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Bist du behindert oder hast du ein Handicap?

Immer häufiger wird das Wort „Handicap“ benutzt, um den Begriff der „Behinderung“ zu vermeiden. Es gab und es gibt immer noch sehr viel verschiedene Meinungen und Ansichten darüber, ob und wie Menschen beschrieben werden sollten, die nicht der Norm entsprechen. Und genau hier beginnt das Problem. Warum benötigen wir überhaupt diese Begriffe, um andere Menschen zu beschreiben? Das Problem der (Fremd)Definition über Menschen, die von anderen gelabelt oder stigmatisiert werden mit einem als negativ behafteten Begriff, den sie sich selbst nicht ausgesucht haben.

Die Begriffe „Behinderung“ und „Handicap“ decken ein breites Spektrum von Menschen und Realitäten ab. So umfassen bspw. Menschen mit Down-Syndrom und Querschnittsgelähmte bei weitem nicht die gesamte Komplexität von Behinderung ab. Es ist daher notwendig, Behinderung in einer anderen Weise zu definieren, wenn wir die unterschiedlichen Realitäten verstehen wollen, die von den betroffenen Menschen erlebt werden. Artikel 2 des Gesetzes vom 11. Februar 2005 über gleiche Rechte und Chancen, Teilhabe und Staatsbürgerschaft von Menschen mit Behinderungen bietet eine erste Definition von Behinderung:

„Für die Zwecke dieses Gesetzes ist eine Behinderung definiert als jede Einschränkung der Tätigkeit oder der Teilhabe an der Gesellschaft, die eine Person in ihrem Umfeld infolge einer erheblichen, dauerhaften oder dauerhaften Beeinträchtigung einer oder mehrerer körperlicher, sensorischer, geistiger, kognitiver oder psychischer Funktionen, einer Mehrfachbehinderung oder einer behindernden Störung erleidet.“

Doch wie der Psychiater und Arbeitsmediziner Claude Veil feststellt: „Behinderte Menschen sind eine soziale Gruppe mit unpräzisen Konturen“.
Die Begriffe für behinderte Menschen haben in vielen Sprachen eine negative Konnotation. Sei es „Les Invalides“ (vom lateinischen Wort „invalidus“ für krank, hinfällig, kraftlos) in Frankreich, oder „Las personas con minusvalias“ (Personen mit niedrigem Wert) in Spanien. Auch in Deutschland sprach man lange Zeit von den Behinderten oder gar von Schwerbeschädigten. Immer häufiger ist inzwischen ein anderes Wort für Menschen mit Behinderung zu lesen: Handicap oder gehandicapt.
Der Ausgleich zwischen zwei ungleichen Teilnehmer*innen – oder wie bei Hand-in-Cap von Gegenständen – spiegelt sich 1754 wider, als der Begriff im Pferderennen auftaucht.1883 ging das Wort Handicap in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Es steht seitdem für die Gleichstellung zweier Personen mit unterschiedlichem Ausgangslevel.
Erst 1915 wurde Handicap mit Behinderung in Verbindung gebracht. Zunächst wurden nur Kinder mit einer körperlichen Behinderung als handicapped bezeichnet, ehe der Begriff in den 1950er Jahren auch für Erwachsene und Menschen mit Lernschwierigkeiten galt.
Heute ist Handicap als fester Bestandteil der Alternativ-Begriffe für Behinderung und in der Welt des Sports zu finden. Dort wird er am häufigsten beim Golf verwendet. Es besagt die Differenz zwischen den benötigten Schlägen und der Anzahl der Schläge, die ein*e sehr gute*r Spieler*in zum Beenden des Platzes benötigt. Handicap bezeichnet also die Spielstärke, die Qualität eine*r Golfspieler*in. Je höher das Handicap, desto schlechter.

Während der Begriff „behindert“ heutzutage als Schimpfwort benutzt wird, um andere abzuwerten, finden Betroffene, dass der Begriff „Behinderung“ ein Merkmal von vielen einer Person beschreibt. Wichtig ist ihnen nur, dass das Wort „Mensch“ mitbenutzt wird, da mit dem Begriff Behinderte ansonsten das Bild einer festen Gruppe entsteht, die in Wirklichkeit vielfältig ist. Durch die Fremddefinition „Der/die Behinderte“ würde die betroffene Person auf ein Merkmal reduziert werden, das alle anderen Eigenschaften dominiert. Demgegenüber „verschwindet bei Handicap der Mensch vollkommen und der Fokus wird auf eine (vermeintliche) Schwäche gelegt“, meint z. B. Jonas Karpa und unterstützt Formulierungsvorschläge der Leidmedien-Community unter leidmedien.de/begriffe.
Meiner Meinung nach sind beide Begriffe (Behinderung und Handicap) unangemessen. Beide Begriffe lenken den Fokus auf ein Verhalten, ein Merkmal, das nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Ein Mensch mit einer Spastik etwa, der/die im öffentlichen Leben, im Alltag zu sehen ist, wird vielleicht von anderen als „betrunken“ wahrgenommen, als „Spasti“ definiert, vielleicht sogar als „unangenehm“ empfunden, weil das Gangbild nicht der Norm entspricht. Die Einordnung erfolgt aufgrund körperlicher Merkmale, Verhalten und Sprache, die insgesamt „anders“ ist, als üblich, als gewohnt, als dass, was mensch sonst so kennt. Durch die Herausbildung, der Herausstellung dieser Merkmale, beginnen wir Menschen fremd zu definieren, zu kategorisieren, zu stigmatisieren. Diese Abwertung führt in der Folge zu Ausschlüssen, Diskriminierungen und Sanktionen. Aber ist ein Mensch, der mit einer oder zwei Bein-Prothese(n) die 100 Meter schneller läuft, als du und ich, überhaupt „behindert“? Ein Mensch in einem Rollstuhl wird behindert, etwa, wenn er/sie Barrieren vorfindet, eine Treppe, was er/sie daran hindert in eine Arztpraxis, in ein Geschäft zu gelangen. Aber ist ein Mensch in einem Rollstuhl behindert, wenn er/sie in einer rollstuhlgerechten Wohnung selbständig und unabhängig leben kann? Fakt ist, wir alle machen Unterschiede. Wir machen Unterschiede, weil wir Menschen, Verhaltensweisen, die wir sehen und beobachten, in unserer Wahrnehmung bewusst und unbewusst einordnen und dabei Kriterien aufstellen, die wir nach unseren eigenen Wertevorstellungen überprüfen. Alles wird überprüft: Mimik, Gestik, Mobilität, das Lachen, die Sprache, die Kommunikation…und dann entscheiden wir, ob uns jemensch sympathisch ist, „komisch“ ist, gleichgesinnt oder anders. Wir bewerten und werten ab. Tag für Tag werden im Kindergarten oder der Schule, innerhalb des Freundeskreises und der Familie, im Zug und der Straßenbahn, beim Nachbarn oder im Blumenladen, Menschen diskriminiert und ausgeschlossen. Es wird klar vermittelt, dass nicht jedes Leben gleich viel Wert besitzt. Worte wie „behindert“, „schwul“ oder „Opfer“ werden wie selbstverständlich als Schimpfwörter eingesetzt.

Inklusion – Exklusion

Die Gesellschaft hat einen Einfluss auf die Entstehung einer Behindertenidentität. Menschen mit Behinderungen sind sowohl moralisch als auch materiell schlecht integriert. Sie leiden unter Diskriminierung, aber auch unter mangelnden an ihre Situation angepassten Infrastrukturen.
Für eine soziale und behinderten-pädagogische Lösung wird seit einigen Jahren deshalb viel von Inklusion gesprochen. Inklusionspädagogik hat Hochkonjunktur.
Dabei reagieren die vorherrschenden Konzepte einer inklusiven Pädagogik auf die Herausforderungen der „Neuen Sozialen Frage“ oft nach einem bestimmten Muster: Sie wollen der exkludierenden Gesellschaft mit pädagogischen Mitteln begegnen, die die Situation der Benachteiligten verbessern sollen, die strukturellen gesellschaftlichen Bedingungen aber unangetastet lassen. Es gibt für Menschen mit Behinderungen immer noch stationäre Unterbringungen, die keine Inklusion zulassen. Ein strukturelles Problem, wonach Menschen „behindert“ werden, weil sie im Rahmen ihrer persönlichen Interessen und Rechte oft nicht frei entscheiden dürfen wie sie leben, wohnen, arbeiten essen und von wem sie welche Hilfsangebote (etwa bei der Körperpflege) in Anspruch nehmen wollen. Mit dieser stationären Wohnform sind Menschen mit einer Behinderung also abhängiger/unselbständiger als Menschen mit einer Behinderung, die bspw. in einer sogenannten „inklusiven Wohngemeinschaften“ leben, wo Menschen mit und Menschen ohne Behinderung/Handicap zusammen unter einem Dach leben.

Ein Blick in die entsprechenden Gesetzestexte und Vorschriften:

„Menschen mit Behinderung müssen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben. Sie dürfen nicht auf eine besondere Wohnform verpflichtet sein“, besagt Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 auch für die Bundesrepublik gilt.

Und im Sozialgesetzbuch (SGB IX, Paragraf 9, Absatz 3) heißt es:

„Leistungen, Dienste und Einrichtungen lassen den Leistungsberechtigten möglichst viel Raum zu eigenverantwortlicher Gestaltung ihrer Lebensumstände und fördern ihre Selbstbestimmung.“

Einfacher ausgedrückt:

Menschen mit Handicap/Behinderung sollen – soweit möglich – frei wählen können, wo, wie und mit wem sie wohnen. Obwohl sich durch diese Gesetze die rechtliche Situation für Menschen mit Behinderung verbessert hat, fehlt es weiterhin an geeignetem Wohnraum und finanziellen Mitteln.

Zusammenfassung und Fazit

Was ist der Unterschied zwischen einer Beeinträchtigung und einer Behinderung? Ist die gleichrangige Aufzählung von Behinderung und chronischer Krankheit sinnvoll?
Meiner Meinung nach geht es in den oben ausformulierten Beispielen um Abhängigkeiten. Meine Auffassung deckt sich mit der in Großbritannien bevorzugten Meinung. Dort bevorzugen viele Brit*innen den Begriff „Menschen, die von der Gesellschaft behindert werden“, anstatt sich einfach auf „behinderte Menschen“ zu beziehen, was bedeutet, dass Behinderung von der Gesellschaft geschaffen wird und nicht von den Menschen, die mit ihr leben. Menschen mit Behinderungen verwandeln ein negatives Image, das durch die Umkehrung der Stigmatisierung geschaffen wurde, in eine positive Identität. Die Ausgrenzung aus der Gesellschaft hat für sie Auswirkungen auf Bildung, Karriere und Gemeinschaftsleben. Sie beeinträchtigt ihr Selbstwertgefühl und kann dazu führen, dass sie ein schlechtes Selbstbild haben, obwohl eine Person mit einer körperlichen Behinderung das gleiche Bildungspotenzial und die gleichen intellektuellen Fähigkeiten haben kann wie eine Person ohne Behinderung.
Der Grad einer Behinderung oder eines Handicaps ist nicht ausschlaggebend für eine gesellschaftliche Teilhabe. Dennoch wird dieser Grad immer dann angewandt, um Menschen nach ihren Fähigkeiten, Talenten usw. einzuordnen. Das hat auch rechtliche Gründe, etwa dann, wenn du mit einem entsprechenden Nachweis steuerliche Vergünstigungen in Form eines Behindertenpauschalbetrages bekommst. Ich sehe die soziale Komponente als wesentlich wichtiger an. Wenn wir Menschen nicht nach ihrem Aussehen, ihrer Beeinträchtigung, ihrem „Merkmal“ einordnen und fremd definieren, sondern den Grad der Abhängigkeit bemessen, können wir konkret Fähigkeiten/Talente stärken und fördern. Etwa, damit ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, unabhängiger von anderen wird. Unser Anliegen sollte es also sein, den Grad der Abhängigkeit zu verringern. Doch zurzeit sind es immer noch Ärzte/Ärztinnen, die den Grad der Behinderung feststellen. Bei jedem Verfahren wird der komplette Gesundheitszustand der/des Patient*in unter die Lupe genommen. Offiziell heißt es im „Bundesministerium für Arbeit und Soziales“ hierzu:
»Die Zielsetzung der Anhaltspunkte bleibt unverändert: Sie dienen den versorgungsärztlichen Gutachtern als Richtlinie und Grundlage für eine sachgerechte, einwandfreie und bei gleichen Sachverhalten einheitliche Bewertung der verschiedensten Auswirkungen von Gesundheitsstörungen unter besonderer Berücksichtigung einer sachgerechten Relation untereinander.«
Das bedeutet nichts anderes, als dass mensch den Gutachter*innen und Ärzt*innen ausgeliefert ist. Wenn wir den Fokus auf die soziale (Un)Abhängigkeit lenken, weg von physischer und psychischen Merkmalen, können wir mithelfen, gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und stärken, wenn wir bereit sind, unser Abhängigkeitsverhältnis zu anderen zu verringern. Das Abhängigkeitsverhältnis eines Kleinkindes ist noch sehr viel größer. Doch nehmen wir Rücksicht auf die Bedürfnisse, die Förderung des prosozialen Verhaltens, stärken wir individuell erlernbare Fähigkeiten, die den Unabhängigkeitsprozess voranbringen. Da sich in diesen wechselseitigen Beziehungen wiederholte Erfahrungen in sozialen Interaktionen ausbilden, ist der Erwerb von Kompetenzen, die der für alle Beteiligten positiven Gestaltung von Interaktionen dienlich sind, eine wichtige Entwicklungsaufgabe. Für mich ist es also wichtiger, die Unabhängigkeit eines Menschen zu fördern und stärken, als den Fokus auf äußerlich sichtbare Merkmale zu lenken, die lediglich dazu führen, das eigene Wertesystem zu überprüfen und andere Menschen auszuschließen, als teilhaben zu lassen.


Diskussionspapier

Diskussionspapier: Du bist wohl behindert oder was.pdf

»DU BIST WOHL BEHINDERT, ODER WAS!?«
Dieses Diskussionspapier verfolgt deshalb drei Ziele:

  1. Es soll zur Klärung von Begrifflichkeiten beitragen;
  2. Es soll die Betroffenen zu Diskussion und Auseinandersetzung anregen;
  3. Es soll letztlich sowohl zur individuellen Stärkung als auch zur Aktivierung eines »Wir«-Gefühls unter behinderten Menschen und damit zur Stärkung von Selbsthilfepotenzialen und zu größeren politischen Erfolgen führen.