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Nacktdemos

Tierschützerinnen protestieren gegen das Robbensterben
Tierschützerinnen protestieren gegen das Robbensterben

PETA sorgt immer wieder mit sogenannten „Nacktdemos“ für Aufsehen. Diese provokanten Aktionen bekommen medial viel Aufmerksamkeit. In der Kritik stehen diese aber auch wegen der Freizügigkeit und dass die Aktionen sexistisch seien.

2012 legten sich 7 Tierschützer*innen vom Verein gegen Tierfabriken-Aktivist*innen vor der kanadischen Botschaft in Wien auf eine überdimensionale Eisscholle. Mit ihren ungeschützten Körpern wollten sie der kanadischen Regierung veranschaulichen, wie grausam und skrupellos die Robbenbabys geschlachtet und danach, oft bei lebendigem Leib, gehäutet werden. Kaum war die Aktion beendet, umringten gut 20 Beamt*innen die Tierschützer*innen und sprachen eine Festnahme wegen Anstandsverletzung aus. Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung wurde aufgrund dieser offenbar gefährlichen Bedrohung der Verfassung gerufen.
2013 haben in München 63 Aktivist*innen nackt im Käfig gegen industrielle Massentierhaltung demonstriert. Performance-Künstler Wolfgang Flatz ließ die Aktivisten am Samstag zehn Minuten lang in einem dreigeschossigen Gitterkäfig auf dem Tollwood-Winterfestival ganz ohne Publikum posieren. Die Aktion mit dem Titel „Die Krönung der Schöpfung“ war Teil der Kampagne „Artgerecht: Lasst die Tiere wie sie sind!“.
2018 formierte sich in Barcelona eine Gruppe von nackten Menschen, die sich auf der Plaza Catalunya im Zentrum Barcelonas mit Kunstblut übergossen.
Ihre Forderung lautete, dass weder Leder noch Pelze verwendet werden sollen.
„Wie viele Leben für einen Mantel?“, steht auf einem Schild neben einem menschlichen Fleischberg, rotgefärbt mit Kunstblut. Hinter der Aktion stand die spanische Tierschutzorganisation Anima Naturalis.

Nacktdemo auf der Plaza Catalunya im Zentrum Barcelonas
Nacktdemo auf der Plaza Catalunya im Zentrum Barcelonas

Insgesamt sind sogenannte „Lieber nackt als Pelz“-Kampagnen weit verbreitet. Immer wieder ziehen Tierrechtler*innen alle Blicke auf sich, um Passant*innen davon zu überzeugen, keine Pelze mehr zu tragen oder einen Pelzverkaufsstopp im Handel zu erreichen. Anja Hägele ist heute Kampagnen-Chefin für PETA Deutschland und hat in der Vergangenheit seit 2006 mehrere (halb)nackte Protest-Aktionen durchgeführt. In einem Interview gibt Hägele zu, dass nackt sein mit Bezug auf die Aktionen die Chance erhöht, dass darüber medial berichtet wird. Für sie sei das aber nicht sexistisch, „schließlich kann ich mit meinem Körper machen, was ich will.“1
Der Vorwurf, dass Frauen*, die ihre Tierrechtsbotschaften nackt präsentieren und sich so auf Sexobjekte reduzieren, wird vielfach diskutiert. Sexistisch sind diese Kampagnen nicht, wenn die Aktivist*innen sich selbst durch die Nacktheit nicht abwerten und sich darauf berufen, selbstbestimmt zu handeln. Nun steht das Nacktsein generell erst mal nicht mit Tierrechten in Verbindung, sondern wird es erst mit der Zugabe von politischen Botschaften auf Plakaten und/oder auf der eigenen Haut. Und klar, wer auf eine selbstbewusste Art nackte Haut zeigt, bekommt die nötige mediale Aufmerksamkeit. Das ist Kalkül. Der Einsatz nackter Weiblichkeit als Aufmerksamkeitsgenerator für soziale Probleme wird zum Protestwerkzeug. Das Von-außen-Beurteilen, Bewerten hat also eine lange Tradition. Bei den Nacktdemos stehen die Inhalte im Vordergrund, die von einer nackten Darstellung verstärkt werden. Anders als in der Werbung und der Darstellung (vermeintlich) weiblicher Schönheitsideale, wo die Frau* auf ihre Sexualität reduziert wird und Beiwerk ist, weil sie nackt für ein Auto wirbt, nutzen Frauen* auf Nacktdemos ihren Körper als strategische Aufmerksamkeitsgeneratoren, die darauf abzielen, emotionale Dispositionen des Publikums zu generalisieren. Die Nacktaktionen gelten mitunter als moralisch verwerflich und werden skandalisiert. In der indirekten Kommunikation steht der direkte Bezug zu einer Botschaft, erregt in jedem Fall die Aufmerksamkeit, wo die zentrale politische Botschaft Gefahr läuft, in den Hintergrund zu rücken.
Nacktheit und Tierrechte sind meiner Meinung nach Teil einer politischen Bekenntniskultur. In ihr verortet ist die politische Selbstthematisierung, eine freiwillige, selbstbestimmte Selbstenthüllung, die das private politisch macht, die einen Beitrag zur Klärung einer Sache leistet. Die setzt eine Selbstreflexion voraus („Tierausbeutung beenden“). Nacktdemos sind zudem Formen der Selbstdarstellung und des Identitätsmanagements. Immer wichtiger wird darüber hinaus eine kompetente Balancierung zwischen Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung, die – verbunden mit einer politischen Forderung – einen individuellen Rahmen bietet, sich zu verwirklichen und zu ermächtigen. So wird eine Selbstthematisierung zunehmend für alle zugänglich gemacht. Fraglich aber ist, inwieweit schließlich Anzeichen zu erkennen sind, dass durch die Nacktaktionen ein Prozess der allgemeinen Durchdringung der Gesellschaft mit Formen der Selbstreflexion stattfindet und das vorgegebene Ziel erreicht wird.


Fußnote:

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