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Tierbefreiung goes Blockupy

Bereits bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt 2012 beteiligten sich AktivistInnen aus der Tierbefreiungsbewegung gegen das kapitalistische System. Die TierbefreierInnen verdeutlichten mit einem Flyer(1)die Kritik am Kapitalismus und der aktuellen Krisenpolitik mit der Forderung nach der Befreiung der Tiere.

Um die Zusammenhänge zwischen kapitalismuskritischen Aktionen und Tierbefreiung zu erklären, muss sich mensch das Mensch-Tier-Verhältnis vergegenwärtigen. Damit eine befriedete, solidarische Gesellschaft entstehen kann, in der sich Menschen und Tiere frei entwickeln und leben können, müssen ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse überwunden werden und ist die Grundlage partizipativ-demokratischer Aushandlungsprozesse.
Erst wenn wir in partizipativ und demokratisch organisierten Entscheidungsprozessen mitbestimmen können, zum Beispiel, wie unsere Lebensmittel produziert und verteilt werden, können die Bedürfnisse von Tieren eine Berücksichtigung finden. Bislang gelten Tiere im kapitalistischen Produktionsprozess nicht als Individuen, sondern als austauschbare Ressource, Produktionsmittel oder Ware. Das ist die ökonomische Basis der Ausbeutung von Tieren. Gestützt wird das Ganze dann von einer speziesistischen Ideologie, die dieses Verhältnis als unveränderlich und natürlich erscheinen lässt und legitimiert, dass Profit auf Kosten der Tiere gemacht wird.
Tiere werden in unserer Gesellschaft fast ausschließlich danach betrachtet, welchen Nutzen sie für Menschen haben (Aspekt: Nutztierhaltung). Tiere sind in diesem Denkmuster auf Verwertung und die Maximierung von Profit ausgerichtet, was zur Folge hat, dass die Bedürfnisse und Interessen von Tieren hinter ihren Wert zurücktreten. Die Maßnahmen durch politische Akteure wie die Europäische Zentralbank, die Bundesregierung oder die EU fördern die kapitalistische Ausbeutung und damit auch das Elend von Mensch und Tier. Um diese Kritik nach Außen zu tragen, haben sich AktivistInnen aus der Tierbefreiunsgbewegung bei einem Treffen zu einem Bündnis zusammengeschlossen. Das Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy“ möchte einerseits theoretische politische Konzepte zu Tierbefreiung erarbeiten und diese gleichzeitig in eine politische Praxis umsetzen, „um ein Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen der neo-liberalen Krisenpolitik zu setzen und um die entstehenden Räume für Diskussionen mit anderen politischen Bewegungen zu nutzen. Es geht darum, gemeinsam mit anderen Bewegungen dafür zu kämpfen, sich die Kontrolle über zentrale Lebensbereiche wieder anzueignen. Schlüsselindustrien wie die Finanzindustrie oder die Lebensmittelproduktion zu vergesellschaften, um diese Bereiche der kapitalistischen Verwertung zu entziehen. Kurzum, der herrschenden Politik eine solidarische Perspektive entgegenzusetzen.“
Die Aktionstage waren von einer massiven Repression und Einschüchterung betroffen. AktivistInnen der Bündnisgruppe hatten vor, sich an der Besetzung zentraler Plätze zu beteiligen und ein „Tierbefreiungsbarrio“ zu schaffen. Dieser Platz sollte dem Austausch und der Vernetzung untereinander und vor allem der Diskussion mit Aktiven aus anderen Bewegungen dienen. Alle Versammlungen auf den Plätzen wurden jedoch durch die Polizei teils gewaltsam beendet. Zudem wollten sie sich in den vielen geplanten Diskussionsveranstaltungen mit ihren Perspektiven einbringen. Auch hierzu kam es nicht, da sie ebenfalls von Verboten betroffen waren. Als Erfolg wurde bewertet, dass mehrere Tausend Flyer zum Thema Krise des Kapitalismus, Naturbeherrschung und Tierausbeutung an andere Demoteilnehmer_innen verteilt  wurden und mit Sprechchören und Transpis bei der Besetzung des Römerbergs, den Protesten vor der EZB während der Bankenblockade oder aber als kleiner, aber entschlossener Block bei der Großdemonstration präsent waren.
Wir wollten diese ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisse, Entfremdungs- und Unterdrückungsprozesse genauer erklärt haben und sprachen mit Mela und Knoti von dem Tierbefreiungsbündnis.

AktivistInnen von Mastanlagen Widerstand blockieren Schlachthofbetrieb
AktivistInnen von Mastanlagen Widerstand blockieren Schlachthofbetrieb

 

«Eine unserer Aufgaben wird darin bestehen, herauszuarbeiten und aufzuzeigen, dass es die kapitalistische Produktionsweise und damit die Klassenverhältnisse sind, die einen Großteil der Menschen und der Tiere unten halten und damit ihre gesellschaftliche Lage – bei allen vorhandenen Unterschieden – miteinander verbindet und sie zu Verbündeten macht»; Mela

Warum war es für euch als TierrechtlerInnen und Tierbefreiung-AktivistInnen wichtig, sich an Blockupy-Protesten zu beteiligen und ein eigenes Bündnis zu gründen?
Mela: Es wird darüber diskutiert, ob das, was heute unter dem Namen Blockupy agiert, einmal zu so etwas wie eine Bewegung der emanzipatorischen Kämpfe werden kann, zu denen auch die Tierbefreiungsbewegung gehört. Dieser bewegungsübergreifende und transnationale Zusammenschluss ist ein wichtiger Schritt für die linken Kämpfe. Gehversuche in dieser Richtung gab es zwar auch schon in der Vergangenheit, aber vielleicht sind sie angesichts der kapitalistischen Krisenpolitik nun ein bisschen entschlossener und ausdauernder. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden aber nur dann grundlegend in eine befreite Gesellschaft geändert werden können, wenn diese „Bewegung der Bewegungen“ das Potenzial hat, diese Veränderung gesellschaftstheoretisch zu begründen und in der Praxis durchzusetzen. Was heißt das? Sicherlich müssen die Fähigkeiten, das Wissen und die Aktionen zusammengebracht und verstärkt werden. Auch müssten vor dem Hintergrund der verschiedenen oder vergleichbaren Erfahrungen gemeinsam Strategien entworfen und Chancen, die bestehen oder sich hier und da ergeben, genutzt werden und auch Möglichkeiten geschaffen werden, handlungsfähig zu sein. Potenzial zu haben, eine radikale Veränderung herbeizuführen, setzt aber vor allem weiterhin voraus, dass sich die Aktivist*innen, die sich in diese Kämpfe einbringen, darüber bewusst werden, dass sie als Klasse kämpfen und die Verhältnisse von unten umbauen müssen. Diese Umbauarbeiten können dann nicht dabei stehen bleiben, nur symbolische und „ungehorsame“ Aktionen durchzuführen, zeitweilig Staat und Kapital mit Kritik zu konfrontieren und hier und da Krisenprofiteure zu markieren.
Die linken Bewegungen kämpften in den vergangenen Jahren weitestgehend ohne die materiellen Verhältnisse wirklich anzugehen und jede Bewegung oder gar Gruppe für sich. Nur bei sogenannten Großereignissen wie in Genf, Genua oder Heiligendamm kam man zusammen. Es reicht aber nicht, die Proteste beziehungsweise allgemein unsere politische Praxis auf solche Ereignisse zu beschränken. Blockupy eröffnet die Möglichkeit, dass die emanzipatorischen Kämpfe eine langfristige Zusammenarbeit aufbauen, sich austauschen und unterstützen. Aber auch, dass sie über ihre Unterschiede und über Widersprüche diskutieren und zusammen an der gesellschaftstheoretischen Analyse und an einer politischen Praxis arbeiten: Worin werden die Ursachen für das gesehen, was kritisiert wird? Was genau wird kritisiert? Was möchte man überwinden und wie kann man die Ziele erreichen? Was erschwert oder verhindert derzeit die Gesellschaftsveränderung? Viel ist in dem heterogenen Zusammenschluss von Blockupy noch offen und in Entwicklung – wie auch bei Tierbefreiung goes Blockupy selbst. Wir möchten an dieser Entwicklung mitarbeiten, und Teile von uns setzen sich dafür ein, dass Blockupy eine radikale, und das heißt hier antikapitalistische und klassenkämpferische Position vertritt. Schließlich sollen nicht nur die Verschlechterungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen und die Herabsenkung von Umwelt- und Tierschutzstandards kritisiert werden, sondern wirklich daran gearbeitet werden, diese ganz andere Gesellschaft, in der sich alle frei entwickeln und in der alle frei leben können, zu verwirklichen. Und dies bedeutet im Umkehrschluss: Eine Gesellschaft, in der niemand unterdrückt und ausgebeutet und für die Profit- und Machtinteressen anderer der Freiheit beraubt und getötet wird. Mit „Freiheit aller“ ist sodann selbstverständlich auch gemeint, dass die gesellschaftlich bedingte Unterdrückung der Tiere beendet werden muss. Dass auch diejenigen, die in der sozialen Hierarchie ganz unten stehen – die Tiere –, unsere kämpfende Solidarität benötigen und dies um so mehr, weil sie nicht die Möglichkeit haben, sich selbst zu befreien, fehlte bisher bei Blockupy. Das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis war einfach nicht Thema. Eine unserer Aufgaben wird darin bestehen, herauszuarbeiten und aufzuzeigen, dass es die kapitalistische Produktionsweise und damit die Klassenverhältnisse sind, die einen Großteil der Menschen und der Tiere unten halten und damit ihre gesellschaftliche Lage – bei allen vorhandenen Unterschieden – miteinander verbindet und sie zu Verbündeten macht.
Knoti: Die Blockupy-Proteste sind für mich einerseits die aktuellen Reaktionen auf die Krisenpolitik, die uns als die Masse der Menschen in Europa beraubt und in schlimmere Ausbeutungsverhältnisse zwingen will. Das trifft Menschen in Südeuropa natürlich stärker, aber auch hier sind wir betroffen. Als kämpferische Bewegung ist es immer wichtig, an den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten anzusetzen. Zweitens ist Blockupy zur Zeit so die „Bewegung der Bewegungen“, wie es einst die Gipfelproteste und globalisierungskritische Bewegung waren. Als Tierbefreiungsbewegung sind wir eine von vielen sozialen Bewegungen, die an den Protesten teilnimmt und so erste gemeinsame Schritte unternimmt, gemeinsam handelt, Absprachen trifft und sich in gemeinsamer Koordinierung übt. Ein Tierbefreiungsbündnis ermöglicht uns als linke Tierbefreier*innen, eine Organisierung unsererseits aufzubauen und dabei einerseits in den anderen Bewegungen eine Reflexion anzustoßen und andererseits zu versuchen, die „unpolitische“ Tierrechtsbewegung zu politisieren.

Geht es euch auch darum, mit eurer Bündnisarbeit Einfluss auf die Tierrechtsbewegung zu nehmen und radikale Positionen zu vermitteln?
Mela: Wie bei den anderen sozialen Kämpfen, die sich bei Blockupy einbringen, engagieren sich Menschen in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung erst einmal, weil sie erkannt haben, dass es falsch ist, andere auszubeuten und ihnen Gewalt anzutun. Falsch ist es, weil es Leid hervorbringt. Falsch ist die Ausbeutung, z.B. die von Tieren, zudem, weil Menschen angesichts der materiellen und geistigen Möglichkeiten, das heißt angesichts des Entwicklungsstandes der gesellschaftlichen Produktivkräfte und ihres Verstandes und damit Fähigkeit, die Bedingungen ihres Lebens zu gestalten, dieses anders reproduzieren könnten als mittels des Schlachtermessers, Fangnetzes oder Skalpells.
Die Begründungen, warum Menschen Tiere unterdrücken und vernutzen, sind dann jedoch sehr unterschiedlich in den „Bewegungen für Tiere“ – und damit auch ihre Forderungen und die politische Praxis, die angewandt wird. Manche versuchen das Verhalten der Persönlichkeit des jeweiligen Tierausbeuters zuzuschreiben und empören sich über den „schießgeilen Jäger“ oder das „Monster Vivisektor“. Andere haben die Ansicht übernommen, dass Menschen Tiere ursächlich vernutzen würden, weil sie Tiere als minderwertig ansehen und Vorurteile ihnen gegenüber haben. Tatsächlich werden Tiere in der Gesellschaft oftmals als minderwertige Wesen angesehen. Dies ist aber nicht die Ursache für ihre Ausbeutung und Unterdrückung, sondern folgt dieser, um sie ideologisch abzusichern. Damit laufen dann in der politischen Praxis die Appelle und Aktionen fehl, die sich allein an die moralische Haltung gegenüber Tieren und an den individuellen Konsum richten. Tierbefreiung goes Blockupy möchte einen Diskurs fortsetzen und vorantreiben, die Unterdrückung von Tieren wie auch die von Menschen vor dem Hintergrund der Herrschaft des Kapitals bzw. der Klasse der Kapitalist*innen zu diskutieren.
Damit kann die Vernutzung von Tieren in der landwirtschaftlichen Produktion, im Schlachthaus, in der Tierversuchsindustrie oder in den Zoos und so fort nicht mehr isoliert vom Kapitalismus betrachtet werden, was viele Aktivist*innen in der Tierrechtsbewegung jedoch noch immer machen. Das gegenwärtige gesellschaftliche Macht- und Gewaltverhältnis über Tiere kann nicht anders erklärt werden, als dass die Nutzung und Verwertung von Tieren als Produktionsmittel im Interesse der herrschenden Klasse stehen, wie auch die Ausbeutung der arbeitenden Menschen und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen bzw. der Natur im Allgemeinen. In dem kapitalismuskritischen bis antikapitalistischen Bündnis von Blockupy wird dieser Zusammenhang ebenso diskutiert werden und die notwendigen Schlüsse für die Proteste gezogen werden müssen wie in den „Bewegungen für Tiere“. Tierbefreiung goes Blockupy versucht, diese Diskussionen mit anzuregen und sich in diese einzubringen.
Knoti: Ja, eben auch. Die Tierrechtsbewegung hat oft zu anderen politischen Themen gar keine Position und vereint daher, mal etwas überspitzt ausgedrückt, linke wie rechte bzw. neoliberale Aktivist*innen.
Die Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen sensibilisiert auch für ihre Themen: Das Ziel ist eine Masse von Menschen, die bezüglich Tierausbeutung und Speziesismus genauso sensibilisiert ist wie bezüglich Eigentum und Lohnsklaverei, Grenzen und Rassismus, Sexismus und Care-Arbeit.

Kann die Tierrechtsbewegung nur Erfolg haben, wenn sie sich öffnet und eine möglichst breite Masse an AktivistInnen unterschiedlicher politischer Motivation integriert?
Mela: Ich bin mir nicht sicher, wie Du den Begriff der politischen Motivation hier gebrauchst. Wenn sie gleichzusetzen ist mit politischer Einstellung, dann wäre meine Antwort, dass die Tierrechtsbewegung scheitern wird, wenn sie so tut, als sei der politische Ansatz, der vertreten wird, egal. Dieses Bild lieferte die Tierrechtsbewegung ja lange Zeit: „Hauptsache für die Tiere“ und Hauptsache, wir werden eine Masse. Diese Einstellung ist vor allem problematisch, weil damit auch anti-emanzipatorische Ideen eingebunden werden könnten. Aber mehr noch: Eine falsche gesellschaftspolitische Analyse kann nicht zu einer richtigen Praxis führen und somit auch nicht zur Befreiung der Tiere.
Vielleicht meinst Du mit „unterschiedlicher politischer Motivation“ aber auch die verschiedenen politischen Bewegungen, die oftmals zur Bekämpfung eines bestimmten gesellschaftlichen Missstandes gebildet wurden? Es ist wichtig, dass die gesellschaftlichen Macht- und Gewaltverhältnisse und das, was den Einzelnen angetan wird, auch konkret benannt werden und auf die einzelnen Probleme und Ungerechtigkeiten immer wieder, mit Aktionen und anderem, hingewiesen wird. Die Lösung der Probleme kann, wie gesagt, jedoch nur gemeinsam erreicht werden und somit ist eine Öffnung der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung hin zu anderen emanzipatorischen Kämpfen enorm wichtig. Vielleicht muss sogar gesagt werden: Die Befreiung der Tiere wird nur erreicht werden können, wenn die Tierbefreiungsbewegung einmal aufhören wird, Tierbefreiungsbewegung zu sein, und nur noch emanzipatorische Befreiungsbewegung ist. Dieses setzt jedoch voraus, dass bei allen linken Kämpfen erst einmal ein Bewusstsein dafür geschaffen und ein Interesse vorhanden ist, nicht die Ausgrenzungsmechanismen und das Herrschaftsverhältnis, das Oben und Unten grundsätzlich fortführen zu wollen – gegen Tiere oder einzelne Menschengruppen, denen mal eben abgesprochen wird, in Freiheit und ohne Not leben zu dürfen.
Knoti: Genau das denke ich. Es ist schon auch gut, sich für ein Thema zu spezialisieren, aber es ist wichtig die anderen Bewegungen im Blick zu haben und nicht ihnen zuwiderzuarbeiten. Langfristig müssen alle sozialen Bewegungen eine gemeinsame Perspektive entwickeln, um Erfolg haben zu können.

Welches Potenzial haben die Blockupy-Proteste für die Tierrechtsbewegung?
Knoti: Wir haben in den Blockupy-Protesten gesehen wo unsere Schwächen sind, dass wir als linke Tierbefreier*innen mehr an der Koordinierung mit „unpolitischen“ Tierrechtler*innen arbeiten müssen, um mit denen nicht immer wieder in Konflikte zu geraten und um spontan und schlagfertig agieren zu können. Die Blockupy-Proteste haben meiner Meinung nach vor allem das Potential, die Zusammenarbeit zu stärken. Nach außen hin sind sie zumindest hierzulande der deutlichste artikulierte Krisenprotest. Wenn das bestehende System weiter an seine Grenzen kommt, werden sich die Leute hauptsächlich an die wenden, die schon länger öffentlich gegen die Krisenpolitik vorgegangen sind. Und das ist Blockupy. Ob, wie und wann das System zusammenbricht lässt sich aber natürlich nicht vorhersagen.

Warum wurde bei Blockupy die vegane Lebensweise nicht thematisiert? Könnten hierüber nicht mehr Menschen für tierrechtsrelevante Ausbeutungsmechanismen sensibilisiert werden?
Mela: Vegan Brunch statt Klassenkampf? Vegane Kochbücher statt das „Kapital“ lesen? Dies ist ja mitunter eines der Probleme, dass durch die Integration des „veganen Lifestyles“ in den kapitalistischen Markt viele mittlerweile den politischen Kampf für die Freiheit der Tiere mit dem individuellen Konsumverhalten und der Wahl veganer Produkte verwechseln. Konsumieren und kämpfen sind aber unbedingt auseinander zu haltende Praxen: Ersteres kann man auch innerhalb der Ausbeutungsstrukturen machen, letzteres machen wir, um genau diese zu überwinden. Durch die Markteinführung des „veganen Lifestyles“ wird jedoch versucht, der Tierbefreiung ihre politische Dimension zu nehmen. Ob man sich vegan ernährt, Leder trägt, sich Tierdarbietungen in Zirkussen ansieht, in Zoos, jagen oder angeln geht, all das bleibt dann dem Individuum, seiner Wahl, seinem Lebensstil überlassen und angelastet. Dieses kann sich dafür oder auch dagegen entscheiden wie auch, ob es Ökostrom bezieht, mit dem Zug fährt oder Fair-Trade-Produkte kauft. Die Notwendigkeit und das politische Ziel der Gesellschaftsveränderung treten bei all dem in den Hintergrund oder werden ganz zum Verschwinden gebracht.
Ich möchte aber auch kaum Zeit mehr damit verbringen, jemanden zu erklären, dass man anstatt eine Scheibe Käse oder Wurst auch eine Paprika oder Gurke auf sein Brot legen kann. Jede und jeder weiß das und dafür braucht man, wer das nicht möchte oder kann, auch nicht unbedingt die teuren, speziellen „Vegan-Produkte“ in den Vegan-Shops oder deren verbilligte Varianten in den Supermärkten zu kaufen. Wem das nicht schmeckt und wer auf sein Wurstbrot besteht, der folgt eben den falschen Bedürfnissen nach Fleisch, Milch, Eiern und so fort, die von den bisherigen, repressiven Gesellschaftsverhältnissen mit erzeugt wurden und werden. Der sollte dann also nicht so tun, als läge dieses Bedürfnis irgendwo in seiner Natur. Natürliche Bedürfnisse sind, überhaupt Nahrung zu sich zu nehmen und keine Schmerzen, kein Leid zu erfahren. Dass das Bedürfnis vieler in unserer Gesellschaft, Tiere und tierliche Produkte zu konsumieren, nicht in deren Substanz liegt, zeigt ja schon, dass es pflanzliche Nahrungsmittel mit ähnlicher Strukturbeschaffenheit und ähnlichem Geschmack gibt, so zum Beispiel Seitan oder Sojamilch. Es ist somit nicht die materielle Beschaffenheit der tierlichen Produkte, die diese in unserer Gesellschaft so bedeutsam macht, sondern es sind die materiellen Verhältnisse, die Machtverhältnisse, die ihnen zu Grunde liegen. Tierliche Produkte schmecken so lange, wie die bestehenden Machtverhältnisse anerkannt werden (Die Anerkennung muss hier nicht unbedingt ein bewusster Vorgang oder gar eine Herrschaftsstrategie sein und ist dies wohl auch eher selten.). Von „falschen Bedürfnissen“ spreche ich hier folglich im Sinne von Marcuse, wie er sie in „Der eindimensionale Mensch“(2)beschrieben hat als „(…) diejenigen Bedürfnisse, die harte Arbeit, Aggressivität, Elend und Ungerechtigkeit verewigen“.
Ich selbst lebe seit 23 Jahren vegan, weil ich, so weit das möglich ist im schlechten Bestehenden, dieses so wenig wie möglich unterstützen möchte. Das handhabe ich auch in anderen Bereichen so. Ich weiß aber, dass ich durch mein individuelles Verhalten die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht umstürzen werde und damit nicht die Bedingungen, die das Ausbeutungssystem erzeugt haben und aufrecht erhalten. Selbst dann nicht, wenn viele so handeln. Ich finde es übrigens sehr gut, dass in allen linken Zusammenhängen die Voküs heute oftmals vegan sind. Ich kenne noch ganz andere Zeiten. Noch wichtiger wäre jedoch, dass das gegenwärtige gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis Teil unserer theoretischen und praktischen Gesellschaftskritik wird. Also nicht nur den Kochlöffel in die Hand nehmen, sondern vor allem auch den Stift, das Transparent, den Schraubenzieher oder was man sonst noch braucht.
Knoti: Ich finde „vegane Lebensweise“ hier nicht passend, weil das nicht das ist, worum es uns geht. Es geht um Tierbefreiung, nicht darum wie wer konsumiert und sein Leben führt. Damit würde mensch die Sache am falschen Ende anpacken, was aber leider in der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung immer noch sehr beliebt ist. Die „Clean Clothes Campaign“(3) gegen Ausbeutung in der Textilindustrie propagiert auch keinen „ausbeutungsfreien Lebensstil“, weil der z.Zt. auch kaum möglich ist. Ihnen geht es um die Ausbeutung in den Textilfabriken. Und so ist es auch bei uns: Wir wollen die Tierausbeutung abschaffen, nicht die Welt zu Veganerinnen und Veganern konvertieren. Das mag als dasselbe erscheinen, bedeutet aber einen ganz anderen Weg.
Letzlich wäre mein Anspruch, nicht die Massen aufzufordern oder zu zwingen, sich vegan zu ernähren, sondern eine Forderung an die Produktion zu stellen, alle jetzigen Tierprodukte vegan, gesund, bio, fair und geschmacklich und von der Konsistenz her so zu produzieren, dass niemand im eigentlichen Sinn verzichten muss! Die Forderung geht also nicht nach unten, an die „Massen”, sondern nach oben! Und letztlich denke ich, ist eine Enteignung der Fleischindustrie, ihre Konversion zur veganen Produktion und ihre Unterstellung unter gemeinschaftliche Kontrolle nach dem Commons-Prinzip(4) dafür unerlässlich.
Und dieser Weg wurde durch uns bei Blockupy nun endlich im größeren Stil thematisiert: mit eigenen Blöcken, Teilnahme an der Demo-Organisation, eigenen Transparenten, Aktionen, Flyern und Redebeiträgen. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass das dieses Jahr nicht zum ersten Mal geschah, sondern, wenn auch im kleineren Maßstab, seit es Blockupy gibt immer auch Tierbefreier*innen offen als Tierbefreier*innen dort teilnahmen.

«Würde das gesellschaftliche Verhältnis von den meisten bereits als Problem wahrgenommen, müsste man dafür kein Bewusstsein schaffen und keine Kritik formulieren. Bekanntlich sind es die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst und die von der Gesellschaft eingesetzten Sozialtechniken und kulturindustriellen Erzeugnisse, die dieses Gewahrwerden erschweren»; Mela

Mit welcher Zielsetzung wurden kreative Aktionen während der Blockupy-Proteste durchgeführt?
Mela: Ich weiß gar nicht, ob man sagen kann, dass unsere Aktionen während der Aktionstage von Blockupy so kreativ waren. Unser Bündnis hat sich ja erst im Herbst vergangenen Jahres gebildet, nachdem sich Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen 2012 und 2013 an den Blockupy-Protesten beteiligt und wir es als sinnvoll erachtet hatten, unsere Teilnahme auszuweiten. Es wurden bisher kaum spezielle oder neue Aktionsideen entwickelt, dafür fehlte die Zeit. Kreativ sein heißt ja, neue Ideen hervorzubringen und diese Gestalt zu geben. Im idealen Fall fallen Idee und Gestalt zusammen, drückt also die Form bereits den Inhalt aus. Dies ist bei der direkten Tierbefreiung und der Sabotage der Ausbeutungsmaschine so. Für die Idee, die Unterdrückung der Tiere und die Klassenverhältnisse grundsätzlich aufzuheben, gibt es jedoch keine entsprechende aktionistische Form, die all das beinhalten könnte. Darum behelfen sich alle sozialen Kämpfe damit, erst einmal auf das zu überwindende Verhältnis und seine konkreten Ausprägungen aufmerksam zu machen. Würde das gesellschaftliche Verhältnis von den meisten bereits als Problem wahrgenommen, müsste man dafür kein Bewusstsein schaffen und keine Kritik formulieren. Bekanntlich sind es die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst und die von der Gesellschaft eingesetzten Sozialtechniken und kulturindustriellen Erzeugnisse, die dieses Gewahrwerden erschweren. Und so ist dann die dauerhafte Frage an die Aktivist*innen, wie das Anders-Wahrnehmen trotzdem erreicht werden kann. Transparente, Schilder und Flyer und das übliche Demomaterial wie die Demonstrationen selbst können dies nur zum Teil. Darum greifen Aktivist*innen, auch der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, zu Methoden wie Run-Ins, Die-Ins, Ankettaktionen und anderen Aktionen dieser Art, klettern auf Dächer und Tripods oder seilen sich an Gebäuden ab. Damit ist aber nur zum Teil auch eine Kritik geäußert. Die Kunst vermag es leichter, der Kritik Gestalt zu geben. 2013 haben wir darum ein Modell gebaut und hatten dieses auf der Blockupy-Demo in Frankfurt dabei, das den Aphorismus „Der Wolkenkratzer“ von Max Horkheimer(5)gestalterisch umzusetzen versuchte. Die Skulptur gibt das Klassenverhältnis wieder mit den Kapitalist*innen oben und den Kulis und dem Schlachthof ganz unten im Gesellschaftsbau.
In diesem Jahr bezogen sich die kreativen Aktionsideen bisher hauptsächlich darauf, bei der Blockadeaktion gegen Europas größten „Geflügel“-Schlachthof in Wietze am 19. Mai(6)den Blockademitteln eine Gestalt zu geben, die sie so effektiv wie möglich machen sollte. Die Räumung durch die Polizeieinheiten wurde damit erschwert. Auf diese Weise sollte das Ziel stückweise erreicht werden, das Schlachten der Tiere, die Arbeiten der Schlachthofmitarbeiter*innen und damit ihre Ausbeutung wenigstens zeitweise zu verhindern. Das ist der materielle Aspekt. Zweck von Blockaden ist, zu blockieren. Klar, dass Blockadeaktionen am Ende vor allem symbolisch, auffordernd sind und eine Diskussion anregen wollen. Aber ein physisches Hindernis zu schaffen, welches das, was dort normalerweise passiert, zeitweilig nicht möglich macht, steht im Vordergrund der Planung einer Blockade. In diesem Fall, aufzuhalten, dass Tiertransporter in die Schlachtfabrik fahren, die Tiere dort umgebracht werden und als Fleischware in Kühltransportern den Schlachthof wieder verlassen. Hauptblockademittel war ein Auto, in dem ein Betonklotz eingebracht war, der durch den Wagen hindurch bis zur Fahrbahn reichte und auf diese abgestellt war. In dem Betonklotz waren Rohre eingebracht, in die sich zwei Aktivistinnen mit Schlössern angekettet hatten. Die Räumung dieses Hindernisses war nicht ganz so einfach und es hat zusammen mit den anderen Blockadeaktionen, die vor Ort stattfanden, schließlich auch fast sieben Stunden gedauert, bis das Auto mit Rollen und Gurten von der Technischen Einheit der Polizei weggeschoben wurde. Aktivist*innen, die zeitgleich den Wiesenhof-Schlachthof in Möckern blockierten, haben zusätzlich Traversen an Bäumen gespannt, um die Durchfahrt der Transporter zu erschweren. Dies ist alles freilich nicht neu, sondern von der Umweltbewegung abgeguckt. Das zeigt, wie wichtig auch der Austausch der verschiedenen Bewegungen mit Blick auf die Aktionsstrategien ist.
Knoti: Ziel war es, die Ausbeutung von Tieren aber auch von Menschen in der Tierverarbeitungs- und Verwertungsindustrie offen auf der Straße darzustellen. Dazu sollten die Aktionen so werden, dass auch unorganisierte Leute einfach mitmachen können. Dadurch soll die Bewegungen weniger exklusiv sein und die Teilnahmemöglichkeit bei anderen gesteigert werden. Außerdem sollten die Aktionen nicht zu militant wirken und schöne Bilder ergeben, einfach um nicht nur eine kleine Szene zu bedienen, sondern viele Menschen zu erreichen. Ein wichtiges Nebenziel war aber auch, zu versuchen, Geschäfte zu blockieren: Die Aktionen sollten nicht rein symbolisch sein, sondern es sollte auch eine kollektive Grenzüberschreitung geübt werden.

Mit der Beteiligung an diesen Protesten wolltet ihr Tierbefreiungsaktionen sichtbar machen und Zusammenhänge zwischen Tierausbeutung und Kapitalismus verdeutlichen. Wie erfolgreich war die Außendarstellung tatsächlich?
Knoti: Ich kann da leider nur für Stuttgart sprechen und bei uns wurde die Aktion durch das massive Eingreifen der Polizei verhindert. Unser ganzer Erfolg war, dass schwerbewaffnete Polizeitrupps sich in der Einkaufsstraße vor unsere Ziel-Geschäfte gestellt hatten. Das hat vielleicht auch für ein paar Minuten die Geschäfte blockiert und die Passant*innen bestimmt etwas verstört. Aber wir konnten gar nicht mit unserer geplanten Aktion anfangen, auch weil wir noch an unserer Koordinierung arbeiten müssen.

Mit welchen Hindernissen habt ihr während der Proteste zu kämpfen gehabt und wie geht ihr mit den Repressionen um?
Mela: In den vergangenen zwei Jahren, also jeweils bei den Protesten in Frankfurt, waren wir weitestgehend wie die anderen Aktivist*innen der enormen Gewalt der Polizei und der von ihr durchgesetzten Freiheitsbeschränkungen und Behinderungen der Proteste ausgesetzt. In diesem Jahr, während der dezentralen Mai-Aktionstage, gab es in einigen Städten zeitweilig ein ähnliches Bild von Tränengas, Knüppeln, Kesseln, Angriffen auf Demonstrant*innen und der Polizei in Kampfmontur, die die herrschende Klasse und ihre Interessen beschützt. Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung hat in ihrem Alltag sonst mit einer anderen Form von Repression zu tun. Der Polizeigewalt begegnen wir weniger auf der Straße. Wir wären wohl auch ein zu kleines Häuflein, das einzukesseln oder mit Wasserwerfern zu besprengen, auch ein wirklich komisches Bild abgäbe. Außerdem könnten diese Maßnahmen zu leicht auch die eigenen Polizei-Spitzel treffen. In Deutschland, Österreich und England wurden in den vergangenen Jahren V-Leute enttarnt, die jahrelang Tierrechts-und Tierbefreiungsgruppen bespitzelten(7).
Die Repression durch Staat und Kapital trifft Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen hauptsächlich auf der Ebene der Gesetzgebung und Rechtsprechung. In den vergangenen Jahren hatten sich die Tierausbeutungsindustrien mit den staatlichen Behörden und privaten Sicherheitsagenturen mindestens in Österreich, Großbritannien, den Niederlanden und den USA zusammengesetzt, um Maßnahmen zu erarbeiten, die geeignet sind, die teils effektiven Aktionen und Kampagnen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung zu kriminalisieren und zu bekämpfen.     Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung sollte damit zum Testfeld für eine generell zunehmende Repression gegen emanzipatorische Kämpfe werden, ist die Bewegung doch weitestgehend isoliert, klein und unerfahren und es damit relativ leicht, gegen sie vorzugehen. In den USA wurde ein eigenes Gesetz gegen die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, der Animal Enterprise Terrorism Act, geschaffen und der Green Scare eingeleitet. In England können Aufrufe, gegen Unternehmen zu protestieren, nun problemlos als Erpressung und das Protestieren gegen Unternehmen als antisoziales Verhalten verurteilt werden. Und in Österreich können Kampagnen gegen Unternehmen als schwere Nötigung verfolgt werden.
In vielen Ländern wurden und werden Menschen, die den Profit der Tierausbeutungsindustrie zu schmälern versuchen, als Teil krimineller oder gar terroristischer Vereinigungen verfolgt. Derzeit stehen beispielsweise zwei Anarchisten in Italien wegen Terrorismusvorwurf vor Gericht – dies auch im Zusammenhang mit einer ihnen vorgeworfenen Aktion gegen ein Pelzgeschäft. In England wurden drakonische Strafen für die Beteiligung an Kampagnen gegen Tierversuchslabore verhängt mit bis zu neun Jahren Haft. Etliche Aktivist*innen saßen und sitzen dort jahrelang im Gefängnis. In dem „Animal Enterprise Terrorism Act“(8), nach dem auch jemand wegen Terrorismus verurteilt werden kann, der in einem Tierausbeutungsbetrieb recherchiert und die dort dokumentierten Zustände per Fotos oder Video veröffentlicht, steht ganz offen geschrieben, um was es geht: wirtschaftlichen Schaden, der von den Aktionen ausgeht, abzuwenden beziehungsweise die Aktivist*innen über immense Geld- und Haftstrafen davon abzuhalten, in Zukunft weiterhin solche Aktionen durchzuführen. Auch hier ist die weitestgehende Isolation der Tierrechts- und Tierbefeiungsbewegung fatal. Diese Gesetzesänderungen und Gerichtsurteile hätten eine Solidarisierungswelle mit den Betroffenen auch von anderen emanzipatorischen Bewegungen hervorrufen müssen. Aber auch innerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung selbst müssen wir noch daran arbeiten, dass wir trotz der Überlastung mit Aufgaben, diejenigen besser unterstützen, die von der Repression betroffen sind.
Knoti: Während der Proteste mussten wir in Stuttgart mit einem massiven, martialisch wirkendem Polizeiaufgebot umgehen. Ich denke, dass diese aber nur teilweise der Repression dienen sollten, was sie mit überlangen Kontrollen, Beschlagnahmungen und Einschüchterungsversuchen auch taten, sondern auch dazu dienten, die völlig friedliche Demonstration in der öffentlichen Wahrnehmung schlechtzumachen. Mit Repression gehen wir so um, wie wir es aus linker als auch aus tierrechtsaktiver Praxis kennen: Zusammenhalten, Ermittlungsausschuss nutzen, keine Aussagen machen, Out-of-Action-Strukturen usw. Ich finde auch die „kreative Antirepression“ der Projektwerkstatt Saasen(9)interessant, müssten wir uns aber mal mehr mit auseinandersetzen. Die krassere Repression trifft Leute, die sich in relativ erfolgreichen Kampagnen engagieren, wie die Leute von der Basisgruppe Tierrechte in Österreich oder eben die Leute in England, denen Beteiligung an der SHAC-Kampagne vorgeworfen wird. Im Blockupy Kontext haben sich Aktive dahingehend der Antirepression gewidmet, indem sie z.B. in Düsseldorf nach der Demo am österreichischen Konsulat demonstrierten oder eben die Wieze-Blockade am 19.5., welche den Gefangenen in England gewidmet wurde.
Ich denke das Zusammenhalten und das gegenseitige Sich-Aufeinander-Beziehen sind die zwischenmenschlichen Banden, die die Gitterstäbe aufweichen. Briefe an Gefangene schreiben ist auch sehr wichtig.

Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams sind Mittel für die Tierbefreiung. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?
Mela: Es sind wohl das mit den Aktionen vermittelte politische Ziel, die politische Forderung, die konkreten politischen Konstellationen und es sind die Ereignisse, die sich im Rahmen dieser Aktionen abspielen, die eine Aktion bedeutsam machen oder nicht. Denn Aktionen an sich reichen eigentlich erst einmal für gar nichts aus. Sie können für jeden beliebigen Inhalt genutzt werden, auch für den unserer politischen Gegner*innen. Unsere Aktionen können von ihnen in vielfältiger Weise unwirksam gemacht oder bekämpft werden – mit offener Eskalation der von ihnen angewandten Gewalt. Marc Amann hatte einmal gefragt, ob es eine Aktionsform gibt, die an sich schon emanzipatorisch ist und somit nicht für repressive, reaktionäre, anti-emanzipatorische Ideen genutzt werden kann. Ich denke weiterhin, dass hier nur die direkte Befreiung aus der Gefangenschaft und Gewaltsituation zu nennen ist. Die direkte Befreiung von Tieren aus Käfigen und anderen Systemen ist lebenswichtig für die betroffenen tierlichen Individuen, hier werden tat-sächlich Ketten aufgebrochen. Diese Aktionen sind auch wichtig für das Selbstverständnis des Kampfes um ihre Befreiung. Tiere sind nicht als Eigentum, nicht als Ware und Kapital anzusehen und als solche zu behandeln. Ihre Freilassung ist somit ein selbstverständlicher und notwendiger Akt der Solidarität. Aufgrund der besonderen Bedingungen der Umsetzbarkeit dieser Befreiungsaktionen sind sie jedoch nur begrenzt durchführbar. Auch alle anderen von Dir genannten Aktionsformen haben ihre klaren Grenzen. Sie sind angesichts der bestehenden Not der betroffenen Individuen notwendig und legitim. Ob sie auch angemessen, das heißt ausreichend und ob sie wirksam (genug) sind, kann nicht schon im Voraus beantwortet werden. Die Effekte der politischen Praxis können immer nur abgeschätzt werden und die zukünftigen Aktionen sind immer konkret an den Gegebenheiten auszurichten. Ob die jeweiligen Aktionen die herrschende Klasse herausfordern und die Verhältnisse treffen, kann sich immer wieder ändern. So kann eine Platzbesetzung das eine Mal kaum jemanden interessieren und das andere Mal die gesamte Staatsmacht auf den Plan rufen.
Blockaden, Besetzungen und ähnliche Aktionen haben derzeit in Deutschland wie zuvor gesagt vor allem die Aufgabe, die verschiedenen Ausbeutungs- und Unterdrückungsformen zu markieren, über sie zu informieren sowie zu signalisieren und in gewissen Maßen auch bereits damit zu beginnen, dass man für ihre Aufhebung konsequent eintreten wird. Dies auch dann, wenn diese politische Praxis für einen selbst Nachteile nach sich zieht. Es ist denkbar, dass die politischen Verhältnisse zukünftig noch repressiver werden und die Versuche, den Schlachtbetrieb, bestehende Tierställe und Tierversuchsanlagen oder ihren Neubau zu blockieren, noch stärker von Staat und Kapital verfolgt werden. Dies vor allem dann, wenn es uns gelingt, den Betrieb wirksamer aufzuhalten. Noch effektiver und besser wäre, wenn die Stilllegung des Betriebes nicht nur von außen, sondern von innen, von den Beschäftigten selbst ausginge. Wenn Schlachthofmitarbeiter*innen oder Tierversuchspfleger*innen streiken, wenn sie ihre Arbeit, mit der sie Tiere verletzten und töten und die ihre eigene Ausbeutung und Entfremdung bestimmt, niederlegen würden und könnten (viele der dort arbeitenden Menschen sind nur über Werkverträge angestellt), wäre Vielversprechendes erreicht. Vielleicht könnte es dann sogar einmal passieren, dass sie diese Arbeit nicht mehr aufnehmen, nicht mehr für den Eigentümer und die Unternehmensleitung, sondern selbstorganisiert arbeiten und diese Betriebe sodann auch in tierausbeutungsfreie Arbeitsstätten umwandeln. Vergesellschaftung der Tierausbeutungsindustrien heißt hier nicht nur, dass das Privateigentum an Tieren aufgehoben wird, sondern dass Tiere gar nicht mehr Eigentum sind, Menschen sich weder ihre Körper aneignen, noch das, was mittels ihrer Arbeitskraft hergestellt wird. Schlachthöfe, Tierversuchslabore, Tierdressurvorführungen, Zoos und dergleichen wird es somit dann nicht mehr geben. Dass die Umstellung auf eine Produktion, in der keine Tiere verwendet werden, bedeutet, dass in den Betrieben teilweise andere Geräte angeschafft und neue Tätigkeiten erlernt und eingeübt werden müssen, versteht sich von selbst.
Knoti: Nein, diese direkten Aktionen werden alleine keinesfalls ausreichen. Das Wirksamste an ihnen ist ja auch nicht, dass da eine Schlachtanlage sabotiert oder für eine paar Stunden blockiert wird, sondern die öffentliche Erregung von Diskussionen darum. Ich denke, dass die Profiteure des Systems tatsächlich nicht in der Übermacht sind, sondern verhältnismäßig machtlos, wenn mehr Menschen ihrer Lage bewusst werden. Deshalb ist die Bewegung für die eigene Befreiung auch so wichtig für die Tierbefreiung: Es braucht einfach Massen von Menschen, um Ausbeutungssysteme zu stürzen und diese finden sich nur, wenn sie sich damit auch selbst befreien.

Manche AktivistInnen unterscheiden bei Fragen zur Integration/Ausgrenzung von einem ideellen und einem praktischen/strategischen Standpunkt. Diskutiert ihre diese Widersprüche und welche Strategien ergeben sich hieraus für die Tierrechts-, Tierbefreiungsbewegung?
Knoti: Du meinst, dass mensch z.B. sagt „Ideell wäre das eine richtig, aus strategischen Gründen machen wir aber das andere!“? Eine interessante Frage. In den Diskussionen, an denen ich beteiligt war, haben wir nicht so eine Unterscheidung gemacht, zumindest nicht bewusst. Ich denke, es ist bei uns eher so, dass ideelle und strategische Punkte schon weitgehend zusammenfallen. Das heißt aber natürlich trotzdem, dass wir uns eines Widerspruchs zwischen dem direkten Weg zu unseren Zielen und der vertrackten Situation im Kapitalismus bewusst sind und natürlich mit diesem Widerspruch umgehen müssen, oder auch innerhalb dieses Widerspruchs handeln müssen. Ich glaube, ich wünsche mir auch mehr so einen bewussten Umgang damit, um eine marginale und identitäre Position mehr hinter uns lassen zu können, ohne dadurch unsere Ziele zu verraten.

Wie ist Tierausbeutung im Kapitalismus verfestigt?
Mela: Die Vernutzung von Tieren in der kapitalistischen Produktion steht nicht nur an ihrem geschichtlichen Anfang, sie bildet auch heute noch einen wichtigen Teil kapitalistischer Ausbeutungsstrategien – trotz der Nischenindustrien, die sich zusätzlich gebildet haben, um einen Markt für den „veganen Lifestyle“ zu schaffen. Wie wichtig die Ausbeutung von Tieren für die materielle Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft ist, zeigt sich gerade auch an der massiven Repression gegen erfolgreiche Kampagnen und Aktionen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung und an dem Aufwand, den Staat und Kapital betreiben, um die Schließung auch nur eines Tierausbeutungsbetriebes oder die Blockade eines Neubaus zu verhindern. Denn Tiere sind eine optimal und allumfassend ausbeutbare „Ressource“. Sie werden als Rohstoffe, Hilfsstoffe und Arbeitskräfte verwendet. Und dies auf unzählige und vielfache Weise, so dass Teile des einstigen Körpers eines tierlichen Subjektes nicht nur als Fleisch- und Fischwaren oder in Milchprodukten enden, sondern z.B. auch zur Herstellung einer Batterie, von Baustoffen oder von Farbe verwendet werden. Andere Tiere werden als Arbeitsmaterial in der biomedizinischen Forschung und generell in der Produktentwicklung eingesetzt, um an ihnen Experimente durchzuführen, mit der die Wirksamkeit, Unwirksamkeit oder Schädlichkeit von Stoffen und Eingriffen getestet wird. Gerade die biomedizinische Forschung dient einem boomenden Markt, in dem auch in Zukunft enorme Wachstums- und Profitsteigerungen zu erwarten sind, nicht zuletzt über die Entwicklung sogenannter transgener Tiere.
Bei alledem ist die Nutzung von Tieren so attraktiv, weil sie in sklavenähnlichen Verhältnissen gehalten werden; sie verkaufen schließlich nicht ihre Arbeitskraft und erhalten keinen Lohn (dass so getan wird im Kapitalismus, als sei das Stroh und „Futter“ ein äquivalenter Austausch für ihre Versklavung und Tötung, ist ein immenser Tauschbetrug). Außerdem werden die „Nutz“-Tiere gänzlich ihrer Freiheit und Autonomie beraubt und ihr Leben vollständig den wirtschaftlichen Interessen angepasst – es besteht somit eine maximale Verfügungsgewalt über sie. Nicht zuletzt reproduzieren sich die Tiere selbst, haben Nachkommen, die erneut als Arbeitsmaterial oder Arbeitsmittel eingesetzt werden können.
Hand angelegt wird an die Tiere letztendlich von den in den Tierställen, Versuchslaboren und Schlachthöfen Arbeitenden, die selbst von den Kapitaleignern ausgebeutet werden und oftmals für niedrige Löhne und unter schlechten Arbeitsbedingungen die Tiere versorgen, für Versuche vorbereiten oder rupfen, mästen, schlachten oder fischen. Diese Arbeiter*innen stammen meistens aus den gesellschaftlich am schlechtesten gestellten Klassenfraktionen, sind beispielsweise Menschen mit einer im Kapitalismus niedrig bewerteten Bildung oder Migrant*innen und werden von der herrschenden Klasse nicht nur ausgebeutet und ihre Not, arbeiten zu müssen, ausgenutzt, sondern von ihr meist auch sozial verachtet. Der Job des Schlachters, Landwirtschaftshelfers oder „Stallburschen“ ist nicht hoch angesehen in den oberen Etagen des Gesellschaftsbaus und auch die Security-Mitarbeiter, die das Eigentum der herrschenden Klasse und den Betriebsablauf bewachen, oder die Reinigungskräfte und Entsorger, die die Spuren der Gewalt wegwischen und wegbringen sollen, verdienen von der herrschenden Klasse fast nichts, weder mit Blick auf die Bezahlung noch auf den Respekt.
Knoti: Eine einfache Frage die aber eine lange Antwort erfordert. Erstmal basiert unser heutiger Kapitalismus historisch auf verschiedenen Formen der Tierausbeutung. Mit der Domestizierung von Tieren wurde auch die erste Form von Privateigentum im Sinne einer Frühform des 'Eigentums an Produktionsmitteln' geschaffen: In manchen Gesellschaften zeigt die Anzahl der Tiere im Besitz eines Mannes noch heute seinen Reichtum an. Das englische Wort für Rind „cattle“ ist auch sprachhistorisch mit „capital“, also „Kapital“ verwand. Dann ist die Ursprüngliche Akkumulation, die Marx als Voraussetzung des Kapitalismus beschreibt, eng mit der Tierausbeutung verwoben. Für die kapitalistische Produktion braucht es ja Arbeiter, als Leute die gezwungen sind, für Lohn zu arbeiten, und nicht als freie Bauern sich selbst versorgen können. Also mussten die Bauern erstmal von ihrem Land enteignet werden. In England, dem ersten Land welches die kapitalistische Wirtschaft beglückte, lief das so ab, dass der Landadel und Großgrundbesitzer den Bauern Land wegnahmen, weil sie es für die Schafe für ihre Wollproduktion brauchten. Die Textilindustrie war bekanntlicherweise ja die erste maschinelle Industrie. Dadurch verloren Tausende Bauern ihre Lebensgrundlage und waren gezwungen, zu einem Hungerlohn in Fabriken zu schuften. Also auch die ersten Schritte des Kapitalismus waren eng mit der Tierausbeutung verbunden.
Insgesamt spielen Menschen und Tiere eine gemeinsame aber auch getrennte Rollen in der kapitalistischen Ausbeutung: Beide werden zum Objekt der Verwertung, ihnen wird ein Selbstzweck abgesprochen und ihre Verwertung wird ins Zentrum ihrer Existenz gestellt. Tiere spielen aber eher die Rolle Rohstoff zu sein. Ihre Arbeit, ihr Leben und ihre Körper werden nicht gegen Lohn getauscht, sondern ihnen durch bloßen Zwang abgenommen.
Bei Menschen funktioniert das in Europa seit der Abschaffung der Sklaverei nur noch vereinzelt. Meistens werden Menschen durch den Zwang zur Arbeit ausgebeutet und ihnen der Mehrwert ihrer Arbeit abgepresst während ihnen dies als gerechten Tausch und als Freiheit verkauft wird. Wir beide sind Kapital, Tiere aber eher Ressource und Menschen eher Humankapital. Welche Rolle die Tierausbeutung allerdings aktuell im krisengeschüttelten, post-fordistischen Kapitalismus genau spielt, ist meines Wissens nach noch nicht hinreichend herausgearbeitet. Was aber bekannt ist, ist die drastische Steigerung der Fleischexporte aus Deutschland, welches ja allgemein durch seine extreme Exportwirtschaft die Krisenlasten auf die anderen europäischen Länder abwälzt. Allerdings macht das Fleisch in der deutschen Exportbilanz finanziell nur 0.1% aus. Wie also Kapitalismus, Krise und Tierausbeutung heute und hier miteinander in Verbindung stehen ist ein Thema, mit dem wir uns in Zukunft mehr analytisch beschäftigen wollen.

Ist dieser Denkansatz auch ein notwendiger Versuch, die linke "Szene" für Tierrechtsthemen zu sensibilisieren und einen gesamtpolitischen Zugang zu ermöglichen? Gab und gibt es etwa Diffamierungen und Kritik von TierrechtlerInnen und der radikalen Linken an eurer Beteiligung an Blockupy?
Knoti: Diese Frage würde ich mit Vorbehalt bejahen, schließlich ist die linke „Szene“ oder lieber linke Bewegung nicht ein außenstehendes Objekt, welches wir sensibilisieren wollen, sondern wir zählen uns selbst dazu.
Wir suchen also einen kapitalismuskritischen Ansatz, weil wir uns selbst einen gesamtpolitischen Zugang suchen und mit diesem Kampf vorwärts kommen wollen. Es ist also keine strategische Frage, „die Linken“ überzeugen zu wollen, sondern eher etwas zu finden, was uns als Linke selbst überzeugt. Aber ja, wir finden es auch natürlich wichtig, dass die linke Bewegung alle Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen im Blick behält, da gehört für mich Sexismus/Patriarchat, Rassismus/Grenzregime, Homo- und /Transphobie, Ableism und Behindertenfeindlichkeit, Nord-Süd-Verhältnis und Antiimperialismus, als auch Speziesismus und Tierausbeutung dazu. Und das sind nur die berühmteren Ausprägungen eines neoliberalen Kapitalismus welcher alle zu Unternehmerinnen ihrer selbst machen möchte und die entstehenden Ungleichheiten mit 'Selbstverschuldung' und Biologisierung erklären will: Lookism und Aussehen, Abwertung durch fehlende Bildung/-sabschlüsse, Stadt-Land-Gegensatz, Psychiatrisierung und Individualisierung von Krankheit usw. usw.
Zu deiner zweiten Frage: Ich habe nichts Ernsthaftes von radikalen Linken bzw. nichts von ernsthaften radikalen Linken gegen unsere Beteiligung bei Blockupy gehört. Klar gibt es immer wieder AntiD-Spinner oder Fleischlinke, die die Nase rümpfen oder so, aber wer die ernst nimmt, ist ohnehin verloren. Auch von Tierrechtler*innen-Seite habe ich jetzt keine Kritik daran gehört, aber ich hätte schon eine größere Beteiligung erhofft. 20-40 Leute sind ja schon mal was, aber für eine Pelzfrei-Demo kommen ja auch manchmal ein paar Hundert. Und es schockiert mich dann schon, wenn ich Leute sagen höre: Ja für die Pelzfrei fahre ich nach Frankfurt, aber Blockupy ist mir das nicht wert. Aber wahrscheinlich eher deshalb, weil es bei mir eher andersrum wäre.

Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der herrschaftsfreien Gesellschaft im Einzelnen gestalten und an welche Bedingungen ist der geknüpft?
Mela: Einen konkreten Plan zu entwerfen ist da selbstredend weder möglich noch ratsam. Ideen hierzu zu sammeln wäre Bände füllend, beziehungsweise haben Überlegungen dieser Art bereits viele Bände gefüllt und müssen nicht grundlegend neu gedacht werden. Ich beschränke mich darum auf das, was mir lücken- und ausschnitthaft in den Sinn kommt, vor allem auch hier, wenn ich an das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis denke. Ich setze an der Beobachtung an, dass das Erleiden der sozialen Hierarchie und Austeritätspolitik, der zunehmenden Ausgrenzung und Vereinzelung sowie der ständigen Konkurrenzsituation es den Ausgebeuteten schwer gemacht hat, sich als Verbündete zu sehen, solidarisch zu handeln und gemeinsam zu kämpfen. Die Desensibilisierung gegenüber dem Leiden der Anderen ist Teil der kapitalistischen Praxis. Sich mit den im kapitalistischen Ausbeutungssystem versklavten Tieren solidarisch zu zeigen, bleibt oftmals ein individueller Akt des Mitgefühls: das „Lieblingskalb“, das nicht zum Schlachter gefahren wird; der einem vertraut gewordene „Versuchshund“, den man nach mehreren Testreihen bei sich zu Hause aufnimmt.
Menschen beteiligen sich an den Ausbeutungsprozessen und damit an der Ausbeutung von Tieren, weil diese ihnen angesichts der bestehenden Herrschaftsverhältnisse nicht als grundsätzlich falsch erscheint oder einfach, weil sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen und einige keine andere Arbeit finden. „Ich muss meine Familie versorgen“, war eine immer wiederkehrende Aussage sowohl eines Fahrers eines Tiertransporters, eines Security-Mitarbeiters, als auch eines Polizeibeamten, die am 19. Mai während der Blockade des „Geflügel“-Schlachthofs in Wietze zu uns kamen. Damit sie selbstorganisiert entscheiden können, was und wie produziert wird, müssen die dort arbeitenden Menschen somit über die Produktionsmittel verfügen, das heißt die herrschende Klasse muss enteignet werden. In dem Moment, in dem sich die ausgebeutete Klasse befreit hat und ihre Ausbeutung als Schlachter, iSlaves, Care-Arbeiter*innen, Näher*innen, Minenarbeiter, Büroangestellte usw. aufgehoben hat, kann sie entscheiden, wie sie ihre Selbsterhaltung organisiert.
Spätestens mit dem Wegfall der Entfremdungsprozesse müssten die zuvor ausgebeuteten Menschen die Verbundenheit ihres Leids und Glücks mit dem der Tiere erkennen und sich ihnen der ganze Schrecken der Schlachthäuser und Versuchslabore, Ställe und Zwinger, Hochsitze und Angelstellen zeigen. Ich sage hier bewusst spätestens, denn es ist ja auch jetzt bereits möglich und dringend, diese Zusammenhänge zu erkennen und ein großer Teil der politischen Arbeit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung beschäftigt sich mit deren Bewusstmachung. Das Ganze sollte somit nicht als zeitliche Abfolge verstanden werden, nicht als ein Nachgeordnetsein. Vieles wird gleichzeitig und durcheinander geschehen (müssen). Schließlich ist für die radikale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ein kritisches Bewusstsein notwendig und die radikale Veränderung der Gesellschaft mit eine Voraussetzung dafür, dass sich ein anderes Bewusstsein ausbilden kann. Das ist doch das Dilemma! Also muss sich beides in der kämpfenden Praxis herausbilden. Da die Befreiung von Mensch, Tier und Natur zusammen gedacht und zusammen erkämpft werden muss, weil ihre gegenwärtige gesellschaftliche Unfreiheit und Zerstörung die gleichen Ursachen hat: die Klassengesellschaft und die kapitalistische Produktionsweise, sind übrigens sowohl die vorwurfsvolle Aufforderung zurückzuweisen, man solle sich doch erst einmal um die Menschen kümmern, als auch Kampagnen wie „Non-Humans First!“(10).
Bei all der Gleichzeitigkeit der verschiedenen politischen Tätigkeitsfelder, sozialen Kämpfe und Aktionsformen bleibt jedoch wie soeben angemerkt als Bedingung für die Befreiung aus den Ausbeutungsverhältnissen, dass die herrschende Klasse enteignet wird. Damit wird sie auch nicht mehr einfordern können, dass man sich gegenüber dem Leid der Anderen unempfindlich macht und sich entsolidarisiert. Und nicht zuletzt fällt das Motiv der Ausbeutung weg, also zum Beispiel Tiere zu vernutzen, um sie für den Markt zur Ware zu machen und für den Gewinn und die Kapitalakkumulation zu verwerten. Es stellt sich somit mit Blick auf eine Gesellschaft, in der die Menschen befreit sind, die Frage, ob diese Gesellschaft Tiere jedoch noch immer in Knechtschaft halten und die natürlichen Lebensgrundlagen zerstören wird. Das heißt freilich nicht, dass es mit der Beseitigung der Herrschaft des Kapitals automatisch keinerlei interspezifische und zwischenmenschliche Herrschafts-, Gewalt- und Machtverhältnisse mehr gibt. Aber wir können heute nur die gegenwärtigen Gesellschaftsverhältnisse zu überwinden versuchen und diese werden maßgeblich durch die Klassenherrschaft bestimmt. Damit in der zukünftigen Gesellschaft nicht nur die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur aufgehoben ist, sondern alle Gewalt- und Unterdrückungsverhältnisse beseitigt sind, werden vielleicht weitere Kämpfe notwendig sein.
Knoti: Oi, da stellst du mal ne Frage. Ich denke, dass für jede Transformation eine Krise der bestehenden Gesellschaft die Bedingung ist. Wenn das herrschende System mit der Krise umgehen kann und eventuellen Widerstand vereinnahmen kann, überlebt es. Wenn die Krise aber zu stark ist oder das System zu starr, dann zerbricht es am Widerstand. Wir müssen uns v.a. in Krisenzeiten gut organisieren und versuchen, viele Leute zu mobilisieren, damit wir die Krise emanzipatorisch überwinden können. Ich würde aber nicht von einer absolut herrschaftsfreien Gesellschaft sprechen, weil die Geschichte nie stehen bleiben wird, sondern immer weitergehen: Selbst wenn wir alle heute waltende Herrschaft abgeschafft haben, wird es immer noch etwas zu verändern oder verbessern geben und das ist auch gut so. Die Idee eines „Endzustands“ einer absolut freien Gesellschaft halte ich für Überbleibsel vom christlichen Denken. Das soll uns nicht daran hindern nach einer freien Gesellschaft zu streben und zu versuchen Herrschaft zu bekämpfen, denn auch schon eine „ein gutes Stück freiere“ Gesellschaft wäre ein großartiger Sieg unserer Bewegung.

Kontakt, Infos, Material:
http://tierbefreiung2blockupy.blogsport.de/

Anmerkungen:
(1) http://tierbefreiung2blockupy.blogsport.de/images/Frankfurt_Flyer.pdf
(2) http://zinelibrary.info/files/Marcuse-Der%20eindimensionale%20Mensch.pdf
(3) http://www.cleanclothes.org/
(4) Das Commons-Prinzip: Ressourcen so offen wie möglich allen zur Verfügung zu stellen - eine Art „open source“-Einstellung, ein „Alles für Alle“. Solidarisches Wirtschaften bedeutet nicht, komplett „auszusteigen“. Wichtigstes Prinzip bei den Commons ist, Besitz und Eigentum zu unterscheiden. Etwas wird besessen, solange es aktiv benutzt wird. Eigentum aber kann verkauft werden. Dies können Gegenstände sein oder auch Fertigkeiten und Wissen - kurz: Ressourcen
(5) http://www.kripo.uzh.ch/wp-content/uploads/Horkheimer-Max-Der-Wolkenkratzer.pdf
(6) http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Tierschuetzer-blockieren-Schlachterei,wietze248.html
(7) http://antiindustryfarm.blogsport.de/2014/01/31/v-mann-enttarnt-stellungnahme-der-kampagne-lpt-schliessen/
(8) http://www.greenisthenewred.com/blog/aeta-101/313/
(9) http://www.projektwerkstatt.de/antirepression/haupt.htm
(10) https://www.facebook.com/NonHumansFirstDeclarationSupportersPage

 

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