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AIB #124

AIB #124
AIB #124

AIB #124
68 DIN-A-4 Seiten; € 3,50.-
AIB, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
https://www.antifainfoblatt.de/
Der Schwerpunkt thematisiert Rechtsterrorismus in Deutschland und anderen Ländern, untersucht Tätermilieus, Netzwerke und Organisationen und gesellschaftliche Reaktionen.

Am 22. Juli 2011 zündet der 32-jährige Rechtsterrorist Anders Behring Breivik eine Autobombe vor Regierungsgebäuden in der norwegischen Hauptstadt Oslo und tötet damit acht Menschen. Anschließend erschießt er in dem Feriencamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF auf der Insel Utøya 67 überwiegend junge Menschen.
Am 15. März 2019 griff der aus Australien stammende Rechtsterrorist Brenton Tarrant zwei Moscheen in Christchurch in Neuseeland mit Schusswaffen an und tötete dabei 51 Menschen und verletzte Dutzende weitere schwer.
Anfang Oktober wurde Halle Schauplatz eines weiteren rechtsterroristischen Anschlags. Stephan Balliet war mit Sprengstoff, selbstgebauten Waffen und Molotow-Cocktails losgezogen, um eine Synagoge zu stürmen. Nachdem er es nicht geschafft hatte, das Gebäude zu betreten, erschoss er 2 Menschen und verletzte auf seiner Flucht mehrere Menschen schwer.
Diese drei Beispiele zeigen gemeinsame Beweggründe und Vorgehensweisen der Täter auf. Gut vernetzte Täter mit einer dualistischen Sichtweise auf eine »digitale, virtuelle« und eine »reale« Welt. Töten als Live-Event. Rassistische Manifeste, Gamer-Profile und Chatprogramme mit Austausch über Mordfantasien.
Vielen ist der Begriff »Incel« kein Begriff. Ihre Weltsicht besagt, grob zusammengefasst, folgendes:
Das schlimmste Schicksal unserer Zeit sei physische Unattraktivität. Denn Frauen – sogenannte „Femoids“– seien allesamt oberflächliche Schlampen, die ihre Partner nach drei Kriterien auswählen würden: Attraktivität, Wohlstand und Status. Die Männer, die diese Kriterien erfüllen, gelten als  „Chads“. Frauen hätten vor der Geisel des Feminismus noch den Anstand gehabt, sich einen Partner zu suchen, der ihrem Attraktivitätslevel entspricht, inzwischen würde jedoch jede Frau ausschließlich nach Chads dürsten. Frauen verbringen in der Vorstellung von Incels ihre Zeit schon ab dem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr damit, „das Schwanzkarussell zu reiten“, also jedes Wochenende Sex mit drei Chads auf einmal zu haben. Und sind sie mit 30 alt und verbraucht, setzen sie sich mit einem „Beta Cuck“ zur Ruhe – also einem Durchschnittsmann, der das Weib dann aushalten und versorgen darf. Aber auch der hat immerhin Zugang zu ihrer Vagina – im Gegensatz zu armen, bemitleidenswerten Incels, die aufgrund grauenhaft deformierter Körpermerkmale wie einem zu schmalen Handgelenk oder zu geringer Größe niemals außerhalb eines Pornos eine Vulva zu Gesicht bekommen werden. Dass Incels rechtsterroristische Attentäter glorifizieren und zu Helden ernennen, ist also nicht verwunderlich. So gibt es auch genügend Incels, die im Attentat die notwendige Reaktion auf die dem Feminismus und den Frauen geschuldete 'Kränkung Sexlosigkeit' sehen.
"Incels sind ausgesprochene Feinde der immer jüdisch konnotierten Moderne, von deren Errungenschaften sie sich von allen Seiten bedroht sehen. Schwarze und migrantische Selbstbestimmung, die größere Sichtbarkeit von LGBTQs und vor allem der Feminismus gelten diesen jungen Männern als direkter Angriff auf sich selbst."
Weitere Beispiele aus den USA, Schweden, Polen, Ukraine zeigen immer wieder auch Verbindungen und Verknüpfen zu Deutschland und der AfD.

Gesamteindruck:

Der Rechtsterrorismus nach dem NSU-Komplex war nie verschwunden. Er hat sich über die Jahre bewaffnet und führt einen Kampf gegen die Gesamtgesellschaft. Rechtsterroristen sind global gut vernetzt. Das zeigt nicht nur die Verteilung von Anschlagsorten auf dem Globus: Norwegen, Neuseeland, USA - und Deutschland. Eine zentrale Idee handelt vom "Großen Austausch". "The Grand Replacement" nannte Brenton Terrant, der Rechtsterrorist von Christchurch, das Schreiben, mit dem er seine Taten begründete. "Le Grande Replacement" nannte es der französische Vordenker der Rechtsextremen, Renaud Camus, in seinen Schriften. Manche Vertreter der AfD sprechen von Umvolkung. Diese Verschwörungstheorien sind Grundlage für die Annahme, mensch müsse einen bewaffneten Krieg gegen den eigenen biologischen Untergang ziehen. Gleichzeitig geht es um Anerkennung Gleichgesinnter, auch aus der Gamer-Szene. Von der "Gamifizierung des Terrors" ist die Rede. Neu ist die Erkenntnis der Innenminister und der Behörden, dass Antisemitismus und Rechtsterrorismus lange Zeit nicht ernst genommen wurde. So hat es drei Jahre gedauert, bis der Neunfach-Mord am Münchner Olympia-Einkaufszentrum von David S. im Juli 2016 als rassistisch-motiviert bewertet wurde. Der Schwerpunkt belegt, dass Rechtsterrorismus Alltag ist. Eine mehr als beunruhigende Tatsache.


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