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Wie Punk lernt, niemanden mehr zu stören.

Ich habe kürzlich die Kölner Punkband mit dem voll crazy Wortverdreher-Namen „Pogendroblem“ kennengelernt und festgestellt, dass sie sich einreihen können mit Bands wie z. B. „Pisse“, „Team Scheisse“ usw. Alles in der Richtung hundertmal gehört. Wobei ich gleich intervenieren muss, dass „Pisse“ natürlich deutlich besser und radikaler sind als „Team Scheisse“, aber das nur nebenbei.

Nun, was eint diese Bands? Tatsächlich ganz lustige, rotzige und recht schnörkellos nach vorne gehende Debütplatten! In diesem Fall hier ist es die Scheibe „Erziehung zur Müdigkeit“, erschienen 2018.




Was ich mich dann jedes Mal irritiert frage: Warum entwickelt sich das in den Diskografien dieser Bands immer weiter Richtung Langeweile, Vorhersehbarkeit oder eben Richtung „Feine Sahne Fischfilet“, „Turbobier“, „Die Ärzte“, „Kraftklub“ – dessen Debüt womöglich noch am ehesten zu ertragen war; selbiges gilt auch für DÄ. Die Rotzigkeit des Debüts, also die sogenannten frühen Jahre ab 1982, wurde nie wieder erreicht. Selbst in Sachen Metrik sangen sie nie wieder so punktgenau – wobei ich ohnehin behaupten würde, dass das perfekte Timing, neben den meist pubertären Texten, schon immer ein Schwachpunkt der „Arzthelfer“ war.
Eigentlich schade.

Gefühlt ist das fast schon ein Naturgesetz. Das Debüt ist die Platte, auf der sich alles entlädt, was sich über Monate oder Jahre angesammelt hat. Da wird nicht kalkuliert, sondern ungeschliffen einfach rausgeballert.

Klar, auch diese Alben sind oft albern – aber eben auf die bestmögliche Art. Wild, frech, unberechenbar und mit einer Selbstverständlichkeit, die nie peinlich wirkt. Man merkt, dass die Band sich selbst am meisten amüsiert und gar nicht erst versucht, besonders cool oder besonders relevant zu sein. Genau diese Unbekümmertheit verleiht den Songs ihren Charme – sie wirken nicht konstruiert, sondern einfach wie das Ergebnis von Leuten, die genau das machen, worauf sie gerade Bock haben bzw. hatten.

Später kippt das bei erstaunlich vielen Bands. Plötzlich wird aus der sympathischen Albernheit etwas Aufgesetztes. Die Songs funktionieren nach immer denselben Mustern, die Pointen sieht man schon auf halber Strecke kommen und aus Rotzigkeit wird eine Pose.
Alles ist sauberer produziert, „professioneller“ und gleichzeitig ermüdend vorhersehbar. Man hört nicht mehr einer Gruppe zu, die einfach Bock hat, sondern einer Band, die inzwischen weiß, was von ihr erwartet wird – und genau das mehr oder weniger zuverlässig abliefert.

Gerade bei „Pogendroblem“ finde ich diesen Bruch besonders krass. Die „Erziehung zur Müdigkeit“ macht schon Spaß, weil die Platte schön ungestüm nach vorne marschiert.
Das spätere Material empfinde ich dagegen als Konfektionsware ohne Leben, vorhersehbar und erschreckend austauschbar. Nicht mehr dieses charmant-chaotische Etwas, das einen grinsen lässt, sondern Songs, bei denen jede Pointe mit Ansage kommt oder schon aus der Entfernung zu erkennen ist und man das Gefühl hat, sie schon mehrfach gehört zu haben. Alles wirkt routiniert, aber gerade deshalb auch erstaunlich leblos.

Vielleicht gehört das einfach zum Älterwerden vieler Punkbands. Aus einer Band wird eine Institution, aus einer Momentaufnahme ein Produkt und aus einer rotzigen Debütplatte ein Stil, den man verwalten muss. Für manche ist das Reife. Für mich geht dabei oft genau das verloren, weshalb ich diese Bands bzw. ihre Platten überhaupt mochte oder interessant fand.

„Pogendroblem“ stehen damit allerdings keineswegs allein da – im Gegenteil. Sie sind lediglich das jüngste Beispiel für ein Muster, das ich inzwischen bei erstaunlich vielen Bands beobachtet habe. Das macht ihre späteren Platten für mich nicht besser, aber den eigentlichen Vorwurf würde ich eher an dieses seltsame Naturgesetz richten: Warum schaffen es so viele Bands, auf ihrem Debüt genau die Energie einzufangen, die sie später scheinbar nie wieder erreichen?

Vielen wird jetzt sicher das Hansa Export aus der Hand fallen und sie werden jetzt sicher aufschreien und mich eines Besseren belehren wollen und mir womöglich gleich etliche Beispiele oder Bierdosen um die Ohren hauen, bei denen das angeblich überhaupt nicht so oder sogar genau andersherum ist. Nur zu – ich bin durchaus kritikfähig und lasse mich gerne überzeugen. Denn am Ende wünsche ich mir eigentlich nur eins: mal wieder eine Band zu entdecken, die nach einem überragenden Debüt nicht den Autopiloten einschaltet, sondern mich auch mit Album zwei, drei oder vier noch genauso überrascht. Also immer her mit euren Gegenbeispielen – ich habe Bock auf wirklich richtig gutes Zeug.

Artikel: Jörn Birkholz 

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