Willkommen im Zeitalter des Turbokapitalismus. Einem Wirtschaftssystem, das uns jeden Tag erklärt, wir hätten die freie Wahl – zwischen 37 Sorten Haferdrink, 14 Streaming-Abos und dem neuesten Smartphone, das sich vom Vorgängermodell hauptsächlich durch eine etwas andere Kamerainsel unterscheidet.
„Zu viel ist nicht genug“ scheint das Motto unserer Zeit zu sein. Unternehmen müssen immer weiter wachsen, Gewinne müssen jedes Quartal neue Rekorde brechen, und wer schon eine Milliarde besitzt,
braucht offenbar dringend noch eine zweite. Man möchte schließlich nicht wie ein Geringverdiener wirken.
Die Folgen lassen sich überall beobachten. Während manche Manager Boni kassieren, die größer sind als die Jahresbudgets kleiner Gemeinden, überlegen andere Menschen, ob sie die Heizung
einschalten oder lieber essen sollen. Das nennt man dann „Markteffizienz“. Früher hätte man es vielleicht schlicht Schieflage genannt.
Natürlich wird uns erzählt, Wohlstand würde irgendwann nach unten durchsickern. Das Problem ist nur: Er scheint unterwegs ständig irgendwo hängen zu bleiben. Vielleicht in Steueroasen. Vielleicht
in Aktienrückkäufen. Vielleicht in der dritten Yacht.
Gleichzeitig frisst die Inflation das Geld derjenigen auf, die ohnehin wenig haben. Wer reich ist, besitzt Immobilien, Aktien oder Unternehmen. Wer arm ist, besitzt meist nur sein Einkommen. Und
genau dieses Einkommen verliert an Kaufkraft, wenn die Preise steigen. Die Butter kostet mehr, die Miete kostet mehr, der Strom kostet mehr. Nur das Gehalt hat von der Party offenbar nichts
mitbekommen.
Armut ist dabei kein individuelles Problem einzelner Menschen, sondern ein gesellschaftliches. Wo viele Menschen dauerhaft abgehängt werden, wächst Frust. Vertrauen in Politik und Institutionen
sinkt. Populisten haben leichtes Spiel. Wer ständig um die nächste Rechnung kämpft, interessiert sich irgendwann weniger für demokratische Feinheiten als für einfache Antworten.
Und was hat das mit dir zu tun?
Mehr als dir lieb sein dürfte.
Denn auch wenn du nicht arm bist, spürst du die Folgen. Höhere Preise, Wohnungsmangel, überlastete Schulen, gesellschaftliche Spannungen und politische Radikalisierung fallen nicht vom Himmel.
Sie entstehen in Gesellschaften, in denen der Abstand zwischen oben und unten immer größer wird.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Nicht jedes Problem lässt sich durch noch mehr Konsum lösen. Vielleicht brauchen wir nicht jedes Jahr neue Kleidung, obwohl der Schrank bereits überquillt.
Vielleicht muss nicht jede Online-Bestellung innerhalb von drei Stunden geliefert werden. Vielleicht ist „Verzicht“ nicht automatisch ein Schimpfwort, sondern manchmal einfach gesunder
Menschenverstand.
Natürlich wird niemand begeistert auf die Idee reagieren, weniger zu kaufen oder Vermögen gerechter zu verteilen. Schließlich haben wir gelernt, dass Glück in Kartons geliefert wird und Wachstum
so etwas wie ein Naturgesetz sei. Dabei wächst in der Natur bekanntlich auch nicht alles unendlich. Was das trotzdem versucht, nennt man meistens Krebs.
Eine gerechtere Verteilung von Wohlstand würde nicht alle Probleme lösen. Aber sie könnte verhindern, dass eine Gesellschaft in Gewinner und Verlierer zerfällt. Sie könnte dafür sorgen, dass
Menschen wieder Perspektiven haben statt Existenzängste. Und sie könnte die absurde Vorstellung infrage stellen, dass der Wert eines Menschen davon abhängt, wie viel er besitzt.
Bis dahin bleibt uns die tägliche Predigt des Turbokapitalismus: Kaufen, konsumieren, wachsen. Und wenn das nicht glücklich macht, einfach noch mehr davon.
Denn zu viel ist schließlich nicht genug. Oder?
