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Food Waste - Im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung

Lebensmittel in der Tonne
Lebensmittel in der Tonne

Von den rund 54,5 Millionen Tonnen Lebensmitteln, die in Deutschland jährlich verbraucht werden, wird fast ein Drittel weggeworfen. Bevor sie überhaupt die VerbraucherInnen erreichen, enden sie schon im Abfall. Vieles davon ist noch genießbar, sogar original verpackt.

Warum ist das so?

Die Gründe dafür, dass Lebensmittel im Abfall landen, sind vielfältig und betreffen den gesamten Lebensweg der Waren. Häufige Gründe sind falsche Planung von Einkäufen und Mahlzeiten, falsche Lagerung bzw. Aufbewahrung von Lebensmitteln. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie Lebensmittel richtig gelagert werden und wie deren Qualität festgestellt werden kann. Viele verlassen sich auf das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), das umgangssprachlich auch fälschlicherweise Ablaufdatum heißt. Damit wird assoziiert, dass nach seinem Erreichen ein Lebensmittel ungenießbar wird. Aber auch zu große Lock-Packungen oder häufiges Außer-Haus-Essen sind Anlass zum Wegschmeißen. Bei der Produktion, beim Transport, in der Industrie, beim Handel, in Restaurants und Großküchen und bei den VerbraucherInnen, überall werden Lebensmittel entsorgt. Das alles summiert sich zu geschätzten zehn bis 20 Millionen Tonnen, die jährlich in Deutschland nicht gegessen, sondern in die Tonne geworfen werden. Weggeworfene Lebensmittel sind nicht nur ethisch und für die Gesellschaft ein Problem, sondern verursachen, angefangen von der Landwirtschaft über die Lebensmittelverarbeitung, den Handel bis hin zur Entsorgung durch die KonsumentInnen unterschiedliche Umweltauswirkungen.

Idealisierte Schönheitsbilder

Laut Schätzungen des WWF1 werden pro Jahr rund 35 Prozent der Kartoffelernte in Deutschland an einzelnen Stellen der Prozesskette aussortiert. Der Grund sind oft nur oberflächliche Makel der Knolle wie zum Beispiel schwarze Stellen oder Verformungen. Andere haben schlichtweg nicht die richtige Größe. Das Aussehen der Lebensmittel bestimmt also ob sie auf dem Teller landen oder gar nicht erst geerntet werden .Dabei gibt es kaum noch offizielle Handelsnormen, die solche optischen Kriterien festlegen. Und was passiert mit den Lebensmitteln, die aussortiert werden?
Im besten Fall landen sie bei der Tafel und werden an Hilfsbedürftige verteilt. Dies trifft aber nur für einen kleinen Teil der aussortierten Lebensmittel zu. Der Rest landet im Müll.

Weggeworfene Lebensmittel (oben) landen auf dem Teller (unten)
Weggeworfene Lebensmittel (oben) landen auf dem Teller (unten)

Auswege

So wie die Lebensmittelabfälle in verschiedenen Bereichen anfallen, gibt es auch verschiedene Ansätze, die Verschwendung zu verringern. Es gibt politische Initiativen, private Akteure sowie Unternehmen, die sich engagieren.
Fragwürdig im Zusammenhang mit der Lebensmittelverschwendung ist das Vorgehen der Supermärkte, die die Mülltonnen mit den noch genießbaren Lebensmittel unzugänglich machen. Die sogenannten Dumpsterer, „Mülltaucher“, machen sich strafbar, wenn sie die gefundene Ware mit nach Hause nehmen. Denn juristisch gesehen gilt Containern in Deutschland als Diebstahl (s. weiter unten im Text).
Containern ist die Verwertung bereits weggeworfener Produkte. Die totale Geringschätzung von Lebensmitteln und der ignorante Umgang damit ist wohl die stärkste Motivation für Containerer. Wenn mensch bedenkt, dass auf dieser Welt immer noch Menschen verhungern und zugleich einwandfreie Lebensmittel tonnenweise im Müll landen, ist diese Motivation nur verständlich.
Auch wird die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks als Grund zu Containern angeführt. Wer Lebensmittel kauft gibt deren Produktion quasi in Auftrag und verursacht so das Bestellen der Felder, den Einsatz von Pestiziden und meist den total sinnlosen Transport quer durch die Welt. Wenn die Lebensmittel aber containert werden ist quasi nie ein Produktionsauftrag erstellt worden und die Lebensmittel sind folglich ökologisch neutral. Ob die Containerer aber wirklich dazu führen, dass weniger Produkte produziert werden ist jedoch umstritten.
Natürlich gibt es unendlich viele andere Motivationsgründe zu containern. Ob es jetzt der Spaß an nächtlichen Aktionen, die Freude am total unregelmäßigem Ernährungsstil (einkaufen kann mensch immer das Gleiche, containern nicht) oder ob es die Möglichkeit ist, mit offenen Händen Lebensmittel verschenken zu können. So vielfältig wie die Containerer, so vielfältig ist auch deren Motivation.
 Oftmals werden Nahrungsmittel containert, da diese in großem Umfang von Supermärkten weggeworfen werden. Die Gründe dafür variieren. Mal ist das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, mal kam einfach eine neue Lieferung und für die älteren Sachen war kein Platz mehr, mal ist die Verpackung leicht beschädigt oder eine Sonderaktion ist zu Ende und die Produktverpackung dadurch nicht mehr aktuell. Auch sind die Supermärkte oftmals dazu vertraglich dazu verpflichtet ihre Warenregale (auch mit frischen Waren) bis Ladenschluss vollgefüllt zu haben, um den/die KonsumentInnen eine große Auswahl zu bieten.
 Rechtlich ist und bleibt der „Müll“ Eigentum des Supermarktes und geht bei Abholung in den Besitz des Müllentsorgers über (sogenanntes Übereignungsangebot). Containern gilt deshalb juristisch als Diebstahl, selbst wenn die Müllcontainer öffentlich zugänglich sind. Container stehen in der Regel auf dem Privatgrundstück des Supermarktes, der häufig umzäunt oder der Container sogar abgeschlossen ist. Sowohl das Eindringen in ein befriedetes Besitztum als auch die Sachbeschädigung sind strafbar2. Wer also auf unzugängliches Gelände eindringt und/oder Schlösser knackt, muss mit einer Strafe nach § 243 StGB (Besonders schwerer Fall des Diebstahls) rechnen. In einem aktuellen Fall3 wurden die Studentinnen Caro und Franzi strafrechtlich wegen „eines besonders schweren Fall des Diebstahls“ nach § 243 StGB verurteilt, weil sie weggeworfene Lebensmittel von einem Supermarktgelände "gestohlen" haben. Sie haben sich an die Öffentlichkeit gewandt, um auf die Lebensmittelverschwendung und die moralisch bedenkliche Gesetzeslage in Deutschland aufmerksam zu machen und weiter zu sensibilisieren. Mit einem Blog4 und einer großen medialen Außenwirkung haben sie sich klar gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und die Kriminalisierung der Lebensmittelrettung positioniert und einen öffentlichen Diskurs angeregt, warum Lebensmittel in großen Mengen weggeschmissen werden. Darüber hinaus haben es sich Caro und Franzi zur Aufgabe gemacht, sich zu vernetzen und sich für gemeinsame Ziele einzusetzen (wie der Entkriminalisierung der Lebensmittelrettung, Sensibilisierung für Ressourcenverschwendung und Konsumverhalten, etc.). Es geht also nicht um Empörung, sondern um Solidarität und Kritik an die Essens- und Nahrungsmittelpolitik.

Öffentlicher Diskurs

Caro und Franzis Fall und Verurteilung sorgte für Aufsehen und hat wichtige Fragen aufgeworfen: Warum Menschen kriminalisieren, verurteilen, die Lebensmittel retten? Was muss sich ändern?
Für Aufsehen sorgte auch der Dokumentarfilm "Taste The Waste", der 2011 in die Kinos kam. Valentin Thurn ging der Frage nach, wer aus Essen Müll macht, welche Folgen die globale Nahrungsmittel-Vernichtung für das Klima und für die Ernährung von sieben Milliarden Menschen hat.

Aachen containert
Aachen containert

Eine Vielzahl privater und staatlicher Initiativen engagiert sich gegen die Verschwendung und hat Lösungsansätze entwickelt. Denn in kaum einem anderen Bereich ist es so leicht, Abfälle zu vermeiden.
Christian Walter ist Containerer und Mitglied der SAV (Sozialistische Alternative). Er engagiert sich für nachhaltiges Wirtschaften und hat mit anderen die Initiative „Containern ist kein Verbrechen!“6 gegründet. Doch es geht nicht nur um eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen, sondern auch um die Frage, wie die Verhältnisse grundlegend und dauerhaft geändert werden können, um Ideen für eine bessere Welt. Das Containern geschieht im Allgemeinen bei Abfallbehältern von Supermärkten, aber auch bei Fabriken. Die Supermärkte werfen die Lebensmittel weg, weil zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist, die Verpackung Flecken oder Dellen hat oder angerissen ist oder weil es Überschuss an Lebensmittel gibt. Manche Filialen geben diese Lebensmittel zur Tafel, aber der einfachere Weg ist oft der Container. Ein großes Problem sind hier die VerbraucherInnen selbst, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn es um kurz vor 20 Uhr kein Kürbiskernbrot, sondern nur noch Bauernbrot gibt, wenn dein Lieblingsjogurt nicht mehr im Regal aufgefüllt verfügbar ist, dann geht der/die KonsumentIn in ein anderen Supermarkt. Also werden die Regale immer wider aufgefüllt. Am Ende landet der Großteil an Lebensmittel im Müll. Das ist für viele Menschen nicht länger hinnehmbar und beginnen mit direkten Aktionen: Containern, „Dumpster Diving“ oder „Mülltauchen“. In den USA wurde in den vergangenen Jahren eine breite Bewegung, die auch in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregte. Dumpster Diving ist dort, trotz einer ähnlichen Rechtslage wie in Deutschland, weiter verbreitet als bei uns. Dumpstern aus Protest, Konsumkritik als Lebenseinstellung, als ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Aber auch die gewerblichen LebensmittelnutzerInnen sind in den Fokus zu nehmen, die für 60 Prozent der Lebensmittelvernichtung verantwortlich sind.

Lebensmittel spenden und verschenken

Im Bereich Lebensmittelspenden gibt es keine gemeinsame EU-Politik, die Mitgliedsstaaten gestalten den politischen Rahmen selbst. In Holland ruft eine Supermarktkette ihre Kunden etwa gezielt auf, nach Produkten zu suchen, die kurz vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums stehen. Diese dürfen dann einfach umsonst mitgenommen werden.
In Frankreich verpflichtet ein Gesetz Supermärkte, Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum an Hilfsorganisationen zu spenden. Seit Februar 2016 ist es französischen Supermärkten mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern verboten, Essen wegzuschmeißen. Stattdessen sind sie verpflichtet, mit Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten, um ihnen noch konsumierbare Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum zur Verfügung zu stellen. Tun sie das nicht, drohen ihnen Strafen bis zu 3750 Euro pro Verstoß. Doch der französische Staat hat nicht nur ein Wegwerfverbot eingeführt, sondern Firmen haben bei Lebensmittelspenden auch finanzielle Vorteile haben. Wenn ein großer Supermarkt an eine Einrichtung wie die Tafel Waren im Wert von 100 Euro spendet, bekommt er von der Steuer direkt 60 Euro zurück. Und damit ist das Spenden sogar attraktiver, als die Ware zum halben Preis zu verkaufen. Und in Deutschland? Da hat sich die Bundesregierung zwar verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung zu halbieren: bis 2030. Doch konkrete Maßnahmen für Hersteller und Handel gibt es bisher nicht. Die Bundesregierung ist also gefordert, eine gesetzliche Initiative zur Verringerung der Lebensmittelverluste zu erarbeiten. Dafür wurde 2014 die Studie „Gesetzliche Bestimmungen und die Verfahren der EU-Mitgliedstaaten bezüglich Lebensmittelspenden“ („Comparative Study on EU Member States’ legislation and practices on food donation“) im Auftrag des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) erstellt. Die Studie stellt sowohl auf Seite der Lebensmittelspendenden als auch auf Seite der Lebensmittelempfangenden „rechtliche und operative Hindernisse fest, die der Umverteilung von unbedenklichen, essbaren Lebensmitteln in der EU im Wege stehen. Im Juni 2017 lehnte der Bundestag einen Antrag der Linken ab7, die das "Retten" von Lebensmitteln vor der Vernichtung entkriminalisieren wollten. Zudem sollten Lebensmittelhändler verpflichtet werden, aussortierte Ware an interessierte Menschen oder gemeinnützige Organisationen weiterzugeben. Die Unionsfraktion begründete ihre Entscheidung gegen den Antrag damit, dass Hausfriedensbruch und Diebstahl nicht geduldet werden dürfen. Ebenso wenig könnten Lebensmitteleinzelhändler per Gesetz verpflichtet werden, Ware zu verschenken.
Doch es gibt bereits auch in Deutschland konkrete auf Freiwilligkeit setzende Maßnahmen einzelner Supermärkte. Die mittelständische Supermarktkette AEZ in Fürstenfeldbruck bei München hat für ihre 10 Filialen ein eigenes Foodsharing-Projekt entwickelt. Hinter den Kassen wurde eine Box mit Regal und Kühlschrank installiert. Dort werden nun Lebensmittel hineingelegt, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist. Allerdings ist das sogenannte Foodsharing aufwendiger als die Lebensmittel einfach in den Müll zu werfen. Das gilt genauso, wenn Händler mit den Tafeln zusammenarbeiten. Verschiedene Supermärkte und Lebensmitteleinzelhändler spenden ihre aussortierte Ware regelmäßig an gemeinnützige Organisationen und landen nicht nur bei den Tafeln. Ehrenamtliche LebensmittelretterInnen sind beim Projekt "Foodsharing.de" aktiv, holen Lebensmittel ab und verteilen sie entweder in Regalen/Kühlschränken im öffentlichen Raum oder unter Gleichgesinnten. Auf der Webseite kann mensch sich registrieren, vernetzen und andere Mitglieder kennenlernen. Ein wichtiges Merkmal ist der Fair-Teiler, inklusive Karte mit Orten, wo Lebensmittel angeboten/mitgenommen werden können8.

Foodsharing

Die foodsharing-Initiative9 entstand 2012 in Berlin. Mittlerweile ist der Verein zu einer internationalen Bewegung mit über 200.000 registrierten NutzerInnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und weiteren europäischen Ländern herangewachsen. Die Mitglieder der foodsharing-Community arbeiten ehrenamtlich und unentgeltlich und kämpfen aktiv gegen Lebensmittelverschwendung. Sogenannte „foodsaver“ holen ehrenamtlich bei teilnehmenden Betrieben täglich oder wöchentlich Lebensmittel ab, die sonst entsorgt würden. Außerdem ist der Verein politisch aktiv und versucht, auf Gesetzesebene Veränderungen zu bewirken. Foodsharing stellt auch sogenannte Fair-Teiler zur Verfügung, also Regale und Kühlschränke im öffentlichen Raum, in die man gedumpsterte oder gefoodsavete Lebensmittel sowohl hineingeben, als auch frei entnehmen kann.
Ausweislich der von foodsharing e.V. öffentlich zur Verfügung gestellten Informationen sehen sich die „foodsharer“ selbst nicht als Lebensmittelunternehmen und verweisen dabei darauf, dass lediglich eine Lagerung zum privaten häuslichen Gebrauch vorliege und keine ausreichende Kontinuität der Tätigkeit, sowie kein ausreichender Organisationsgrad zur Einstufung als Unternehmen bestehe. In Berlin hatte die Lebensmittelaufsichtsbehörde 2016 die FairTeiler10 wegen Hygiene-Bedenken geschlossen: wegen unverpacktes Brot, aufgerissene und unbeschriftete Verpackungen oder welken Salat. Und ob die Kühlkette etwa bei Milchprodukten eingehalten worden sei, ließe sich auch nicht überprüfen. Darum sollen nach willen der Aufsicht  in Zukunft die BetreiberInnen der Fairteiler als Lebensmittelunternehmer eingestuft werden. Das hätte zur Folge, dass die Fairteiler in Geschäftsräumen stehen müssten, in den ein Verantwortlicher Buch führt über Spenden und Spender. Nur diese Person soll Lebensmittel in den Fairteiler legen dürfen, zudem müssten sie Lebensmittel vorher überprüfen und kennzeichnen. Das ist für die ehrenamtlichen FoodsharerInnen nicht leistbar. Dabei haben die Foodsharer eigene Regeln, die beachtet würden: Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum oder leicht verderbliche Waren wie Fisch oder Produkte mit Ei dürfen gar nicht in den Kühlschrank gelegt und "fairteilt" werden.

Ein Restaurant macht restlos glücklich

Der Verein RESTLOS GLÜCKLICH e.V. 11 hat das Ziel, Lebensmittel wieder mehr wertzuschätzen. Mit den Projekten möchte der Verein für das Thema sensibilisieren und Menschen dazu bewegen, nachhaltiger und bewusster zu konsumieren. Dazu bietet der Verein Bildungsprojekte und Kochkurse an. Zum Beispiel kochen Vereinsmitglieder mit Schulklassen oder geben Workshops und Kochkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Außerdem organisieren sie Caterings oder thematische Dinner-Abende. Dabei kochen sie mit überschüssigen Lebensmitteln und geben diesen eine zweite Chance. Ob krummes Gemüse, falsch etikettierte Ware oder Fehllieferungen – all diese Lebensmittel werden zu leckeren und originellen Gerichten verarbeitet. Jedes Lebensmittel ist wertvoll.
Die beiden Gründerinnen, Anette und Leoni, hatten keine Erfahrung in der Gastronomie, da haben sich viele komplexe Fragen ergeben. Viel haben sie sich selbst beigebracht. Außerdem gab es Unterstützung durch ein Stipendium vom Social Impact Lab in Kreuzberg, das Coachings und Infrastruktur zur Planung der Geschäftsidee beinhaltete. Natürlich ist ein solcher Verein auch auf Unterstützter angewiesen, die die Mission teilen: ‚denn’s Biomarkt‘ war von Anfang an der Haupt-Lebensmittelpartner der beiden Gründerinnen. Heute steht die Bildungsarbeit im Vordergrund. Anette und das restliche Team organisieren aktuell halbtägige Workshops an Grundschulen in Berlin. Die Workshops dauern vier Stunden und beinhalten neben einem ‚theoretischen Teil‘ zum Thema Lebensmittelverschwendung auch ein gemeinsames Kochen aus überschüssigen Lebensmitteln.

Foto: Restlos glücklich e.V.
Foto: Restlos glücklich e.V.

Fazit:

Über die Hälfte der Lebensmittelverluste könnten laut World Wide Fund for Nature (WWF) sofort und ohne zusätzlichen Aufwand vermieden werden. Dazu müssten in der globalen Erzeugungskette sorgfältiger mit den Waren umgegangen und gleichzeitig regionale Vermarktung und nachhaltiger Konsum gestärkt werden. Eine drastische Reduzierung der Lebensmittelverschwendung kann nur erreicht werden, wenn alle Beteiligten mit Lösungsansätzen und eigenen Zielvereinbarungen dazu beitragen. Und dies kann nur gelingen, wenn das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel steigt.

Bundesweit sind derzeit etwa fünf Verfahren wegen so genannten Containerns anhängig. In München wurden jetzt zwei Studentinnen zu acht Stunden Sozialarbeit und 225 Euro Geldstrafe auf Bewährung verurteilt, weil sie den Müllcontainer eines Edeka-Marktes knackten und mitnehmen wollten, was niemand haben wollte. Viele JuristInnen vertreten die Auffassung, dass die Angeklagten nach Paragraf 242 Strafgesetzbuch Diebstahl begingen. Zum besonders schweren Fall wird es, wenn der Müllbehälter gesichert war. Es dürfen sich nicht länger jene strafbar machen, die weggeworfene Lebensmittel retten. Daher ergeben sich aus unserer Sicht folgende Forderungen:

  • Containern entkriminalisieren, d.h. die Aneignung entsorgter Lebensmittelabfälle sollte von der Strafverfolgung ausgenommen werden
  • Lebensmittelabfälle sollte als "herrenlose" Sache definiert werden den Handel verpflichten, aus dem Verkauf genommene, genießbare Ware kostenfrei an interessierte Personen oder gemeinnützige Einrichtungen weiterzureichen
  • Ressourcen sollten so genutzt werden, dass sie gesamtgesellschaftlichen Interessen dienen – und nicht den Profiten von ein paar wenigen Unternehmen.

Die Bundesregierung bekennt, die Lebensmittelverluste bis 2030 halbieren zu wollen. Doch bis heute fehlt es an einer fundierten Erfassung der Lebensmittelverluste. Damit ist es auch nicht möglich nachzuweisen, ob überhaupt und was konkret erreicht worden ist. Wir brauchen eine abgestimmte Strategie zur Verminderung von Lebensmittelverlusten, die klare und verbindliche Zielvorgaben vom Produzenten über die Lebensmittelindustrie bis hin zum Handel und der Gastronomie erarbeitet. In Tschechien gibt es bereits ein Wegwerfverbot für genießbare Waren, das ein Model auch in Deutschland sein könnte. Um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren/zu vermeiden, ist aber nicht nur die Politik, sind nicht nur der Handel, die Unternehmen, Gastronomie in der Pflicht, sondern auch der/die KonsumentIn, also du.

Tipps und Apps

Fußnoten:

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