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PEINE PERDUE #2

PEINE PERDUE #2
PEINE PERDUE #2

PEINE PERDUE #2
68 DIN-A-5-Seiten; €3.-
https://www.instagram.com/peineperdue.fanzine/
Mit der zweiten Ausgabe von PEINE PERDUE liegt ein kleines, aber inhaltlich ambitioniertes französisches Fanzine vor, das sich zwischen Punk, Politik, Subkultur, Literatur und gesellschaftlichen Debatten bewegt. Auf 68 Seiten versammelt die Redaktion Interviews und Essays, die deutlich machen, dass Punk hier nicht nur als Musikstil verstanden wird, sondern als kultureller und politischer Raum für Auseinandersetzung, Kritik und Selbstreflexion.

Den Auftakt bildet ein kurzes Interview mit RASH Bogotá, das Einblicke in die Geschichte und Gegenwart der roten und anarchistischen Skinhead-Bewegung in Kolumbien gibt. Dabei geht es nicht nur um die Bedeutung von antifaschistischer Skinhead-Kultur, sondern auch um die Frage, wie sich politische Bewegungen in einem komplexen globalen Umfeld positionieren. Ein zentraler Punkt ist die Kritik am sogenannten Campismus – also einem politischen Lagerdenken, bei dem internationale Konflikte ausschließlich durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Machtblöcken bewertet werden. Die Gefahr dabei: Emanzipatorische Kämpfe gegen Unterdrückung, Krieg, Rassismus oder Ausbeutung verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn Menschenrechtsverletzungen relativiert werden, nur weil sie vom „richtigen“ geopolitischen Lager ausgehen. An die Stelle internationaler Solidarität tritt dann ein Denken in Freund- und Feindbildern, das autoritäre Politik entschuldigen und linke Bewegungen spalten kann.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Beitrag „BDSM und Punk“, der sich mit den Verbindungen zwischen Körper, Lust, Macht und Subversion beschäftigt. Der Artikel liefert zahlreiche Beispiele aus der Musikgeschichte – von Velvet Underground über Ian Dury, UK Subs und The Exploited bis hin zu Bezügen aus dem deutschsprachigen Punk wie Die Ärzte („Sweet, Sweet Gwendoline“) – bleibt dabei jedoch etwas an der Oberfläche.
Gerade dieses Thema hätte mehr Raum für eine politische und gesellschaftliche Debatte verdient. Interessant wäre beispielsweise eine vertiefte Auseinandersetzung damit, wie BDSM in feministischen, queeren und anarchistischen Punk-Zusammenhängen teilweise als Möglichkeit verstanden wurde, traditionelle Vorstellungen von Sexualität, Geschlechterrollen und Autorität kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig eröffnet das Thema wichtige Diskussionen über Konsens, Grenzen, Machtmissbrauch und die Frage, wann subversive Ästhetiken Gefahr laufen, bestehende Herrschaftsverhältnisse lediglich zu reproduzieren.
In diesem Zusammenhang gibt es aber auch auch eine intensivere Betrachtung von Themen wie Erich Mühsam oder Maurice Schuhmanns Auseinandersetzung mit Anthony Burgess’ „A Clockwork Orange“. Gerade die Rezeption des Films zeigt, wie problematisch unkritisches Abfeiern eines Kultfilms sein können. Maurice resümiert, dass es nach über fünfzig Jahren  an der Zeit wäre, dass die Punk-Community ihre Vorstellung dieses Werkes kritisch überprüft: ein zweifellos bedeutender Film – allerdings aus Gründen, die weit über die oft missverstandene Aneignung durch Teile der Alternativkultur hinausgehen.
Besonders interessant ist das Interview mit dem französischen Comiczeichner Stéphane Oiry über die Graphic Novel „Les héros du peuple sont immortels“, die sich mit dem Leben von Gilles Bertin, dem Sänger der legendären französischen Punkband Camera Silens, beschäftigt. Hier zeigt sich eine weitere Stärke des Heftes: Punk wird nicht nur über Musikgeschichte erzählt, sondern als Teil einer größeren kulturellen Erzählung verstanden.
Daneben bietet PEINE PERDUE #2 ein Interview mit Judith Wiart, Autorin des Romans „Un havre de paix“, sowie ein Gespräch mit Saccage, der antifaschistischen Oi!-Band aus Paris. Beide Beiträge erweitern den Blick auf aktuelle Ausdrucksformen einer Szene, die zwischen Kunst, Politik und Alltag immer wieder neue Fragen stellt.

Gesamteindruck:

PEINE PERDUE #2 ist ein sympathisches und engagiertes Fanzine, das vor allem durch seine Themenauswahl überzeugt. Die Redaktion beweist Mut, auch komplexe politische und gesellschaftliche Fragen aufzugreifen, und zeigt damit ein Verständnis von Punk als kritischer Kulturform. Nicht jeder Beitrag geht dabei ausreichend in die Tiefe – gerade beim Thema BDSM und Punk wäre mehr Analyse und Diskurs wünschenswert gewesen. Dennoch bleibt ein lesenswertes Heft, das neugierig macht, Diskussionen anstößt und daran erinnert, dass Punk immer dann spannend wird, wenn er über reine Nostalgie hinausgeht und gesellschaftliche Widersprüche sichtbar macht.

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