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Containern ist kein Verbrechen!

Überproduktion und Lebensmittelvernichtung bekämpfen
Christian Walter ist Containerer/Aktivist/Mitglied der Sozialistischen Alternative (SAV) und klärt mit seinem Buch „Volle Bäuche statt volle Tonnen“1 gegen Lebensmittelverschwendung auf. Was findet mensch in den Tonnen? Worauf sollte mensch achten, wenn mensch mit dem Containern anfangen möchte? Warum ist das Containern illegal? Doch es geht im Buch nicht nur um eine Auseinandersetzung mit den Problemen der Lebensmittelverschwendung, sondern auch um die Frage wie die Verhältnisse grundlegend und dauerhaft geändert werden können.

    In diesem Kontext engagiert sich Christian für nachhaltiges Wirtschaften und hat mit anderen die Initiative „Containern ist kein Verbrechen!“2 gegründet. Ein Grund dafür war die Strafanzeige gegen junge Aachener, die im Sommer 2015 von der Polizei in der Nähe eines Supermarkt-Müllcontainers aufgegriffen worden sind. Ihnen wurde vorgeworfen, dort containert zu haben. Das Bündnis nahm an Demonstrationen teil, organisierte öffentliche Container-Touren. 125.000 Unterschriften hat das Bündnis gegen die Kriminalisierung von Containernden erreicht. Einen Tag vor dem angesetzten Prozesstermin wurde das Verfahren eingestellt. Durch den Kampf haben Aktivist*innen Selbstbewusstsein erlangt, es wurden bundesweite Vernetzungen und damit bessere Bedingungen für kommende Auseinandersetzungen geschaffen. Das Containern an sich ist aber nicht entkriminalisiert – um das zu erreichen, forderten Aktivist*innen in einer Online-Petition3 und Unterschriftensammlung Gesetzesänderungen. Konkret ging es in der Forderung, zwei Paragrafen im Strafgesetzbuch und dem Bürgerlichen Gesetzbuch zu ändern, dass die Rettung genießbarer Lebensmittel und verwertbarer Sachen aus Mülltonnen/Sperrmüll nicht mehr strafbar ist, genießbare Lebensmittel sollen nicht länger auf dem Müll landen dürfen. Leider wurden die 50.000 erforderlichen Unterschriften/Unterzeichnungen nicht erreicht, was letztendlich bedeutet, dass „Lebensmittelretter*innen“ sich weiterhin strafbar machen.

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll, bei der Erzeugung und Verarbeitung, bei GroßverbraucherInnen, im Handel und in Privathaushalten. Welche Erkenntnisse haben bei dir zu einem geänderten Konsumverhalten geführt?
    Christian: Mit dem Containern angefangen habe ich vor etwa zehn Jahren, als ich in meine erste „eigene“ Bude gezogen bin und sehr wenig Geld hatte. Meine Motivation war also nicht primär, durch das Containern gesellschaftlich etwas zu ändern – das hat sich erst im Laufe der Jahre entwickelt.
Dabei glaube ich nicht, etwas direkt durch das Containern zu ändern, sondern durch die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit.
Das Containern setzt ganz am Ende der Verwertungskette an. Nach der Logik von Angebot und Nachfrage ändert sich das Angebot, wenn sich die Nachfrage ändert. Diese Logik lässt viele Faktoren außer Acht, wie Nachfrage entsteht: Keineswegs nur durch „natürliche Bedürfnisse“, die einfach so da sind. Nachfrage wird generiert, u.a. durch Werbung, Lockangebote und andere Tricks. Es ist also keineswegs garantiert, dass eine sinkende Nachfrage zu einem sinkenden Angebot und irgendwann vielleicht sogar zu einer sinkenden Produktionsmenge führt. Jedenfalls überlässt man den Lebensmittel- und Handelskonzernen die Macht, zu entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen. Und die haben notwendigerweise nur ihre Profite im Sinn. Ich wäre also eher dafür, am Anfang der Verwertungskette zu beginnen: Die Überproduktion drastisch zu reduzieren, die Produktionsmenge an die Bedürfnisse von Verbraucher*innen (und Umwelt!) anpassen.
Wenn ich containern gehe, veröffentliche ich Bilder der „Beute“ und nehme auch oft Interessierte mit. Ich zeige somit regelmäßig, wie viel allein in wenigen Supermärkten weggeworfen wird. Damit möchte ich Bewusstsein schaffen, skandalisieren, Leute animieren, gegen diesen Missstand anzukämpfen. Das eigene Konsumverhalten umzustellen ist sicher nicht verkehrt, aber viel zu wenig.

«Ein Überangebot - mit Lebensmittelvernichtung als Folge - (ist) untrennbar verbunden mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem und ein Kapitalismus ohne Lebensmittelvernichtung ist nicht denkbar.»

Warum werfen wir so viel weg?
    Christian: Man muss unterscheiden zwischen dem Wegwerfen bei Endverbraucher*innen und überall vorher.

Bei den Endverbraucher*innen spielen viele psychologische Faktoren eine Rolle:
    • Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird von vielen falsch verstanden als ein „Nach-Ablauf-ist-dieses-Produkt-garantiert-tödlich-Datum“. Dabei sagt dieses Datum nur aus, dass gewisse Mindeststandards garantiert sind, wie beispielsweise die Cremigkeit eines Joghurts, die Knackigkeit eines Brotes, die Farbe einer Marmelade. Gesundheitliche Faktoren spielen da eine völlig untergeordnete Rolle. Das Datum wird auch nicht von einer unabhängigen Stelle festgelegt, sondern von Handel und Industrie (gesetzlich festgelegt ist lediglich, dass ein Datum aufgedruckt sein muss). Und der Trend geht zu immer kürzeren „Haltbarkeiten“. Wenn Verbraucher*innen Produkte zu Hause wegwerfen, werden sie neu gekauft – die Konzerne freuen sich.
    • Kommerzielle Werbung existiert nur, um uns in Läden zu locken und Produkte einzukaufen, die wir sonst nicht mitnehmen würden. Würde Werbung sich nicht lohnen, würden nicht enorme Summen in sie investiert. Damit hat die kommerzielle Werbung einen großen Anteil daran, dass in Privathaushalten Lebensmittel weggeworfen werden.
    • Supermärkte sind streng wissenschaftlich aufgebaut. Angefangen von der Anordnung der Regale und anderer Verkaufsflächen, über die Lichtfarbe, die Höhe, in welcher verschiedene Produkte in Regale eingeräumt werden bis hin zu nicht riechbaren Stoffen, die gewisse Hirnregionen anregen und so verkaufsfördernd wirken sollen: All das und noch viel mehr wird eingesetzt, um uns zum Kauf von mehr Produkten zu bewegen, als wir benötigen. Würde es nicht funktionieren, würde nicht extrem viel Geld darein investiert.
    • Viele Lebensmittel sind völlig unnötig verpackt, gerade Obst und Gemüse. Kleinere Mengen sind dabei gemessen an der Menge deutlich teurer als größere Mengen. Klar, dass viele dann eher zu größeren Verkaufseinheiten greifen, auch wenn dann zu Hause das ein oder andere in den Müll wandert.
    • Und nicht zuletzt spielt auch eine Rolle, dass viele Menschen im oft stressigen Alltag und der zunehmenden Flexibilisierung des Berufslebens schnell mal Pläne umwerfen. Wenn ich gestern für heute gleich mitgekocht habe, heute aber spontan auf der Arbeit einspringen muss, kann es passieren, dass dieses Essen ungegessen in den Müll wandert. Viele Menschen aus der Öko-Bewegung nehmen das zum Anlass, über solche Leute zu schimpfen, da sie keinen Wert für das Essen empfinden würden. Da ist oft sicher etwas dran. Aber die Menschen sind so, wie sie sind. Außer, dass ich mich besser fühle, wenn ich mich davon abgrenze, hat eine solche Einstellung keinen Nutzen. Deswegen bin ich eher dafür, die Umstände zu ändern, die zum Wegwerfen auch in Privathaushalten führen.
     
Bei den Konzernen hingegen geschieht das Wegwerfen relativ planmäßig. Beispiel Supermarkt (ist aber im Wesentlichen übertragbar auf Erzeuger*innen, Industrie, Gastronomie):
    • Supermärkte wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung und peniblen Statistiken (heute läuft das über die Kasse automatisiert), wie viel sie wovon in welchem Zeitraum in welcher Region durchschnittlich verkaufen. Diese Durchschnittswerte schwanken natürlich, aber geben doch ein recht gutes Bild. Nur: Es wird immer deutlich mehr bestellt, als durchschnittlich abgesetzt wird. Das liegt daran, dass die Konzerne in Konkurrenz zueinander stehen und sich Kund*innen wegschnappen wollen. Dazu nutzen sie Werbung und dazu wollen sie garantieren, dass die Läden immer schön gefüllt sind, wenn Kund*innen kommen. Auch kurz vor Ladenschluss. Denn wenn jemand ein gewünschtes Produkt nicht bekommt, kann es ja passieren, dass sie*er zur Konkurrenz geht – der worst case aus Konzernsicht. Also bestellen Supermärkte nicht die durchschnittlich verkaufte Menge, auch nicht ein bisschen mehr, sondern deutlich mehr – die oberen statistischen Ausreißer werden als Messlatte genommen. Deswegen sind Überangebot (mit Lebensmittelvernichtung als Folge) untrennbar verbunden mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem und ein Kapitalismus ohne Lebensmittelvernichtung ist nicht denkbar.

Christian mit seinem Buch
Christian mit seinem Buch

Auf der einen Seite ist die Profitlogik der Industrie, auf der anderen Seite das Konsumverhalten der VerbraucherInnen. Mit welchen wirkungsvollen Maßnahmen kann der Kreislauf von Produzieren, Neukaufen und Wegwerfen durchbrochen werden?
    Christian: Es gibt Initiativen wie beispielsweise „Solidarische Landwirtschaften“, die nach genossenschaftlichen Modellen wirtschaften und damit auch relativ feststehende Abnahme- und Produktionsmengen haben. Das macht es für sie deutlich besser planbar als auf dem „freien Markt“, entsprechend schaffen sie es, kaum wegzuwerfen. Allerdings gibt es auch hier Tendenzen, Kooperationen mit (erst mal einzelnen, „sympathischen“) Supermärkten einzugehen – um die besonders guten, eigenen Produkte einem breiteren Publikum, über die recht begrenzte Öko-Szene hinaus, anzubieten. So was ist der Beginn vom Ende, denn damit akzeptiert man zwangsläufig die Regeln der Marktwirtschaft, die unberechenbar und unplanbar sind. Anderseits ist es nun mal so, dass nur eine recht begrenzte Szene sich für Konzepte wie die „Solidarische Landwirtschaft“ interessiert, und vielerorts fahren dann einzelne Haushalte mit dem Auto viele Kilometer bis zum Hof vor der Stadt, um sich ihre Wochenration abzuholen (vieles muss darüber hinaus weiter zugekauft werden). Der Spritverbrauch dabei ist sicher höher, als wenn man im Supermarkt um die Ecke einkaufen würde, der von viel effektiveren LKWs beliefert wird.
Ich will solche Initiativen damit nicht schlecht reden. Aber ich will davor warnen, zu glauben, nachhaltige Lösungen seien durch eine Umstellung des eigenen Konsumverhaltens zu erreichen. Man ist gefangen in dem System, das einen umgibt. Meine Perspektive ist deshalb ein grundlegender Systemwechsel: Ein sozialistisches System, eine demokratische Planwirtschaft. Hier könnte die gesamte Wirtschaft nach den Bedürfnissen von Mensch und Natur ausgerichtet werden, statt – wie heute – an Profiten.

Der/die VerbraucherIn kann auch die Rolle des politischen Akteurs übernehmen und sich legitime Konsumfreiheiten bedienen. Doch leider wird zu oft die Verantwortung des Konsumenten an die Industrie abgegeben. Hieraus folgt, dass nur die Politik für die Nachhaltigkeit des Konsums verantwortlich und eine individuelle Eigenverantwortung im Konsum zum Scheitern verurteilt ist...
    Christian: Richtig ist: Auf die profitorientierte Wirtschaft ist im Kampf um Nachhaltigkeit kein Verlass. Aber die Politik (zumindest die aktuellen Mehrheiten) stehen fest an der Seite der Konzerne.
Daraus sollte man nicht schlussfolgern, dass man die Verantwortung abgibt und den Kopf in den Sand steckt. Es gibt unendlich viele Beispiele dafür, dass gegen den entschiedenen Willen von Wirtschaft und der parlamentarischen Mehrheit Fortschritte durchgesetzt werden konnten. Dafür muss man den entsprechenden Druck aufbauen! Noch ein Grund, sich nicht in individuellen „Lösungen“ zu verlieren, sondern sich mit anderen zu organisieren und kollektiv etwas zu ändern.

Der/die EndverbraucherIn, der/die KonsumentIn ist mitverantwortlich für die Verschwendungssucht im kapitalistischen System, hat gleichzeitig auch die Macht, dieser entgegenzuwirken. Doch für viele scheint die Frage „Lohnt sich das überhaupt“ im Vordergrund zu stehen. Warum lohnt sich Containern für dich?
    Christian: Es gibt keinen Anbieter auf dem Markt, der nur so viel produziert, wie auch benötigt wird. Hingegen gibt es haufenweise Siegel, die gewisse Mindeststandards versprechen: keine Kinderarbeit, „fairer“ Handel, Bio, vegan und vieles mehr. Alle diese Siegel müssen sich rechnen, müssen auf dem Markt bestehen. Damit unterliegen auch sie marktwirtschaftlichen Grundregeln, wodurch Idealismus gegen Profitabilität gewechselt werden muss. Selbst die weitreichendsten Siegel wie Demeter im Bio-Bereich oder Gepa im Fairtrade-Bereich sind nicht so toll wie ihr Ruf. Wer konsumistisch etwas ändern möchte, ist aber auf solche Anbieterinnen angewiesen. Und an der Produktionsmenge – und damit der Wegwerfmenge – ändern diese Label sowieso nichts.
Ich bin etwas sauer auf solche Label. Denn sie machen Millionen Menschen Illusionen, ziehen ihnen das oft sehr begrenzte Geld aus der Tasche, und ein Großteil der Einnahmen verliert sich im Verwaltungsapparat. Die Chefs dieser Label bekommen deutlich höhere Löhne als die Erzeuger*innen, mit denen man angeblich auf Augenhöhe stünde.
Die Frage beim Einkaufen, welches Produkt sich mehr „lohnt“, finde ich von daher nachvollziehbar. Wenn ich einkaufe, kaufe ich auch eher billige Produkte – das gesparte Geld spende ich an sozialistische Kämpfe weltweit, die für die Erzeuger*innen in der neokolonialen Welt sicher mehr Nutzen bringen als angeblich „fairer“ Handel.
Das Containern lohnt sich für mich (neben dem Geldsparen und dem spaßigen „Schatzsuchen“-Aspekt), weil ich es einbette in meine Kritik an der heutigen Gesellschaft. Ich kann regelmäßig Bilder liefern von guten Lebensmitteln, die im Müll gelandet sind (auch Demeter- oder Gepa-zertifiziertes Essen wird weggeworfen). Ich kann Menschen mitnehmen und mit ihnen über Gründe diskutieren. Ich werde für Vorträge und Workshops eingeladen. Ich kann Menschen dabei unterstützen, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln – kritisch nicht nur gegenüber einigen „bösen“ Konzernen, sondern auch gegenüber angeblichen Alternativen! Kritisch gegenüber dem ganzen kapitalistischen System, das allen Playern auf dem Markt sehr enge Spielregeln setzt.

Bild: Christian Walter durchsucht einen Abfallcontainer nach Essbarem| Foto: privat
Bild: Christian Walter durchsucht einen Abfallcontainer nach Essbarem| Foto: privat

Ob Protest gegen Überproduktion und Kapital, aus der Not heraus, Stigmatisierung und Kriminalisierung...Was bedeutet Containern für dich und mit welchen Repressionen hast du/hattest zu tun und wie bist du damit umgegangen?
    Christian: Beim Containern sehe ich jedes Mal aufs Neue, wie viel gute Lebensmittel und andere Produkte weggeworfen werden. In diesen Gütern steckt menschliche Arbeitskraft, ein Stück Land (nicht selten stand da vorher ein Regenwald), Wasser (oftmals mit dem Produkt aus wasserarmen Regionen importiert), Energie (die Überproduktion rechtfertigt auch die umweltzerstörerische hohe Energieproduktion), Sprit für den Transport und vieles mehr. Würde das Essen nicht weggeworfen, könnten alle Menschen für gleiche Löhne weniger arbeiten und müsste weniger Energie produziert werden. Oder man könnt sich auf generell höhere Lebensmittelqualität konzentrieren, bei gleichen oder gar günstigeren Preisen. Beim Containern merke ich das jedes Mal wieder und es motiviert mich, für eine sozialistische Gesellschaft zu kämpfen.
Selbst wenn ich große Mengen Essen retten kann – Supermärkte sind nur eine Station auf einer langen Verwertungskette und überall wird weggeworfen.
Von Repression bin ich persönlich bisher relativ verschont geblieben. Ich wurde ein paar mal von Securities und ein Mal von der Polizei erwischt, aber juristisch sind darauf bisher keine Probleme gefolgt. Aber ich engagiere mich solidarisch mit anderen, die betroffen sind. Mit Erfolg:
Vor ein paar Jahren wurden in Aachen zwei junge Männer wegen Containern angezeigt. Dahinter stand die Staatsanwaltschaft. In anderen Fällen waren Filialleiter*innen oder Konzerne die Klägerin, da kann man relativ schnell ökonomisch Druck aufbauen, woraufhin die Klage oft zurückgezogen wird. Bei der Staatsanwaltschaft geht das nicht so leicht. Dennoch: Nach 14 Monaten Kampagne, Demonstrationen und Kundgebungen, öffentlichen Containertouren, fast 130.000 Online-Unterschriften und drei verschobenen Prozessen wurde das Ganze ohne Auflagen eingestellt. Es wurde eine enorme Öffentlichkeit hergestellt, seitdem melden sich immer wieder Betroffene, die ich dann gerne berate. Der Fall hat Betroffene motiviert, sich zu wehren und deutlich gemacht: Containern mag kriminell sein, aber es ist allemal legitim. Und das ist eine Position, die auf breite Zustimmung in der Gesellschaft trifft!
Wer selber von Repression betroffen ist oder Betroffene kennt: Ich kann gute Anwält*innen vermitteln, Tipps für politische Kampagnen geben, Kontakt zu anderen Aktivist*innen vermitteln. Meldet euch unter AachenContainert@riseup.net

Viele Supermärkte, Bäckereien und andere Betriebe hätten schon von sich aus nach Möglichkeiten gesucht, Lebensmittel abzugeben. Ein Supermarkt in Buchenau verschenkt noch genießbare Lebensmittel am Tag des Mindesthaltbarkeitsdatums und möchte so ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen. Das setzt allerdings auf Freiwilligkeit. Warum plädierst du für eine gesetzliche Verpflichtung?
    Christian: Insbesondere für Ketten ist das keine wirkliche Option. Die aufgeführten Beispiele sind Inhaber*innengeführte Geschäfte, die haben logischerweise ein anderes Verhältnis zu „ihren“ Produkten als eine „anonyme“ Funktionärsriege in Großkonzernen wie Aldi und Lidl, wo sowas zentral entschieden wird. Aber bereits bei den Kleineren: Wenn sowas gemacht wird, spielt oft auch ein gewisser Werbeeffekt eine Rolle.
Die von mir mitgegründete Initiative „Containern ist kein Verbrechen!“ hat die legale Situation von Containernden in den Vordergrund gestellt. Neben der gesetzlichen Entkriminalisierung des Containerns haben wir auch einen freien Zugang zu den Tonnen gefordert. Denn die Legalität des Containerns würde keinen Nutzen haben, wenn man dafür illegalerweise Tonnen aufbrechen müsste. Hingegen haben wir keine konkreten Forderungen aufgestellt, was die Abgabe von Lebensmitteln generell angeht, wie es beispielsweise in Frankreich geregelt ist.

Seit knapp drei Jahren gibt es in Frankreich ein Gesetz, das es Supermärkten verbietet, Essen wegzuwerfen. 2017 ist ein Antrag von DIE LINKE vom Bundestag abgelehnt worden, das Containern zu legalisieren und LebensmittelhändlerInnen dazu zu verpflichten, aussortierte Ware an interessierte Menschen oder gemeinnützige Organisationen weiterzugeben. Die Politik will mehr die Tafeln bei ihrer Arbeit unterstützen und pocht auf die bereitwillige Spendenabgabe der Supermärkte an gemeinnützige Organisationen. Das Kernproblem löst das aber nicht, oder?
    Christian: Die Tafeln bekommen vielerorts mehr Essen angeboten, als sie weitergeben können. Das ist auch in Frankreich nicht anders. Das Gesetz verpflichtet Supermärkte dazu, überschüssige (genießbare) Lebensmittel entweder an die Banques Alimentaires (Tafeln) abzugeben, zu Tierfutter zu verarbeiten oder in Biogasanlagen zu verwerten. Für die Tafeln bedeutete es keine großartige Änderung, zu Tierfutter darf es wegen strenger Richtlinien oft nicht verarbeitet werden, also bleibt meist nur die Biogasanlage (vorausgesetzt, das Gesetz findet überhaupt Anwendung, es gibt keine Hinweise auf starke Kontrollen). Damit hat das Gesetz für mich vor allem einen Alibi-Charakter: Es ist absurd, Lebensmittel mit viel Arbeitskraft, Energie und anderen Ressourcen zu produzieren, nur um sie später in Biogasanlagen zu verarbeiten. Die Energiebilanz dabei ist sehr negativ. Dann sollte die Ackerfläche lieber direkt für Raps oder andere energiereiche Pflanzen verwendet werden, die dann entsprechend verarbeitet werden.
Ich finde, gesetzliche Verpflichtungen wie von der LINKEN beantragt gehen in die richtige Richtung, sind aber nicht ausreichend. Bei einer Wegwerfquote von (laut WWF) annähernd 50% muss die Lösung die Reduzierung der Produktionsmenge sein! Niemand kann soviel essen, wie weggeworfen wird, selbst bei der intelligentesten Verteilung. Das trifft übrigens auch auf globalem Maßstab zu, mit der derzeitigen Produktionsmenge könnten zehn bis zwölf Milliarden Menschen ernährt werden.

Was hätte ein Gesetz wie in Frankreich auch hierzulande für Auswirkungen auf Industrie und VerbraucherIn? Könnte demzufolge solch ein Gesetz die Qualität und die Vielfalt aller Lebensmittel erhöhen?
    Christian: Solch ein Gesetz wäre Ausdruck davon, dass viel Druck auf die Politik gemacht würde. Von daher wäre es eine Anerkennung unserer „Macht von unten“. Die Regierenden würden es einführen, um Druck abzulassen, nicht zu noch radikaleren Maßnahmen gedrängt zu werden. Ob sie damit dann durchkommen, hängt von der Stärke und Organisiertheit unserer Bewegung ab.
Radikalere Maßnahmen sind bitter nötig! Konkret würde so ein Gesetz wenig bis gar keine Änderung bringen: Schon jetzt landet viel organischer Abfall der Supermärkte in Biogasanlagen (schon allein aus Kostengründen). Ich denke auch nicht, dass es einen positiven Einfluss auf Vielfalt oder Qualität der Lebensmittel hätte. Es gibt sehr hochqualitative Lebensmittel, aber leider meist nur zu einem sehr hohen Preis, und damit für große Teile der Bevölkerung schlicht nicht zugänglich (außer im Container;). Daran würde durch so ein Gesetz nichts geändert.

Du leistest mit deinem Buch „Volle Bäuche statt volle Tonnen!“ Aufklärungsarbeit. Hierin forderst du eine sozialistische Demokratie als Lösung ein. Die Wirtschaft regulieren, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen aufhalten und nachhaltigen Wohlstand für alle schaffen. Ist eine zentrale Einflussnahme auf die Reorgansierung und -orientierung auf die Bedürfnisse der VerbraucherInnen unausweichlich?
    Christian: Ich denke: Ja. Und das dringender denn je. Denn in jedem Produkt – egal ob es ein Apfel ist, eine Schule oder ein Panzer – stecken Ressourcen. In dem einen natürlich mehr, im anderen weniger, aber zur Herstellung jedes Produkts werden Ressourcen verbraucht. Die Profite der Konzerne sprudeln, wenn der Ressourceninput gering und der Verkaufspreis hoch ist. Dabei müssen sie immer auf die kurzfristigen Profite schauen, um schnell neu investieren zu können.
Dieses kurzfristige Profitstreben zerstört unseren Planeten. Kurzfristig ist es profitabel, Energie aus Öl, Kohle und Gas zu gewinnen. Mittelfristig stellt dies aber unser Überleben auf dem Planeten Erde infrage. Der Kapitalismus, also das private Eigentum an Produktionsmitteln und ein Markt, auf dem freier Wettbewerb herrscht, sind nicht imstande, dagegen vorzugehen. Dazu müsste die Wirtschaft grundlegend anders organisiert werden: Man müsste schauen, was benötigt wird (natürlich nicht nur zum Überleben, und nicht gleichmachend, sondern welche Bedürfnisse Menschen haben, und ob die Befriedigung dieser Bedürfnisse ökologisch vertretbar ist). In meiner Aufzählung würde der Panzer dann beispielsweise ganz schnell wegfallen, denn kein normaler Mensch konsumiert Panzer. Die Wirtschaft würde gesund geschrumpft, die wegfallende Arbeit könnte in Arbeitszeitverkürzung für alle umgesetzt werden, der Wohlstand für alle könnte steigen. Durch frei werdende Zeit (und Flächen, beispielsweise weil es nicht sinnvoll ist, dass drei oder vier fast identische Supermärkte direkt nebeneinander stehen) würde das soziale und kulturelle Leben explodieren, was eine Form von Wohlstand schafft, die vielleicht noch viel höher zu bemessen ist als materielle Güter (die es sicher aber auch in ausreichender Zahl für alle geben würde).

Das Einsetzen der Regulierungs- und Kontrollbehörden widerspricht den Anreiz nach Eigenverantwortung und Aktivitäten für nachhaltigen Konsum. Aber sind deiner Meinung und Erfahrung nach die VerbraucherInneninteressen wirklich so schwach und kaum organisationsfähig?
    Christian: Es ist nicht undenkbar, dass Verbraucher*innen sich stärker organisieren. Einkaufsgemeinschaften, um günstigere Preise zu erwirken, Fahrgemeinschaften zur Solidarischen Landwirtschaft, selbstorganisierte Nachbarschaftsküchen…all das und noch viel mehr gibt es ja bereits, wenn es auch keine Massenphänomene sind. Massenphänomene hingegen sind Supermärkte, in denen Ware gegen Geld getauscht wird. Für die einigen Millionen Menschen in Deutschland, die Wert auf Nachhaltigkeit, gesunde Lebensmittel und faire Löhne setzen oder nicht für Tierleid „verantwortlich“ sein wollen, gibt es entsprechende Produkte mit Siegeln, die eben das versprechen. Kurz: Konsum ist eine stark individuelle und auch gewollt individualisierte Angelegenheit. Bedürfnisse sollen gegen Geld befriedigt werden und das möglicherweise verunsicherte Gewissen soll gegen einen höheren Preis unbeschwert werden. Wird eine neue Idee, beispielsweise Unverpacktläden, so groß, dass sie umsatzrelevant für die großen Handelskonzerne wird, wird das Konzept kopiert. Wo nötig wird das Unternehmen aufgekauft oder im Konkurrenzkampf platt gemacht. Dabei wird die Grundidee pervertiert – beispielsweise gehören Alpro und Sojade dem Molkereikonzern Danone. Den Konzernen geht es nicht um die möglicherweise löbliche Idee, sondern nur um den Profit, den sie damit machen. Jeder Ansatz, der sich auf konsumistischer Ebene bewegt, ist wunderbar kompatibel mit dem Kapitalismus, der in seinen Grundsätzen jedoch systemische Probleme beinhaltet, die im Rahmen dieses Systems nicht zu überwinden sind.
Ich plädiere nicht unbedingt für mehr Regulierungs- und Kontrollbehörden im Sinne des heutigen Staates. Denn dieser Staat ist so aufgebaut, dass er dem Interesse des Kapitals dient. Es gibt sicher immer wieder Eingriffe und die begrüße ich auch, aber man muss halt ehrlich sagen: Ohne Bruch mit dem Kapitalismus und dem Aufbau einer Gesellschaft, die die Bedürfnisse von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt, wird keine nachhaltige Lösung erreicht werden. Das heißt nicht, dass ich keine konkreten Vierbesserungsideen einbringe, wie beispielsweise die Entkriminalisierung des Containerns. Im Mittelpunkt steht für mich dabei die Bewegung, die solche Ideen verbreitet und im besten Falle erkämpft. In der Bewegung organisieren sich Menschen, kommen in Austausch, hinterfragen vieles, was sie vorher nicht hinterfragt haben. Sie sind nicht mehr „nur“ Konsument*in, sondern werden politische*r Akteur*in.

Ist es in deinem Interesse, dass sich Interessengruppen wie FoodsharerInnen, Containernde und andere zu lokalen Basisorganisationen zusammenschließen, um Einfluss in Staat und Verwaltung zu gewinnen? Welche Voraussetzungen wären erforderlich?
    Christian: Die Verhältnisse zueinander sind lokal sehr unterschiedlich. Ich pflege ein solidarisches Verhältnis zu Foodsharer*innen, habe aber auch Kritik am Verband. Meine Sorge ist, dass die vielen Aktivist*innen sich von Konzernen missbrauchen lassen, die sich damit greenwashen wollen, um ihr schlechtes Image aufzupolieren.
Zwischen Foodsharing und Containern steht außerdem die große Mauer der Legalität. Vor einer offenen Kooperation gibt es bei Foodsharing-Aktivist*innen die Sorge, dass dies Kooperationen mit Geschäften gefährden könnte.
Unabhängig davon wäre eine stärkere Vernetzung sicherlich sinnvoll. Bisher vertritt nur die LINKE im Bundestag unsere Anliegen, selbst die Grünen, bei denen man das vermuten würde, positionieren sich nicht klar für die Entkriminalisierung des Containerns. Druck von unten kann das ändern. Ebenfalls könnte so durchgesetzt werden, dass Kommunen „Fairteiler“ tolerieren oder gar fördern, bisher stellen viele Kommunen sich quer, wenn es um diese öffentlichen Verteilstationen für Lebensmittel geht.
Viele Aktivist*innen gehen sehr konkret und projektorientiert vor. Sie wollen Essen aus Tonnen (oder noch vor den Tonnen) retten. Die wenigen Leute, die etwas stärker abstrahieren, sind oft völlig in die Organisation des „eigenen Ladens“ eingebunden. Die Voraussetzungen sind vor Ort auch oft unterschiedlich. Um eine Art Basisorganisationen zu schaffen, bräuchte es Menschen, die sich dahinter klemmen, Interesse wecken und eine regelmäßige Austauschplattform bieten. Das sehe ich derzeit nicht.
Aber: Wenn es Repression gibt, egal ob gegen Containernde oder gegen Fairteiler beispielsweise in Berlin, gibt es oft eine Solidarität weit über die „eigene Szene“ hinaus. So was kann ein Anfang für eine breitere Vernetzung sein.

Kontakt/Infos:

Straffreiheit für Lebensmittelrettung


Fußnoten:

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