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AIB #125

AIB #125
AIB #125

AIB #125
68 DIN-A-4 Seiten; € 3,50.-
AIB, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
https://www.antifainfoblatt.de/
Der Schwerpunkt beleuchtet rechte digitale Foren und (Gamer)Chats. Stephan B. hatte sein rechtspolitische Tat in Halle auf der Videospiel-Streamingplattform Twitch live ins Netz übertragen.

In diesem rund 35 Minuten langen Video nutzte er immer wieder Begrifflichkeiten und Gepflogenheiten, die unter Computerspiele-Fans beliebt sind. So legte er etwa aus der Gaming-Welt bekannte Zwischenziele beziehungsweise „Achievements“ fest, die er bei seinem tödlichen Angriff erreichen wollte.
Bereits in der vorherigen Ausgabe, AIB #124, wurde die digitale Wahrnehmungswelt der extremen Rechten skizziert und Begriffe wie „Memes“ und „Incels“ erläutert. Sogenannte Memes aus dem Internet bebildern die Wahrnehmungswelt der extremen Rechten und der „Incels“ (involuntary celibate), die im „ungewollten Zölibat“ leben. In dieser Ausgabe wurden *cis-männliche Incel-Attentäter und die Imageboards vorgestellt. Die aktuelle Ausgabe ist folglich eine Fortsetzung mit der Auseinandersetzung extrem rechte digitaler Netzwerke, in denen extrem rechte Attentate diskutiert, glorifiziert werden.
Miro Dittrich und Jan Rathje leiten eine Verbindung von Gaming und extremer Rechter her, wobei bspw. Breitbart und Steve Bannon erfolgreich Einfluss auf die junge Gamergate-Bewegung nehmen konnte. Die Autoren erklären Funktionen und Strategien wie Accelerationism als erfolgreiche Methode in der extremen Rechten zu einer Radikalisierung führt.
Lisa Bogerts und Maik Fielitz erklären diesen Erfolg mit der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, die im Kampf um die Bilder Pionierarbeit geleistet haben und eine Kulturpolitik etabliert haben, die „Weiße Überlegenheitsvorstellungen mit digitalen Meme-, Spiele- und Hackerkulturen verband“, mit einer faschistischen Ideologie auflud und besonders junge weiße *cis-Männer ansprach. Neben rassistische Memes gibt es auch anti-feministische Kampagnen und Hasskriminalität. Gegen die amerikanische Entwicklerin Zoe Quinn starteten wütende Männer auf 4Chan und Reddit eine Hasskampagne. Anita Sarkeesian hatte in einer Videoreihe stereotype Rollenbilder von weiblichen Charakteren in Spielen angeprangert. Ihr wurden Vergewaltigungen angedroht.
Rechte deutsche Gruppen schließen sich zusammen im Forum „Reconquista Germanica“, um politisch anders eingestellte Personen des öffentlichen Lebens aufs Äußerste zu beleidigen und so Wahlkämpfe zugunsten der AfD zu beeinflussen. Die Postings im Board Kohlchan könnten aus einem x-beliebigen Neonaziforum stammen. Veronika Kracher fordert, dass der antifaschistische Kampf auch dringend online geführt werden muss. Von staatlicher Seite indes ist es fraglich, ob sich überhaupt kompetente Strafermittler*innen finden lassen, die sich mit der Materie auskennen.
Eine junge Bremer Gamerin, die live auf Twitch Fantasy-Computer-Rollenspiele spielt, wurde im Chat mit dem Kommentar „Ich werde dich vergewaltigen und in der Badewanne ertränken“ bedroht. Als die Gamerin bei der Polizei Anzeige erstattet, wurde sie mit den Worten „Wenn Sie nicht streamen würden, hätte der Ihnen auch nicht geschrieben und wir würden hier nicht sitzen!“ diskreditiert. Mehr noch. Der Beamte hat eine Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen. Dieses junge Beispiel zeigt, dass Beamt*innen oder auch Polizei-Studierende nicht ausreichend für sogenannte „vorurteilsgeleitete Kriminalität“ sensibilisiert seien. Darunter fällt zum Beispiel Kriminalität, die aus Hass gegen Frauen entsteht.

Gesamteindruck:

Die extreme Rechte sucht nach neuen Wegen, um ihre Propaganda abseits von Facebook und Co. zu verbreiten. In den Gamer-Chats von Discord sind etwa Server mit Terrorismus unterstützenden Namen zu finden. Rechte Gruppierungen versuchen mit bildbasierten Inhalten Einfluss auf öffentliche Debatten zu nehmen. Hasskriminalität findet in den Boards mehrheitlich im rechtsfreien Raum statt. Und solange die Polizei in Sachen Medienkompetenz und Cyberkriminalität nicht besser geschult wird, müssen Betroffene erst selbst in die Offensive und an die Öffentlichkeit gehen. Im falle der jungen Gamerin aus Bremen war das erfolgreich. Laut Polizei Bremen läuft mittlerweile ein Disziplinarverfahren gegen den Beamten. Nachdem die Gamerin einen Screenshot der Drohung auf Twitter veröffentlichte, meldeten sich vier weitere Twitch-Streamerinnen, die vor Kurzem in ähnlicher Weise bedroht wurden. Digitale Hasskulture können präventiv begegnet werden. So können auch online Gefährderansprachen ein wirksames Mittel sein. Moderator*innen und Ansprechpartner*innen der digitale Plattformen können den Account des Täters sperren lassen. Und betroffenen Frauen können in die Offensive gehen. Unter dem Hashtag #GamerleaksDE weisen Frauen auf die latente Frauenfeindlichkeit in der Szene hin. Sie erzählen von dummen Sprüchen, Beleidigungen und den kaum vorhandenen Konsequenzen. Rassistische und sexistische Audiomitschnitte aus dem Voice-Chat werden hier dokumentiert. Rechtsradikales Denken und Frauen­hass im Netz spielen eine sehr wichtige Rolle bei der Extremisierung von Menschen. Insofern ist es auch aus antifaschistischer Sicht notwendig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und sich mit den Betroffenen zu solidarisieren.

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