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böse und gemein

böse und gemein ist ein queer-feministisches Konzertkollektiv aus Dresden, das offen für Kooperation und neue Mitwirkende ist.
Ihr Feminismus schließt keinen Menschen aus und bezieht sich nicht auf ein bestimmtes Geschlecht. Die Mitwirkenden des Kellektivs  möchten mit euch gemeinsam die einschränkenden und diskriminierenden Normen von Biologismus und Geschlecht überwinden, ebenso wie das Wort Geschlecht – Geschlechter sind für sie Genitalien, getreu nach dem Credo: "Was du aus deiner Identität machst, bleibt dir überlassen."

Unabhängig von ihrem Anspruch, Geschlecht als Konstruktion des Machterhalts bestimmter Gruppen zu überwinden, leben wir in einer Gesellschaft, in der Frauen* und Männer* unterschiedliche Erfahrungen machen. Deshalb hat sich das Kollektiv es sich zum Ziel gemacht, weibliche Positionen auf der Bühne zu stärken, indem niemensch ausgeschlossen wird, sondern einfach der Fokus verändert wird.
Mackertum, Abwertung von Weiblichkeit (nicht an Genitalien gebunden), boyz-Clubs, toughe Atmosphären auf Konzerten, die zum davonlaufen und sicher nicht zum genießen sind. Es ist an der Zeit, etwas Anderes auszuprobieren und Alternativen zu schaffen...


„Queer-Feminismus bedeutet für uns, Freiräume zu gestalten, in denen wir alle so sein können, wie wir sind und sein möchten – außerhalb jeder Norm.“Queer-sein bedeutet für uns, die Emanzipation aus stereotypen Vorstellungen, kreativ zu sein und lustvoll unsere Identität/en zu erforschen.


Die aufkommende Punk-Bewegung Mitte der 1970er-Jahre in London konnte mit Bands wie The Slits, The Raincoats oder Poly Styrene einen hohen Frauen*anteil vorweisen. Im Punk konnten Frauen mit Identitäten jenseits konventioneller Weiblichkeitsentwürfe herumexperimentieren und aus der für sie vorgesehenen traditionellen Frauenrolle ausbrechen. Warum fehlt es in der Punk-Community heute an feministischen* Identifikationsfiguren?   
    Genau dort fängt das Problem ja bereits an. An der Entstehung des Punk waren überdurchschnittlich viele Frauen, People of Color, Queers, Transmenschen, Crossdresser und so weiter beteiligt. Wo kommt das in der Geschichtsschreibung des Punks vor? Erzählt werden immer die selben heroischen Geschichten von weißen cis-Männern. Die von dir genannten Musiker*innen sind bei weitem nicht so bekannt und ihre Rolle wird immer noch unterschätzt. Ganz zu schweigen von all denen, die überhaupt nicht vorkommen. Diese sexistische Matrix lässt sich in einem Großteil der Literatur über Punk nachvollziehen. Die Gitarristin der Slits, Viv Albertine, hat bei der großen Jubiläumsausstellung zu Punk in London mit einem Kuli auf der Ausstellungstafel “The Slits” und andere Bands mit Frauen ergänzt! Mit einem Kuli! Auf historischen Fotos sind Frauen meistens als Groupies, Musikfans und “no names” angegeben, wohingegen bei den Männern selbst der letzte Name vom hinterletzten Rowdy recherchiert wurde. Diese nicht benannten Frauen sind oft wichtige Szene- und Musikpersönlichkeiten: Veranstalter*innen, Modemacher*innen, Musiker*innen, Zine-Macher*innen, Fotograf*innen und so weiter. Bei der HerStory of Punk geht das Problem also schon los. Queere Perspektiven sind noch viel weniger erforscht (zum Glück gibt es aktuell einen kleinen Queercore-Hype, der diese wichtigen Beiträge aus der Versenkung holt) und die Beiträge von People of Color wurden bis jetzt nicht ausreichend aufgearbeitet, reflektiert und geehrt. In die letzte Veröffentlichung vom Ventil-Verlag zum 40-jährigen Punk Jubiläum haben es nicht Mal Östro 430 aus Düsseldorf geschafft. Und es stimmt, Frauen haben Punk schon immer dazu genutzt um aus tradierten Rollen auszubrechen und dafür wurde ihnen von der Mehrheitsgesellschaft und von der Punkszene teilweise mit purem Hass begegnet. Den Raum, den FLINT-Personen1 sich im Punk schon immer genommen haben, mussten sie sich also doppelt hart erkämpfen. Die Identifikationsfiguren fehlen jetzt, weil die, die es gab, unsichtbar gemacht wurden und das außerhalb unserer feministischen Recherchen auch immer noch so ist. Wenn FLINT-Personen Instrumente in die Hand nehmen, wird das weitestgehend kritisch beäugt, auch von anderen Frauen. Wir alle stecken in dieser heterosexistischen Matrix fest und müssen uns da gemeinsam rausschälen. Das kostet viel Kraft, Zeit und Willen. Und wenn es eine szeneinterne Narration davon gibt, dass die Punkszene total liberal und befreit ist, verändert sich nichts und Feminist*innen wie wir und andere werden weitestgehend als nervige Störung und Bedrohung des kuscheligen Szenefrieden empfunden.


Zwar scheinen die meisten Punkbands heute genauso wütend, wie ihre musikalischen Vorbilder, aber bloße Ablehnung von Konventionen ist für viele keine Option mehr. Die Anti-Haltung wird nur noch zum Selbstzweck, wenn die eigene Identität von der Gesellschaft geleugnet und unterdrückt wird. Ist Punk überhaupt weltoffen und/oder wo siehst du in dieser Community Beispiele von Diskriminierung und Ausgrenzung?
    Für FLINT-Personen sind Subkulturen oder Szenen immer ambivalent. Einerseits bieten sie die Möglichkeit für eine individuelle Entfaltung und können auch immer wieder Schutzraum werden. Andererseits ist die Enttäuschung und der Schmerz oft noch größer, wenn festgestellt werden muss, dass sexistische, homophobe, rassistische und transfeindliche Machtstrukturen und Gewalt auch an diesen Orten vorherrschen. Weiterhin gibt es Gründe dafür, warum, auch im Punk, immer noch mehr Männer als FLINT-Personen zu Instrumenten greifen, mehr Männer als FLINT-Personen veranstalten und mehr Männer als FLINT-Personen am Sound tätig sind: sexistische Herrschaftsstrukturen und die Verteilung von Carearbeit. Gerade was die aktive Beteiligung an Musik- und Organisationsprozessen betrifft, ist es eigentlich besonders bitter, denn Punk hatte seine Riot Grrrl-Bewegung, wo es genau um diese Selbstermächtigungsprozesse auf allen Ebenen ging. Aber selbst das hat die eigene Selbstverherrlichung und der Nicht-Willen, diskriminierende Strukturen als Community anzugehen, wieder genullt und wir stehen eigentlich am selben Punkt wie damals. Das heißt nicht, dass die Riot Grrrl-Bewegung keine Errungenschaften hervorgebracht hat. Sie haben feministische Strategien im Punk eingeführt, die wir so immer noch nutzen.

Im Bezug auf Carearbeit ist das im Punk nicht anders als bei Uniprofessoren: Die Profs habe alle Kinder und Karriere, die Männer im Punk oft auch. Bei Männern kann die Partizipation in ihren Zusammenhängen weitergehen, obwohl Pflegeaufgaben von Kindern oder anderen Angehörigen anstehen. Für FLINTs* ist das oft nicht vereinbar. Das geht schon damit los, dass, wenn Menschen schwanger werden, es einfach nicht mehr geht auf verrauchte Konzerte zu gehen oder von unsensiblen Mackern weggepogt zu werden. Das geht natürlich weiter bis zu der Frage, wer auf das Kind aufpasst und wo die Zeit für ein Engagement in der Szene herkommt. Um Beispiele für Diskriminierung, Ausgrenzung, Sexismus, Homophobie und Rassismus zu hören, einfach Mal die betroffenen locals auf ein Getränk einladen und zuhören.

„Punk bedeutet für uns Selbstermächtigung, Selbermachen, Phantasie und Energie. Punk hat nichts mit einem Outfit oder einer bestimmten Musikrichtung zu tun, Punk kommt von Innen. Seit riot grrrl haben sich die Ansprüche an einen inkludierenden Feminismus verändert, die Vorstellung von Geschlecht und Identität ebenso.“


In den 1990er-Jahren gab es die Bewegung der Riot Grrrls, welche als Antwort auf die männerdominierte amerikanische Musikszene entstand. Welche Aspekte waren und sind dir hierbei wichtig?
     Riot Grrrl hat den heterosexistischen Normalzustand in der Szene skandalisiert und genau das machen wir und politische Bands wie Deutsche Laichen, Finisterre, Kenny Kenny Oh Oh, Eat my fear uvm. heute auch noch. Wenn wir Line-ups von Szenefestivals auszählen und die Genderverteilung und fehlenden Diversität transparent machen, dann tun wir das nicht, weil wir keine anderen Hobbys haben, sondern weil wir den Finger in die Wunde legen wollen. Nicht dass das unbedingt nötig wäre, es gibt genug Menschen die sich schon von unserer bloßen Existenz angegriffen fühlen. Riot Grrrl hat stark gemacht, dass es keinen Grund gibt, sich als FLINT-Person unterzuordnen und dazu empowert, selbst aktiv zu werden. In allen Bereichen der Musikszene. Wir machen mit böse&gemein nichts anderes. Wir empowern dazu, Veranstaltungen zu organisieren; wir teilen das erarbeitete Wissen darüber, wie das geht; wir teilen unsere Kontakte; wir schaffen Konzerträume die Punk und tough und trotzdem aware sind. Die Zinekultur der Riot Grrrls, also die Produktion eigener Medien und die Schaffung eigener Kanäle, ist bis heute essentieller Bestandteil feministischer Punkkultur und mit unserem eigenen Zine ZANK beziehen wir uns stark darauf. Eine der wichtigsten Errungenschaften von Riot Girl ist es vorgelebt zu haben, dass FLINT-Personen nicht in Konkurrenz zueinander stehen müssen, sondern sich als solidarische Gruppe mit geteilten Erfahrungen verbinden können. Viele Menschen die jetzt bei böse&gemein sind, waren vorher dieses eine Girl in ihrem subkulturellen Zusammenhang. Viele von uns hatten sich als Veranstalter*innen oder in anderen Funktionen bereits ein Standing erarbeitet, waren aber eben immer „die einzige Frau“. So vereinzelt entsteht dann schnell eine unsolidarische Atmosphäre mit anderen Frauen in der Szene, weil dir suggeriert wird, dass du das bisschen, was du abbekommst, mit der anderen dann auch noch teilen musst. Das ist der Grund, warum einige Szenegirls böse&gemein am Anfang richtig beschissen fanden. Für unser erstes Festival haben wir hauptsächlich Support von solidarischen cis-Männern der Musikszene bekommen, die ihre Kontakte für uns stark gemacht haben und ihre Ressourcen mit uns geteilt haben, weil sie wichtig fanden, dass sich etwas verändert. Das ist übrigens genau die Funktion von cis-Männern im Feminismus und davon braucht es viel mehr. Den misogynen Girlhate der Gesellschaft müssen auch wir selbst gemeinsam verlernen. Das war die vielleicht stärkste Message von Riot Girl: Ihr braucht nicht um das kleine Stück konkurrieren, nehmt euch den fucking Kuchen (und backt ihn am besten neu).


Welche Relevanz haben feministische Subkulturen für die Erfahrung junger Mädchen* und Frauen*?
    Uns ist es wichtig zu betonen, das es eine Vielzahl von Lebensrealitäten von Mädchen und Frauen gibt. Für jede Person kann die Relevanz ganz verschieden ausfallen und ist abhängig von Faktoren wie beispielsweise Alter, Verantwortung für die Pflege von Angehörigen, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder ob ein Mensch behindert wird.
Subkulturen helfen in jedem Fall dabei, die eigene Unangepasstheit zu erproben und verschiedene Widerständigkeiten abseits vom Mainstream auszuprobieren. Punk bietet Menschen die weiblich sozialisiert wurden Räume für Wut und Aggression – solche Räume sind sonst für cis-Männer reserviert. Im Punk kannst du lernen Raum einzunehmen, Energie rauszulassen, kreativ zu sein, nach deinen eigenen Regeln zu leben. Du kannst solidarisch mit anderen gemeinsam die Räume schaffen, nach denen du dich sehnst. Das ist DIY, das ist do it yourself. So sollte es sein, und zwar für alle. Das kann natürlich, je nach dem wie intensiv Herrschaftsstruktur wie Sexismus reflektiert, mehr oder weniger möglich sein. Punk kann ein Ort der Wertschätzung und Anerkennung sein, eine Struktur, in der Zuneigung erfahrbar wird. Jungen Frauen und Mädchen wird von der Gesellschaft suggeriert, dass es ihr großes Ziel zu sein hat, gemocht zu werden, am besten von einem Mann. Vor diesem Hintergrund schaffen Gruppen wie böse&gemein natürlich Strukturen die außerhalb dieser Vorstellung liegen.


Punk und Feminismus. Wie definierst du beide Komponenten und warum ist es (nicht) wichtig, diese miteinander zu verknüpfen und nach Außen zu transportieren?   

Punk ist nicht per se feministisch, aber Punk kann feministisch sein. Es ist uns nicht wichtig, dass alle sich als Feminist*innen bezeichnen, aber es ist uns wichtig, dass Strukturen kritisch hinterfragt werden, auch die, in denen man selbst steckt und die vielleicht als alternativ verstanden werden. Punk ist für uns mehr als Musik und am Wochenende mal wilde Sau spielen. Punk ist kreativ, Punk ist empowernd, Punk bringt dir bei, du selbst zu sein, Punk stachelt dich dazu an, Sachen auszuprobieren und Punk kann ein Ort zur Vernetzung, zur Verbindung, für Community sein, in dieser düsteren Welt. Und hier kommt der Feminismus ins Spiel, der ganz aktiv fragt: Wer ist wie Teil dieser Community? Wen wollen wir dabei haben und was müssen wir dafür tun? Wie können wir subkulturelle Räume emanzipatorisch gestalten?


Bezogen auf Punk war und ist immer wieder zu beobachten, dass ein spezieller Style und Look wichtig zu sein scheint. Die Privilegierung des Kleidungsstils vernachlässigt dabei die weniger spektakulären Partizipationsprozesse, die kritische Aspekte des Widerstands in Subkulturen darstellen.
    Selbstausdruck durch Style kann ein wichtiges Statement sein, gerade für FLINT-Personen. Es ist ein Klassiker der Abwertung von Weiblichkeit, Menschen, die sich stylen, zu verurteilen und Stereotype auf sie zu projizieren. Das gibt es auch in der feministischen Szene. Menschen, die Wert auf Styling legen wird dann eine unpolitische Haltung attestiert. Wenn kapitalistische und binäre Schönheitsideale konsequent hinterfragt werden, kann ein Outfit durchaus ein geeignetes Mittel von Protest sein. Auch hier bietet Punk Freiheiten außerhalb von Normkonfirmität.  Sich mit einem Look politisch auszudrücken stellt für viele Personen ein großes “Fuck-You” gegenüber gesellschaftlichen Stereotypen und Abwertungen dar. Im Punk sollte für alle alles möglich sein: vom pompösen Styling bis zum unaufgeregtem Nicht-Styling. Nicht das Eine oder das Andere ist mehr Punk. Gleichzeitig macht die Frage, wer wie viele Tattoos hat, noch lange keine Subkultur. Die Aufgaben, die oft unsichtbar bleiben, wie das Kochen bei Konzerten oder für die KüfA (Küche für Alle oder auch Food Not Bombs), das Plenum zu moderieren, die Kinder zu betreuen, für Veranstaltungen plakatieren zu gehen, nett zu anderen Menschen zu sein, Menschen in die Community einführen und begleiten. Diese Aufgaben müssen alle in der Szene übernehmen, auch cis-Männer. Im Moment sind diese Aufgaben nach stereotypen Geschlechterverhältnissen und mehr als ungerecht verteilt – nicht sehr revolutionär. Wenn Frauen die Bands hosten und kochen und Männer in diesen Bands spielen, ist mehr im Argen als eine Privilegierung durch Style.

Feminist Take Over 2018
Feminist Take Over 2018

Gibt es positive Beispiele für eine Veränderung der Geschlechterstereotypen in der Punk-Community?   
    Sicher! Da wo Punk interessant wurde in der Vergangenheit und da wo Punk in der Gegenwart relevant ist, gibt es gender trouble, wird experimentiert, wird auf Normen oder auf eine typische “Punk-Uniform” geschissen.

Inwieweit trägt die Repräsentation von Frauen* in der männerdominierten Popkultur zur Entwicklung von DIY Strukturen bei und ermöglicht die Aneignung subversiver Räume?   
    Hier ist es nicht anders als in der Gesamtgesellschaft: es führt kein Weg daran vorbei die bestehenden Verhältnisse zu erschüttern. Räume, Szene, gesellschaftliche Strukturen profitieren von Diversität ebenso wie auch cis-Männer von Feminismus profitieren. Es sollte im Interesse aller liegen, Verhältnisse gerechter gestalten zu wollen.

Wie ist das „böse&gemein“-Kollektiv entstanden?
    Wir waren super angepisst über die Line-ups in Dresden, die nicht nur all-male und ziemlich mackrig waren, sondern auch einfach nur langweilig. Die Konzerte, die wir besucht haben, waren zumeist lieb- und konzeptlos umgesetzt. Als queere Personen haben wir uns in den vorhandenen Konzerträume überhaupt nicht wohl gefühlt, weil wir keinen Bock hatten ständig angebaggert oder abgecheckt zu werden und natürlich haben wir uns gefragt: WO SIND DIE ANDEREN? Die Frauen, die Queers, die Sinners, die Transmenschen und die Musiknerd*innen? Wir waren am Anfang zu zweit. Unser erstes Festival war eine ganz konkrete Antwort auf die Behauptung, dass es eben nicht genug Bands mit Frauen gäbe. Wir haben einfach all unsere Lieblingsbands angefragt und alle haben zugesagt (Anti-Corpos, Levitations, Thurm, Cocaine Piss, Svffer, Femme Krawalle). Heute, vier Jahre später, wird niemand in Dresden mehr sagen, dass es nicht genug Bands gibt, um Line-ups divers zu gestalten. Der Rest war eine Selbstläuferin: wir wollten zwischen den Festivals auch Konzerte veranstalten, wir wollten kostenlose und queer-feministische Bildungsveranstaltungen und Workshops organisieren, wir wollten ein eigenes Zine und viele Menschen wollten bei diesem Konzept mitmachen. Wir haben das Kollektiv nicht freiwillig geöffnet, es war eine Forderung von außen – auch das war richtig toll.

Wie kann „böse&gemein“ dabei mitwirken, dass Frauen*, die in ihrem Alltag mit sexistischen oder patriarchalen Haltungen und Handlungen konfrontiert sind, ihre Eigenmächtigkeit wieder erlangen?
    Wir wirken die ganze Zeit dabei mit, indem wir selbst in diesem Kollektiv sind und aktiv bleiben, als FLINT-Personen. Wir sind nicht entmächtigt, aber wir erfahren strukturelle Gewalt, in Form von Hasskommentaren im Internet, sexualiserter Gewalt, ungleicher Enthohnung oder fehlender Anerkennung. Davor können wir keine schützen. Wir können für uns Räume schaffen, in denen wir lernen Dinge zu tun, die wir uns vorher auf Grund des sexistischen Normalzustands nicht getraut haben. Wir müssen auch gemeinsam wütend auf die existierenden Strukturen sein und brauchen dafür gemeinsame Räume. Wir können Menschen sprechen lassen, die mit Barrieren konfrontiert sind, dabei ist das Zauberwort natürlich “Intersektionalität” (also die Berücksichtigung verschiedenster Unterdrückungsmechanismen und Diskriminierungsformen und die Frage danach, wie diese miteinander verwoben sind). Wir als betroffene Personen können aber nicht alleine dafür einstehen, dass sich dieses Systems abschafft - was immer das Ziel sein muss. Es müssen auch cis-Männer anfangen daran zu arbeiten, dass sich dieses sexistische System nicht immer wieder reproduziert. Und wir müssen auch wieder raus aus den safen Räume und an der Veränderung der Verhältnisse auf anderen Ebenen mitarbeiten.

Welchen bedingenden Einfluss hat „böse und gemein“ für die queere Kultur und wie kann sich hierdurch überregional eine größere Mobilisierungskraft entfalten?
    Wir sind Teil einer digital-native Generation und dadurch sowieso online mit vielen anderen Gruppen vernetzt. Das ist uns extrem wichtig. Wir versuchen auf andere Festivals zu fahren, feministische Konzertgruppen die sich neu gründen zu unterstützen, natürlich genauso wie Bands und Musiker*innen. Wir geben Workshops und Inputs zu diversen Themen in anderen Szenezusammenhängen, teilweise auch nicht explizit feministischen, weil wir die Musikszene verändern wollen und kein Interesse daran haben, in unserer Bubble unter uns zu bleiben. böse&gemein ist konzeptuell ein sehr nach außen gerichtetes Kollektiv, das viel kommuniziert, diskutiert, für eine radikale linke Gruppe sehr leicht erreichbar und in eine gewissen Weise auch niedrigschwellig ist. Wir haben bei Facebook mit Menschen aus ganz Deutschland eine Gruppe “All-Male-Line up-Never-Again” zur Vernetzung gegründet, die eine Liste mit FLINT-Bands aus dem deutschsprachigen Raum enthält, die permanent aktualisiert wird. Welchen Einfluss wir auf zeitgenössische queere Strukturen haben, wird man wohl erst nachher bestimmen können. Akut ging es uns zu Beginn darum, die Situation für queere Punks, für Frauen, für alle nicht cis-männlichen Personen, die Bock auf schnelle Live-Musik und Subkultur haben, zu verbessern und Räume zu schaffen, in der die entsprechenden politischen Themen verhandelt werden. Wir denken, dass uns das jetzt schon teilweise gelungen ist.

Wie bewertest du in diesem Zusammenhang Ladyfeste und Safe spaces für Frauen* auf Konzerte?
    Als maximal wichtige Impulsgeber*innen, Orte der Vernetzung und des Empowerments, Räume für gemeinsames Lernen.


Achtet ihr auf Awareness-Konzepte bei euren Veranstaltungen?
    Wir haben uns von Beginn unseres Kollektivs an mit dem Konzept der “Safe(r) Spaces”, wie wir unser Awareness-Konzept nennen, beschäftigt. Das hat bei uns den gleichen Stellenwert wie das Booking. Wie wollen wir zusammenkommen auf der Veranstaltung? Welche Regeln brauchen wir, um gesellschaftliche Missstände zu bekämpfen, um Platz zu ermöglichen für die, die sonst keinen Raum haben? Wie kann Punk mehr sein als Typen, die sich gegenseitig erzählen wie geil sie sind? An unserem Awareness-Konzept arbeiten wir permanent. Bei der Entwicklung dieser Konzepte für unsere Konzerte konnten wir sehr von Diskursen und Strukturen profitieren, die es schon vor uns gab. Die kritische Auseinandersetzung mit Definitionsmacht der feministischen Gruppe e*vibes aus Dresden hat uns sehr geprägt, aber auch ganz praktische Dinge, die Gruppen wie Safer Nightlife für Clubbing erarbeitet  und die wir übernommen haben (Ruheräume, Obst und Essen auf Veranstaltungen, Heimwegtelefon…). Wir selbst haben als Veranstalter*innen und Gäste außerdem eine Menge beschissener Erfahrungen gemacht, die es galt, anzuschauen und zu überlegen, wie gehen wir damit auf unseren eigenen Veranstaltungen um. Wir haben ausführlich in unserem eigenen Zine ZANK #2 zu unserem Awareness-Konzept geschrieben und geben dazu auch Workshops.


Anmerkung:

1. FLINT* steht für Frauen*, Lesben, inter, non-binary und trans* Personen und ist eine Abkürzung, die nicht nur Frauen in feministische Arbeit und Feminismus inkludieren will, sondern kurz alle Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden. Weil wir noch immer nicht in der Gleichberechtigung angekommen sind und Feminismus der Weg dazu ist, dabei geht es aber nicht nur um die Rechte von Frauen*, sondern darum, allen Menschen eine Möglichkeit zu bieten, für diese Gleichberechtigung zu kämpfen und ihr Leben so zu leben, wie sie es wollen.


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