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Die Vergeschlechtlichung des Körpers im Sport

Wenn Frauen*1 im Sport aktiv sind, werden sie als Agierende nicht selten objektiviert, auf ihren Körper reduziert. Des Weiteren gibt es Sportarten, die nach landläufiger gesellschaftlicher Meinung und Wahrnehmung rein männerdominiert sind. Disziplinen, für die das gilt, gibt es einige (bspw. Radsport, Motorsport, Fußball). Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet dort die sexuell aufgeladenen Rituale, die das Heldentum der Heroen herausstreichen sollen, besonders leidenschaftlich gepflegt werden.

Die Nummerngirls beim Boxen sind schon immer unnötig gewesen wie die Grid Girls (früher sprach mensch abwertend von Boxenludern) beim Motorsport: Kein Faustkämpfer braucht eine Frau, die ihn daran erinnert, wie viele Runden lang er sich schon geprügelt hat, kein Rennfahrer eine Startplatz-Einweiserin. In diesen Sportveranstaltungen sind Frauen visuell aufreizendes Beiwerk, denn Frauen sind visuelle Appetizer für Kameras, TV-Bilder und (zumeist) männliche Zuschauer. Im Radsport, im Motorrennsport, am und im Boxring dürfen sexy Frauen in knapper Kleidung winken, klatschen und den „Heroes“ Blumen, Trophäen überreichen. Auf die Vermarktungsspitze trieb es die Modefirma Hugo Boss und sorgte mit ihrer Idee 2004 für Aufregung. Der Turniersponsor hatte die Ballmädchen beim Tennis-Masters in Madrid kurzerhand durch Fotomodels ausgetauscht. In Spaniens Regierung wurde schnell der Vorwurf des Sexismus laut. Medien titelten dabei „Models lassen Bälle springen“.

Fotomodel als Ballmädchen
Fotomodel als Ballmädchen

Demgegenüber rücken Frauen, die aktiv Sport betreiben, mit ihrem Körper in den Fokus größer Aufmerksamkeit. Es ist diese ambivalente Aufmerksamkeit, die die Aufgeregtheit auslöst, die Geschlechter-normative  Rollenklischees produziert, aber auch Fragen nach der Eindeutigkeit, Selbstverständlichkeit sowie Natürlichkeit von Körpern im Sport häufiger und kritischer als früher aufwerfen und dabei die Spannung zwischen voyeuristischen Blick und leistungsbezogenen Inhalten akzentuiert.

Feministische Analysen, (Dis)Ability Studies und Queer Theories, poststrukturalistische Betrachtungen zur kulturellen Konstruktion von Gesundheit, Fitness, Befähigung, Leistung, Schönheit usw., Studien zum Projekt Körper und den Versuchen, ihn für Berufswelt und erfüllter Freizeit zu optimieren – all das ist inzwischen ein nicht mehr zu übersehender Teil der gegenwärtigen sozio-kulturellen Auseinandersetzungen um diese Themen, auch oder vielleicht sogar, weil ihre öffentliche Akzeptanz bisweilen noch immer gering oder zumindest umstritten ist.

«Sport spielt eine wesentliche Rolle bei der Verschmelzung biologischer Voraussetzungen und soziokultureller Praktiken, auf der die heteronormative Geschlechterordnung aufbaut.»

Körper sind für das allgemeine Verständnis dessen, was Sport ausmacht, zentral. Sport treiben, das heißt den eigenen Körper zu bewegen, mit ihm hoch oder weit zu springen, möglichst schnell über eine bestimmte Distanz zu laufen oder mit seiner Hilfe ein Sportgerät einzusetzen. In zahlreichen Sportarten ist es üblich, Körper vor dem Sport zu beurteilen und in Gruppen einzuteilen, um ‚faire‘ Wettkämpfe zu gewährleisten (bspw. Trennung nach Geschlechtern). Im Sport verschieben sich Perspektiven und Wertigkeiten. Während im TV laufend über die männliche Fußballwelt berichtet wird und das auch kommerziell „ausgeschlachtet“ wird, bekommen fußballspielnde Frauen* sehr wenig Sendezeit und Resonanz. Die Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland macht die Bedeutung von Sport und besonders Fußball als gegenwärtigen Nationalsport in der Konstruktion und Aufrechterhaltung der binären Geschlechterordnung deutlich, indem er den Beweis männlicher Überlegenheit liefert und somit männliche Herrschaftsansprüche und die Exklusion und Marginalisierung von Frauen rechtfertigt. Hier zeigt sich: Sport spielt eine wesentliche Rolle bei der Verschmelzung biologischer Voraussetzungen und soziokultureller Praktiken, auf der die heteronormative Geschlechterordnung aufbaut.
Die gesellschaftlich festgeschriebenen Geschlechtererwartungen werden in spezifischen Kontexten und sozialen Räumen auf unterschiedliche Weise inkorporiert. Sport ist als sozialer Raum von zentraler Bedeutung, da hier bestimmte Körperpraktiken eingeübt und Geschlechtskörper und -identitäten inszeniert werden. So lernen Jungen entlang einer Schablone gesellschaftlicher Normen von klein auf, ihren Körper auf qualifizierte Weise als Kraftmittel einzusetzen. Die dabei zugrunde liegenden Geschlechternormen beruhen auf der Konstruktion von Differenz zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, die als gegensätzlich und komplementär verstanden werden.
Gleichzeitig ist Sport aber auch ein Raum, in dem Geschlechtergrenzen aufgeweicht werden, indem Frauen ‚männlich’ besetzte Körper- und Bewegungsformen annehmen und körperliche Leistungen erreichen, die die Fähigkeiten vieler Männer weit übersteigen. Ein Körper, der sich auf diese Weise den gesellschaftlichen Erwartungen an seine Geschlechtlichkeit entzieht und eine eindeutige Kategorisierung nach heteronormativem Schema verweigert, erzeugt Irritation. In gewisser Weise ist daher der Frauenkörper, der in den Bereich des Sports vordringt, immer schon suspekt.
Fußball als ‚männlicher Sport’ par excellence dient hier als paradigmatisches Beispiel. Wie Matthias Marschik2 schreibt, birgt allein die Anwesenheit von Frauen im „fußballerischen Männer-Raum“ das Potenzial für alter-native Bedeutungsproduktionen, indem Fußballerinnen gleichzeitig als Frauen und entgegen den Erwartungen an Frauen agieren: „Der Frauenfußball durchbricht per se den geschlechtsfixierten Raum“. Dies klingt widersprüchlich, erscheint doch Frauenfußball zunächst einmal als ein in besonders hohem Maß geschlechtsfixierter Raum, der die Frage nach der ‚Weiblichkeit‘ der Spielerinnen in den Vordergrund stellt.
Auf dem Bundestag des DFB 1955 beklagten die Funktionäre Frauen im Fußball: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“ (DFB Jahrbuch 1955). Schließlich wurde aus „ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen“ den Vereinen unter Androhung von Strafe verboten, Frauen-Abteilungen zu unterhalten und eigene Plätze für Frauen freizugeben. Es dauerte einige Jahrzehnte bis sich der DFB zu einer expliziten Förderung und Entwicklung des Mädchen- und Frauenfußballs durchringen konnte und schließlich die FIFA Weltmeisterschaft der Frauen 2011 mit großem Einsatz austrug.
Mit der Aufhebung des Verbots erfuhr der Frauenfußball nach und nach mediale Aufmerksamkeit. In der ersten Phase der Berichterstattung dominierte bis zum Gewinn der Europameisterschaft 1989 eine exotisierende Darstellung: Spielerinnen wurden verniedlicht, mit Fokus auf ihr Äußeres sexualisiert und Geschlechterdifferenzen durch die Inbezugsetzung von Spielpraxis und vermeintlich weiblichen Eigenschaften wie Gefühlsbetontheit oder Sprunghaftigkeit naturalisiert. Journalistisches Bildmaterial diente zur Untermalung der durchaus ambivalenten Bewertung des neuen Frauensports. So illustrierte DER SPIEGEL mithilfe einer brutalen Zweikampfszene und dem Untertitel „Kampf im deutschen Frauenfußball – Widerliches Fressen für Voyeure“3 die ‚Unweiblichkeit’ des Fußballs, während die FAZ mit Bildern von Freude und Torjubel eine positive Bewertung des durch den Frauenfußball womöglich angeregten Wandels in den Geschlechterrollen untermalte. Durch den Titelgewinn 1989 wurde die Sportpraxis kurzfristig „normalisiert“. Doch mit der sogenannten „Charme-Offensive“ zur WM 2011 und dem DFB-Slogan „2011 von der schönsten Seite“ sollte das Interesse der Öffentlichkeit, vor allem potenzieller Sponsoren und der Medien, geweckt werden. Der DFB vermarktete die Weltmeisterschaft nicht als Fußballturnier, sondern als verlängerten Laufsteg für elf kickende Models von ihrer schönsten Seite. Vor der WM posierten die Nationalspielerinnen in Werbespots bevorzugt mit Lippenstift und Schminkspiegel. Sponsoren und Medien griffen die marketingstrategische Sexualisierung des Sportlerinnenkörpers im Zuge einer zu beobachtenden „Boulevardisierung und Mediatisierung“4 der (Frauen)Sportberichterstattung auf. Fünf Spielerinnen posierten in der Juli Ausgabe 2011 für den Playboy.

Screenshot: Playboy, Ausgabe Juli 2011
Screenshot: Playboy, Ausgabe Juli 2011

Durch die Fokussierung auf den Körper in jenen Situationen, in denen er nicht sportlich aktiv im Einsatz ist, sondern für Fotoshootings oder Fernsehbeiträge inszeniert wurde und der Logik des inszenierten Marketings folgt, werden heteronormative Ideale bedient, Frauen* auf ihre Körperlichkeit reduziert und Körper vermarktet. Sexismus pur. Sinnbildlich hierfür kann die Ex-Nationalstürmerin Birgit Prinz und ihr Barbiepuppen-Äquivalent stehen, das als Sondermodell die Markteinführung der Fußball-Barbie begleitete. Während die Prinz-Barbie alle Eigenschaften der für diese Puppe typischen weißen Hyperweiblichkeit erfüllt (Wespentaille, Rehaugen, große Brüste), scheint sie die reale Erscheinung der Profispielerin Prinz zu verfehlen und wäre außerdem aufgrund ihrer Statur wie der viel zu dünnen Beine zum Fußballspielen gar nicht fähig.

Birgit Prinz mit Barbie-Pendant
Birgit Prinz mit Barbie-Pendant

 Die Stürmerin selbst hingegen trotzte jeglichen heterosexistischen Normierungs- und Vermarktungsversuchen, indem sie Interviews und Werbeauftritte auf das Nötigste reduzierte und ihr Privatlelen tabuisierte5. Sportlerinnen können mit subversiven Körperpraktiken immer wieder Vorstöße des queering6 wagen, das subversives Potential innewohnt. Sei es die augenscheinlich widersprüchliche Kombination von gender marker, die Aneignung männlich besetzten, also aggressiven und konkurrierenden Raum- und Interaktionsverhaltens, die Darbietung eines muskulösen und kompetent agierenden Körpers, die die heterosexistische Geschlechterordnung im sozialen Feld herausfordert.

Fußnoten:

1. Impliziert Inter*, Trans*Personen, Lesben, Bisexuelle

2. Frauenfussball und Maskulinität. Geschichte – Gegenwart – Perspektiven, Münster/Hamburg/London

3. DER SPIEGEL vom 8.11.1982

4. Stuttgarter Nachrichten vom 14.10.2000

5. Mehr zum Thema: Frauen am Ball! Eine sozialwissenschaftliche Studie über die Motive bei den Protagonisten der Legalisierung des Frauenfußballs im DFB 1970 https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-33213/Junker_Diss.pdf

6. Queering bedeutet, sich von zugewiesenen und konstruierten sozialen und sexuellen Geschlechterrollen zu emanzipieren und sich von ihnen zu lassen. Auslasssender Moment kann der Wille dazu sein, die Ablehnung der zugewiesenen Geschlechterrolle oder ein politisches Bewusstsein.

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