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Tierbefreiung #98

Tierbefreiung #98
Tierbefreiung #98

Tierbefreiung #98
96 DIN-A-4-Seiten; €4,00.- 
die tierbefreier e.V., Postfach 160132, 40564 Düsseldorf
http://tierbefreier.org
Mit dem Schwerpunkt "Rechte Strukturen zerschlagen" thematisieren die AutorInnen einerseits den zunehmenden salon- und mehrheitsfähigen Nationalismus, den nicht nur AfD, Identitäre Bewegung und neurechte Gruppierungen ideologisch propagieren, sondern der auch vermehrt von großen Teilen in der Gesellschaft akzeptiert, toleriert und als zentrales Prinzip mit der (Leit)Kultur des eigenen Landes verstanden wird.

Darüber hinaus sucht die extreme Rechte Anschlussmöglichkeiten in subkulturellen Bereichen wie auch in vegane Communities und in der Tierrechts-, Tierbefreiungsbewegung. Beim Thema Tier- und Umweltschutz geht es den Nazis nicht um die Sache an sich, sondern vielmehr um die Sicherung der "Lebensgrundlage" der deutschen "Volksgemeinschaft". Insofern scheint es auf den ersten Blick kaum unterscheidbar, wenn sich Neo-Nazis und TierrechtlerInnen in Sachen Tierrechte und Naturschutz engagieren. Im Fokus der extremen Rechten liegt bspw. das Schächten. Hier wird die Verbindung zum Antisemitismus und der Islamfeindschaft offenbar. Also erst im tiefgründigen Kontext lassen sich Unterschiede und rassistische Merkmal ausmachen. Dabei werden auch Codes und Schlagworte aus der politischen Linken kopiert und abgewandelt. Unter dem Motto "Tierschutz ist Heimatschutz" werden reinrassige Merkmale in der Zucht in die neurechte, ethnopluralistisch-rassistische Theorien eingebunden, nach der die "Völker" (sic!) unter sich bleiben und sich nicht mischen sollten.
Colin Goldner hatte bereits in einem erschienenen Artikel "Der braune Rand der Tierrechtsbewegung" (aus: Der Rechte Rand 108 Sept./Okt.2007, S. 21ff) beschrieben wie und mit welchen Strategien die extreme (neue) Rechte versucht, in der Tierrechtsbewegung mitzumischen. Erfolg hat sie vor allem dort, wo TierschützerInnen/TierrechtlerInnen/VeganerInnen der Meinung sind, dass im Kontext "Hauptsache für die Tier" jedwede solidarische Unterstützung notwendig und wichtig ist und dabei die politische Gesinnung keine Rolle zu spielen scheint. Das steht im klaren Widerspruch zum Ausbeutungsargument, nach dem es in der Sache um die Befreiung von Mensch und Tier geht, was einen Kampf gegen Unterdrückungsformen einschließt. Diese werden in der rassistischen Ideologie jedoch propagiert und steht im Widerspruch zur Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Als bekannte SprecherInnen der Neurechten erwiesen und erweisen sich insofern wortführende Figuren der Tierrechtsszene wie Barbara Rütting, Stefan Bernhard Eck, Martin Balluch oder Helmut Kaplan, die die eine Unterwanderung der Tierrechtsszene von rechts philosophisch befeuern und/oder befördern.
In der aktuellen Ausgabe gibt es auch eine historische Aufarbeitung des Tierschutzes in der NS-Zeit. Schon im Jahr 1933 verabschiedeten die Nationalsozialisten das erste Tierschutzgesetz („Reichstierschutzgesetz“) in Deutschland. Für sie war bereits damals der Tierschutz ein populäres Thema, das genutzt wurde, um JudInnen mit Tierschutzargumentationen zu diskriminieren. Im selben Jahr wurde das Schächten - eine Schlachtart, bei der das Tier zum rückstandslosen Ausbluten gebracht wird - vom Reichstag unter Strafe gestellt. Das Gesetz beinhaltete, warmblütige Tiere beim Schlachten vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben.  Ein weiterer wesentlicher Inhalt des Gesetzes verbot sämtliche Tierversuche an lebendigen Tieren, auch Vivisektion genannt, welches Hermann Göring als Erlass auf den Weg brachte. Diese Versuche wurden später auf grausame Weise an Häftlingen in den Konzentrationslagern durchgeführt. Das Gesetz gehörte den ersten und in erheblichem Maß propagandistisch verwendeten Gesetzgebungsmaßnahmen der NS-Zeit an. Es bediente eine Vielzahl weit Verbreiteter antisemitischer Feindseligkeiten und schränkte die religiösen Freiheiten der Juden erheblich ein.

Gesamteindruck:

Die Sympathie für Tiere wird von der extremen Rechten instrumentalisiert, um auf antidemokratische, antiemanzipatorische und rassenbiologische Positionen überzuleiten. Die vermeintlich progressiven Inhalte fungieren als Fassade für extrem rechte Ideen. Tierschutz scheint dafür geeignet, um mit gesellschaftskritischem Anstrich und der der national-ökologischen Strategie neue AnhängerInnen aus gänzlich anderen Kontexten zu gewinnen. Ein "Hauptsache für die Tiere" ist als Slogan für Demos u.ä. nicht ausreichend formuliert, wenn mensch nicht Gfahr laufen will, dass dieses Motto auch von der extremen Rechte übernommen wird. So müssen im auch Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse impliziert werden, um sich klar von einer rassistischen Ideologie abzugrenzen. Es darf kein Grauzone geben, in der die extreme Rechte Anschlussmöglichkeiten findet und im obigen Sinne des Slogans eine Solidarität für die Tiere politische Gesinnungen ausgeblendet wird, die Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen produzieren. Aus diesem Grund kann der Neonazi nicht zum Bündnispartner für die Tierrechtsbewegung werden, denn die extrem rechten Ideologie produziert Unterdrückung, Ausbeutung und Herrschaft. Neo-Nazis haben mit der Utopie der Befreiung von Mensch und Tier nichts zu tun. Dieses zu erkennen bedarf eines genauen Blicks auf den Kerngedanken unter dem Deckmantel. Wenngleich viele der Artikel bereits älter und an anderer Stelle veröffentlicht worden sind, bleibt die Brisanz des Themas aktuell, was auch das Interview mit einem Aktivisten im Umgang mit der Rechtsoffenheit in der Tierrechtsgruppe aufzeigt.

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