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Feminismus und Skateboarding

Girls Skate Lessons at Mekroyan Fountain, Kabul, Afghanistan in 2008
Girls Skate Lessons at Mekroyan Fountain, Kabul, Afghanistan in 2008

Die diskursive und verkörperte Resignifizierung der Mädchenhaftigkeit fordert das konventionelle Denken über Mädchen von heute und ihre Abkehr von einer feministischen Politik heraus. Wenn der Feminismus für jüngere Generationen relevant bleiben soll, muss er in Bewegung bleiben, um mit diesen und anderen Transformationen innerhalb der Mädchenhaftigkeit Schritt zu halten.

Frauen sind im Skateboardsport natürlich nicht neu. Seit das Skateboard in Kalifornien um die Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden wurde, spielten Frauen wie Patti McGee, Peggy Oki, Kim Cespedes und Laura Thornhill eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Sports mit Außenseiterwurzeln. In der kommerziellen Skateboard-Branche werden tatsächlich überwiegend Männer durch Sponsoren unterstützt und erst 1998 wurde Elissa Steamer bei Toy Machine als erste Frau unter Vertrag genommen.

Skateboarding produziert von Natur aus gesellschaftliche GrenzgängerInnen. Im Kern ist es ein Sport, bei dem SkateboarderInnen nach jeder sich bietenden Gelegenheit Ausschau halten, wie sie ihre Umgebung für ihre Zwecke nutzen können. Gelegenheit sehen. Skateboarding symbolisiert Spaß, Abenteuer (insbesondere Bereitwilligkeit, Neues auszuprobieren oder ein Risiko einzugehen), Vertrauen und Nonkonformität. So wird in der medialen Berichterstattung zumeist das Image einer rebellischen, widerständigen Subkultur vermittelt. In den 1970er Jahren war der/die flexible, kreative und schnelle SkateboarderIn tatsächlich in vielerlei Hinsicht eine Provokation. Die gesamtgesellschaftlichen Anforderungen waren Pünktlichkeit, kollektives Handeln, Disziplin, es war die Zeit der standardisierten Massenproduktion, es gab Karrieresicherheit und sozialstaatliche Sicherungen. Die Risikobereitschaft, Nonkonformität, Flexibilität und der Individualismus der Skateboarder war eine Kritik am genormten, standardisierten und langweiligen Kapitalismus, der gemeinhin als Fordismus bezeichnet wird. Mit ihrer Kritik, die in der Soziologie unter die Künstlerkritik fällt, haben SkateboarderInnen/KünstlerInnen eine neue Form des Kapitalismus ermöglicht: Dieser ist fresher, wenn mensch es so nennen möchte. Er saugt die individuellen Fähigkeiten, Träume und kreativen Potenziale der ArbeiterInnen auf und verspricht ein scheinbar individuelles, aufregendes und erfülltes (Arbeits-)Leben. Der/die subversive, riskante und individualistische SkateboarderIn (und KünstlerIn) wurde auf einmal zum role-model im postfordistischen Arbeitsmarkt. Hier stellt sich nun die Frage, wie es in der aktuellen historischen Lage um den rebellischen Geist bestellt ist. 

Wer sich im urbanen Raum über Verbote und Nutzungsverordnungen hinwegsetzt und so performativ das Recht starkmacht, den Raum nach Maßgaben zu rekonzeptionalisieren, welche nicht direkt in die Sprache der Profitmaximierung übersetzbar sind, der/die handelt subversiv. Ein(e) StreetskaterIn, der/die sich gerne bei seinen (subversiven) Tätigkeiten filmen lässt, pflegt auch sein/ihr Image. Gleichzeitig kann jemensch, der/die sich ausschließlich aus Imagegründen ein neues Skateboard gekauft hat, die Potenziale entdecken, welche in diesem kleinen Stück Holz stecken und den urbanen Raum mit anderen Augen sehen lernen. 

Wenn SkateboarderInnen sagen, die Stadt gehört uns (allen) und damit aus der Rolle Konsument heraustreten und Skateboarding in eigenem Recht praktizieren, dann gibt es hier politisches Potenzial. Es ist nicht so, dass der bloße Besitz eines Rollbretts oder das Skaten als Tätigkeit an sich politisch oder rebellisch sind. Die SkaterInnen selbst haben i.d.R. nur eins im Kopf: Wo kann ich gut skaten, welcher Raum entspricht meinen Bedürfnissen als SkateboarderIn? Wenn mensch sich die Selbstbeschreibungen der SkateboarderInnen anschaut, findet mensch immer ein Hauptargument: Skateboarding is fun. Das ist die wesentliche Triebkraft, welche SkaterInnen jeden Tag auf neue hinaustreibt. Diese starke und hedonistische Motivation ist wichtig, weil Skateboarding ja eigentlich eine sehr anstrengende, belastende und gefährliche Tätigkeit ist. Du musst raus in die Kälte (oder Hitze), dich mit PassantInnen und Sicherheitskräften auseinandersetzen und geht stets das Risiko ein, sich zu verletzen. Dennoch tut mensch es, weil es eine persönliche Befriedigung verschaffen kann. Natürlich können daraus politische Aktionen folgen, etwa, wenn SkateboarderInnen sich organisieren, um einen Platz zu verteidigen, von welchem sie vertrieben werden sollen. Aber das eine (Fun) kommt hier vor dem anderen (Politik). Die bedeutendste (konzeptionelle) Veränderung die SkateboarderInnen einem Raum verleihen können ist jedoch folgende: Der Raum gehört uns allen (oder vielmehr: sollte uns allen gehören) und er ist, was wir daraus machen.