
BOI TOI
That's Boss EP
Red Tape Music
Es gibt Bands, die Chaos spielen. Und es gibt Bands, die im Chaos leben. BOI TOI gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Schon das Debüt war ein herrlich kaputter Mix aus Hardcore, Punk und
schlechtem Lebensmanagement, doch „That’s Boss“ legt noch einmal ordentlich nach: lauter, wütender, hektischer – und gleichzeitig erstaunlich reflektiert.
Die EP eröffnet mit einem Gitarrenriff, das klingt, als würde gleich eine Kneipenschlägerei eskalieren, bevor die Band mit voller Wucht in den Hardcore-Modus schaltet. Von dort an gibt es kaum
Verschnaufpausen. BOI TOI jagen durch ihre Songs mit einer Energie, die jederzeit auseinanderzufallen droht – und genau deshalb funktioniert.
Besonders stark ist die ständige Reibung zwischen Selbstzerstörung und Selbstbewusstsein. In „Pisshead Paradise“ wird zunächst gefeiert, gesoffen und gegrölt, doch unter der Oberfläche schimmert
permanent die Erkenntnis durch, dass der Spaß längst seinen Preis hat. Diese Mischung aus Katerhumor und existenzieller Müdigkeit zieht sich durch die gesamte EP.
Musikalisch wird es dabei erfreulich unberechenbar. Plötzlich tauchen chaotische Synthesizer auf, die fast nach Nintendocore klingen, dann wieder reduziert sich alles auf stumpf nach vorne
prügelnden Punk. Statt geschniegelt zu wirken, fühlt sich die EP an wie ein völlig überdrehter Abend, an dem ständig jemand die Playlist wechselt.
Inhaltlich kreisen die Stücke um psychische Gesundheit, Eskapismus, Selbstzerstörung und die absurde Komik des Scheiterns. Der wiederkehrende Wunsch, „einfach nach Deutschland abzuhauen“,
funktioniert dabei gleichzeitig als Running Gag und als ernst gemeinter Fluchtimpuls: „Auf Wiedersehen I’ve fucked off to Germany“.
Der Höhepunkt ist für mich „Private Browsing“. Der Song zerlegt toxische Männlichkeit, Nationalismus und Internet-Hirnvergiftung mit einer Satire, die gleichzeitig grotesk und unangenehm treffend
ist. BOI TOI beweisen hier, dass sie mehr können als Krach machen – sie beobachten ziemlich genau, wie kaputt die Welt gerade wirkt.
Auch der Abschlusstrack „VPN’ Name Of“ sitzt. Mit nordenglischem Akzent, Hardcore-Breitseite und einer ordentlichen Portion Parodie wird gegen hohle politische Phrasen und die chronische Ignoranz
gegenüber psychischer Gesundheit geschossen.
Das Beste an „That’s Boss“ ist jedoch, dass die Platte niemals geschniegelt wirkt. Nichts hier klingt nach Hochglanzproduktion oder kalkulierter „Alternative“-Vermarktung. Stattdessen bekommt man
eine Band, die kreativ ist und dabei so wild und ungestüm mit Entertainment-Qualitäten und Gorefest-Atmosphäre.
