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Gefangen im Safe(r) Space?

In Punk-, Hardcore- und Metal-Szenen ist ein lebhafter Moshpit immer noch der eigentliche Indikator für eine erfolgreiche Show. Hier sind aber auch immer öfter sexistische Verhaltensweisen zu beobachten und hier finden auch sexuelle Übergriffe statt.

Ein Grund, warum immer mehr Bands und Einzelpersonen sogenannte "safe spaces" einfordern. Sichere Räume, damit sich Frauen*(1) frei fühlen können. Im Konzept der Safe spaces geht es darum, Räume für Frauen* zu schaffen, in denen sie freies Denken und Handeln erproben und ausleben können. Der "Schutzraum" ist also ein ideeller und idealer Ort, der eine Entwicklung nach eigenen Maßstäben ermöglichen soll, in denen Grenzen verschoben, Geschlechter und Identitäten erfinden werden können.
Autorin Hannah Ewens vom britischen THE GUARDIAN(2)prophezeit, dass in Zukunft viele Bands auf ihren Shows Mosh Pits verbieten und stattdessen sogenannte „Safe Spaces“ einführen werden – vor allem um zu gewährleisten, dass sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen* aufhören und diese sich eben sicher fühlen.

Die Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt der letzten 30 Jahre sind in vielerlei Hinsicht von Punk inspiriert: sei es in SlutWalk-Gruppen, sei es im Riot Grrrl. Schutzräume gibt es bereits auf Ladyfesten, wo das Orga-Team Awareness(3)-Arbeit leistet. Awareness ist ein Konzept, welches sich mit Problematiken von körperlichen und psychischen Missachtungen von persönlichen Grenzen bis hin zu Gewalt beschäftigt. Verletzendes und grenzüberschreitendes Verhalten, wie z.B. sexistische, rassistische, homo-, transphobe, ableistische oder vergleichbare Übergriffe, werden im Awarenesskonzept nicht toleriert. Diskriminierungen und Grenzen verletzendes Verhalten werden als solche benannt, ebenso deutlich wird einem solchen Verhalten entschlossen entgegengetreten und Betroffene werden unterstützt. Wir merken oft gar nicht, wenn wir Andere unfair oder unreflektiert behandeln. Das liegt meist daran, dass wir uns der eigenen so genannten Privilegien – Hautfarbe, Begehren, geschlechtliche Identität, Alter, körperliche Einschränkungen, Geld usw. – nicht bewusst sind. Und deshalb die gegebenenfalls andere (gesellschaftliche) Position unseres Gegenübers ebenfalls nicht bewusst haben und erkennen.
Sexismus ist kein Vorfall (oder Meinung), der sich ab und zu mal zufällig ereignet, in einem ansonsten sexismusfreien Leben. Sexismus ist eine Struktur im alltäglichen Leben jeder Frau* und nur eine von vielen weiteren Diskriminierungsformen wie z.B. Rassismus, Klassismus, Ableismus. Wenn zum Beispiel über einen männlichen Musiker gesagt wird, er macht schräge Musik, ist es ein Kompliment für seine kreativität, seinen Punk-Spirit. Wenn dasselbe über eine Musikerin gesagt wird, schwingt mit, sie kann es halt nicht besser, irgendeine Form von Minderwertigkeit kommt aus ihr raus. Die Frauen, auch im Punk, sind immer "das Andere, das Komische". Sie werden stigmatisiert als "Female fronted/Punk mit Frauengesang".

Darüber hinaus gibt es andere Orte, an denen sich (queer)feministische Gruppen mit der Thematik auseinandersetzen. Dabei gibt es auch Kritikpunkte an den Begriff des Schutzraumes an sich. Denn auch ein Frei- oder Schutzraum kann nicht völlig frei von Sexismus, Rassismus und Homophobie sein.
In ihrem Buch "Mapping Gay LA" verfolgt die Gelehrte und Aktivistin Moira Kenney Mitte der 60er Jahre den Beginn der Idee des "sicheren Raums" für schwul-lesbische Bars. Mit den Anti-Sodomie-Gesetzen, die immer noch in Kraft waren, bedeutete ein sicherer Raum irgendwo, wo mensch in guter Gesellschaft sein konnte - zumindest bis die Cops auftauchten. Schwule Bars waren nicht "sicher" in dem Sinne, dass sie frei von Risiken waren, noch waren sie "sicher" oder für Schwule reserviert. Ein sicherer Ort war, wo Menschen einen praktischen Widerstand gegen politische und soziale Repression finden konnten. Ein sicherer Raum war nicht frei von innerer Uneinigkeit, aber es bedeutete eine Hingabe an ein gemeinsames politisches Projekt.
Frauenräume wurden vor allem seit den 1970er Jahren von der Frauenbewegung gefordert. Ziel war es, autonome feministische Räume zu schaffen, die eine Gegenöffentlichkeit zur männlichen Öffentlichkeit bilden, in denen Frauen unter sich sind, sich über ihre gesellschaftlichen Erfahrungen als Frauen austauschen und sich gegenseitig unterstützen können. Der Rahmen der Frauenräume ermöglichte es den NutzerInnen u.a. neue soziale Realitäten zu erleben und mitzugestalten, Selbstbestimmung zu erfahren, andere Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln und eine politische Identität auszubilden. Es gibt praktisch keine Möglichkeit, einen Raum von zwei Menschen zu erschaffen, der nicht die Reproduktion einer ungleichen Machtbeziehung beinhaltet.
Die Unterschiede, die es innerhalb der Gruppe "Frauen" gibt, wurden schon bald nach der Etablierung der ersten Frauenräume deutlich: Lesben waren in einigen Räumen unerwünscht, heterosexuelle Frauen wollten Räume frei von sexuellem Begehren.
FaulenzA(4)hat das in ihrem Buch „Support your sisters“(5)aufgegriffen, weil sie sich häufig damit auseinandersetzen muss. FaulenzA spielt Trans*Pride-HipHop und Singer/Songwriter Musik. Sie ist eine trans*Frau und politische Aktivistin in queeren und linken Bewegungen. Unterstützt durch das Berliner Label „Springstoff“ bietet sie Konzerte an sowie Workshops zu den Themen „Selbstbehauptung/Selbstverteidigung“ und „Trans*misogynie“.
 FaulenzA beleuchtet die Auswirkungen von lebenslangen Ausschlusserfahrungen, die ein selbstbewusstes Auftreten erschweren und es so Betroffenen auch in vermeintlichen Safe Spaces schwierig machen können, sich ihren Raum zu nehmen. In der feministischen Szene gibt es oft ein ganz komisches Denken über Transfrauen. Diese müssen sich oft Dinge anhören wie: „Du bist doch eigentlich ein Mann, willst du dich nicht mit deinen männlichen Privilegien auseinandersetzen anstatt dich nur in unseren feministischen Räumen breitzumachen.“ Dann gibt es ja auch FLTI-Räume, die ganz offen Transfrauen ausschließen, und reine Frauenräume, die keine Transfrauen wollen.

Es besteht die Gefahr, den "sicheren Raum" in einen reglementierten Bereich umzuwandeln, der Meinungsfreiheit untergräbt. Zum einen wird das Streben nach dem Ideal unerreichbar sein. Ein anderer Kritikpunkt ist, dass es Uneingeweihte entfremdet, besonders, wenn diejenigen mit der Definitionshoheit glauben, dass wahrer Respekt nur in ihrem eigenen Dialekt artikuliert werden kann. Ein dritter Kritikpunkt ist, wenn mensch nicht aufpasst, kann die Forderung nach einem sicherem Raum selbst bestehende Machtverhältnisse und Ausschlüsse reproduzieren. Zentral für dieses Milieu ist die Annahme, dass Sprache das Denken strukturiert. Dabei birgt es die Gefahr von Scheinrealitäten in dem Sinne, dass, wenn wir jetzt anders darüber reden, dann ist das auch anders. Allerdings soll dies nicht heißen, dass Schutzräume an sich in Frage gestellt werden sollen. Schließlich ist die Einrichtung eines Schutzraumes ein Freiraum, der als ein feministischer Kampf errungen wurde und nicht selbstverständlich ist. Frauen*(schutz)räume entstehen durch die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strukturen und das soziale Handeln untereinander. Es sollte aber auch ein öffentlicher Dialog stattfinden, eine Debatte darüber, wie das Bestreben nach sozialer Gleichstellung und Abbau diskriminierender Zustände grundsätzlich unterstützt werden kann, welche Instrumente hierfür hilfreich sind und sich bewusst mit dem auseinandersetzt, was Unbehagen und/oder selbstschädigende Reaktionsmuster auslöst. Ohne diesen offenen Dialog besteht ansonsten die Gefahr, dass Schutzräume wie ein Label aussieht, das aussagt: "Warnung" und verhindert, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam überlegen, wie sie sich und die Welt gleichzeitig verändern können.

Fußnoten:

(1) Durch das Sternchen soll aufgezeigt werden, dass nicht nur diejenigen, die dem Bild entsprechen, gemeint sind, sondern alle, die sich als Frauen* definieren.
(2) https://www.theguardian.com/music/2017/may/05/dance-of-death-are-the-days-of-the-moshpit-numbered
(3) to be aware = sich bewusst sein, sich informieren, für gewisse Problematiken sensibilisiert sein
(4) http://www.faulenza.blogsport.de/
(5) https://www.underdog-fanzine.de/2017/06/15/support-your-sisters-not-you-cisters/

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