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Femen - Nacktproteste in der Kritik

FEMEN Women's Movement: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en_CA
FEMEN Women's Movement: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en_CA

Es sind zumeist Frauen*, die nackt gegen und zugleich für etwas protestieren. Sie nennen sich Femen, machen einen sogenannten Slut walk und setzen sich für Tierrechte ein. Frauen*, die Parolen auf und zwischen ihre blanken Brüste schreiben und so medienwirksam Provokation hervorrufen. Und stets während und nach den Aktionen wird hitzig darüber diskutiert, ob diese Aktionen sexistisch sind oder im Zeichen des neuen Feminismus stehen?

Hellen Langhorst, Aktivistin der Frauenrechtsorganisation Femen1, stürmte 2013 mit den Wörtern „Heidis Horror Picture Show“ auf ihrem nackten Oberkörper, zusammen mit Zana Ramadani in die Finalshow von „Germany's Next Topmodel“. Hellen rannte nicht nur nackt über die GNTM-Bühne, sie stürmte auch die ZDF-Talkshow von Markus Lanz, um die Arbeitsbedingungen in Katar, dem Gastgeberland der Fußball-WM 2022, zu kritisieren. Als Rejhaneh Dschabbari in ihrem Heimatland Iran hingerichtet wurde, weil sie einen Mann, der sie vergewaltigen wollte, in Selbstverteidigung erstochen hatte, demonstrierte Hellen mit Femen vor der iranischen Botschaft in Berlin2.
Für Hellen sind ihre Nackt-Proteste auf keinen Fall sexistisch: „Ich setze meinen Körper auf eine selbstbestimmte Art und Weise ein. Während einer Aktion dient mein Oberkörper als Plakat mit einer politischen Botschaft. Er ist Mittel zum Zweck, kein sexualisiertes Objekt, das zur Schau gestellt wird.3
Tatsächlich greifen Medien Femen-Aktionen gerne auf und formulieren Schlagzeilen wie „Busen-Attacken“, gleichzeitig aber stehen hinter vielen Berichterstattungen Absichten und Forderungen der Nacktproteste im Fokus. Im April haben Femen-Aktivistinnen einen Spahn-Auftritt gestört, bei dem 2 Frauen gegen die vom CDU-Politiker initiierte Studie über die psychischen Belastungen nach Abtreibungen protestierten, ihn mit Zetteln bewarfen, auf denen Vorschläge aufgeschrieben standen, wofür die fünf Millionen Euro Studienkosten sinnvoller verwendet werden könnten4.

photo credit: Sin Permiso - Berlín
photo credit: Sin Permiso - Berlín

Die Oben-ohne-Aktionen samt den mit Parolen bemalten Oberkörpern sind das Markenzeichen von Femen. Die Gruppe gründete sich 2008 in der Ukraine. Seit 2011 sind auch in anderen europäischen Ländern Aktionsgruppen entstanden. Die Frauen kämpfen gegen Prostitution und Sexismus, gegen Ausbeutung und Korruption. Und trotzdem gibt es immer wider Kritik, auch von Feministinnen. Bloggerin Merle Stöver kritisiert Femen, die ein klares Rollenbild vorgeben. Sie seien jung und schön und reproduzieren mit ihren Aktionen Sexismus.5
Im Zuge der Femen-Kampagne „Fickt die Sexindustrie“ machten im Januar 2013 Femen auf der Herbertstraße in Hamburg auf sich aufmerksam. Der Vergleich zum Dritten Reich ist kaum verkennbar, zieren doch sogar Hakenkreuze einige der Fotos im Internet. „e*vibes – für eine emanzipatorische Praxis“ sind eine feministische/sexismuskritische Gruppe aus Dresden, die in einem offenen Brief an die Femen Germany geschrieben6. In dem haben sie sich das Selbstverständnis auf femen.org angeschaut und offene Fragen formuliert:

  • Können Frauen ohne Brüste Femen sein? Wie definiert ihr „Frauen“?
  • Was ist mit Trans*menschen?
  • „Activists of FEMEN – are morally and physically fit soldiers“. Was bedeutet „physisch und moralisch fit“? Können „nicht physisch fitte“ Menschen Femen sein?
  • Warum Soldat*innen?

Und bezogen auf der Femen-Kampagne „Fickt die Sexindustrie! – Der Sexindustriefaschismus des 21sten Jahrhunderts“? kritisiert e*vibes die Gleichsetzung von Prostitution mit die Shoah und den Porajmos, was den Genozid und Holocaust verharmlost. Auf der anderen Seite haben Femen-Aktivistinnen wie Zana Ramadani und Hellen Langhorst konsternieren, dass ihre Aktionen mit nackten Brüsten zwar eine mediale Aufmerksamkeit bekommen, zeigten sich aber auch erschrocken über die Oberflächlichkeit gerade in den sozialen Netzwerken. Tatsächlich wurde die Größe ihrer Brüste diskutiert, mal unterstellten die Nutzer*innen, sie seien mit Silikon gefüllt, mal hieß es, es wäre besser gewesen, sie vor den Auftritten richten zu lassen. Eine nackte Brust kann alles mögliche bedeuten. Mit Schriftgen und Parolen beschreiben können Femen keine neuen Impulse setzen. Ihre Aufmerksamkeit ist ihnen im jeden Fall gewiss. Eine befreiende Provokation, die Diskussionen anregt, ist sie nicht. Sinnvoll wäre es, die Inhalte und Forderungen zu diskutieren, die Femen mit ihren Aktionen stellen. Werden die politischen Forderungen aber überhaupt wahrgenommen oder nur die nackten Brüste? Die Frage ist, ob es tatsächlich so ist, dass Leute, die sich diese Fotos angucken, und diese drei bis fünf Wörter lesen, sich dann weiter für diese Themen interessieren? Was nehmen sie eigentlich wirklich davon mit? Suchen sie dann im Internet oder Büchern nach weiterführenden Informationen oder nicht? Mit einem Auftreten, das stark und selbstbewusst ist, obwohl Femen eben nackt oder halbnackt sind, können sie damit versuchen, das herrschende Frauenbild aufzubrechen. Inwiefern dieses Aufbrechen der vorherrschenden Frauenbilder funktionieren kann, ist indes fraglich, weil das Rollenbild der Femen veraltet ist.
Mensch kann tatsächlich sagen, dass Femen ein Paradebeispiel sind, um die negativen Folgen eines Aktionismus zu verdeutlichen, den es ähnlich auch in anderen Kreisen/Bewegungen gibt. Die Mittel, also das Ausziehen mit Botschaften auf nackten Brüsten darauf, scheint zum reinen Selbst-Zweck zu werden. Hier kann mensch von einer selbstzweckhaften Praxis reden, die zwar mediale Aufmerksamkeit bekommt, aber keinen Einfluss auf die gesellschaftliche Struktur nimmt. Es fehlt die inhaltliche Auseinandersetzung mit feministischen Themen, die sie in die Öffentlichkeit bringen wollen; das Fehlen von einer fundierten  Gesellschaftskritik, in die das eingebettet wäre.

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