt wie das Ergebnis einer eingeschworenen Clique, die seit
Jahrzehnten gemeinsam Musik macht und dabei den Spaß nie verloren hat. Zwischen halsbrecherischem Punkrock, provokanten Texten und überraschend starken Hooks bleibt JENKEM unberechenbar – und
genau darin liegt seine Stärke.
Sänger Blag Dahlia erklärt, warum die Band sich selbst als „die letzte Punkband“ bezeichnet: Viele Bands würden mit zunehmendem Alter vergessen, warum sie überhaupt angefangen haben, Musik zu
machen. Für die Dwarves sei die Antwort simpel: Es soll Spaß machen. Die Songs entstehen weiterhin gemeinsam im Proberaum statt am Computer, und genau diese unmittelbare Energie sei auf dem Album
hörbar. Für Dahlia bestand der größte kreative Reiz vor allem darin, mit seinen Freunden Zeit zu verbringen, sich gegenseitig aufzuziehen und dabei Musik zu machen.
Ein Markenzeichen der Band bleibt die Verbindung aus schwarzem Humor und handwerklich starken Songs. Obwohl die Texte oft bewusst geschmacklos oder provokant wirken, steckt dahinter ein klares
musikalisches Konzept. Dahlia kritisiert viele Punk-, Thrash- und Metalbands dafür, sich hinter Lautstärke und Aggression zu verstecken, während die Dwarves Wert auf echte Melodien legen – Songs,
die man auch auf einer Akustikgitarre spielen oder auf der Straße pfeifen könnte. Gleichzeitig verteidigt er die oft kontroversen Inhalte der Band: Themen wie Sex, Tod, Gewalt oder Obszönitäten
seien keine kalkulierte Provokation, sondern Ausdruck jener ungefilterten Gedanken, die jeder Mensch kenne, über die viele Künstler aber nicht sprechen wollten.
Auf die Frage nach dem langjährigen Erfolg der Band antwortet Dahlia mit einer typisch zynischen Mischung aus Selbstironie und Stolz. Gerade weil die Musikindustrie die Dwarves über weite
Strecken ignoriert habe, seien sie unabhängig geblieben. Während andere Künstler Trends hinterherliefen, habe die Band sämtliche Phasen der alternativen Musik – von Punk über Grunge bis Nu Metal
– überlebt, indem sie einfach machte, worauf sie Lust hatte. Kritik von Journalisten, Musikmanagern oder Szene-Meinungen habe sie nie sonderlich interessiert.
Der Song „We Are The Scene“ fasst diese Haltung exemplarisch zusammen. Nach Jahrzehnten im Underground verstehen sich die Dwarves weniger als Teil einer Szene, sondern als ihre eigene
Institution. Die Botschaft des Stücks lautet sinngemäß: Wir brauchen weder Zustimmung noch Erlaubnis von außen – wir entscheiden selbst, was Punk bedeutet. Gleichzeitig zeigt sich Dahlia
begeistert darüber, dass junge Bands weiterhin auf die Dwarves aufmerksam werden und sich von ihrer kompromisslosen Haltung inspirieren lassen.
Interessant ist auch seine Einschätzung des Einflusses der Band. Zwar würden die Dwarves selten als direkte Inspirationsquelle genannt, doch viele jüngere Musiker hätten vor allem ihre radikale
Unabhängigkeit bewundert. Die Erkenntnis, dass man Musik machen könne, ohne ständig auf Labels, Manager oder Marketingstrategien Rücksicht zu nehmen, sei für viele Bands befreiend gewesen.
Zum Abschluss spricht Dahlia über die Single „Damned If I Do“, die bewusst aus dem Rahmen fällt.
Nachdem JENKEM größtenteils als direkter „Faustschlag in die Kehle“ angelegt wurde, schrieb er aus einer Laune heraus einen eingängigen Midtempo-Song im Stil der 1980er Jahre – ausgerechnet die Art Musik, gegen die die Dwarves ursprünglich angetreten waren. Ironischerweise entwickelte sich daraus einer der eingängigsten Songs des Albums. Für Dahlia ist genau dieser Widerspruch echter Punkrock: Erwartungen ignorieren, sich selbst widersprechen und dabei jede Menge Spaß haben.
Fazit:
JENKEM ist kein Versuch, vergangene Erfolge wiederzubeleben. Stattdessen präsentieren sich die Dwarves als alterslose Provokateure, die immer noch Spaß daran haben, Regeln zu brechen, Erwartungen zu unterlaufen und dabei erstaunlich starke Songs zu schreiben. Das Album mit einer relativ kurzen Spielzeit von 18 Minuten!!!) verbindet die rohe Direktheit früher Punkplatten mit dem Selbstbewusstsein einer Band, die längst niemandem mehr etwas beweisen muss. Wer melodischen, chaotischen und respektlos unterhaltsamen Punkrock schätzt, findet hier eine der überzeugendsten Dwarves-Veröffentlichungen der letzten Jahre.
