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Punk sein heißt gewöhnlich anders sein

Punk war und ist mehr als nur Musik, mehr als nur Geschäft, mehr als der uniformierte Ausdruck einer neuen Jugendkultur. Und doch entwickeln sich Gewohnheits-Szenarien und -handlungen, die im Kontext der vermeintlich rebellischen Attitüde zu einem Dogma verkommen, angepasst an die eigene Lebensumstellung. Aber die kann durchaus vielfältig, vielseitig sein. Gemessen an Bedürfnisse, Ansprüche und Perspektiven liegen zwischen dem ideologischen Glaubensbekenntnis „No Future“ und „Positive Mental Attitude“ destruktive und konstruktive (Gedanken)Welten, Varianten, die widersprüchlicher nicht sein könnten: Saufen am Brunnen oder aktives Mitwirken in deiner Subkultur1.

Punk ist Anti und politisch

„I always thought a punk was someone, who took it up the ass.“ Dieses Zitat stammt von dem Schriftsteller William Burroughs. Übersetzt bedeutet es soviel wie „Ich dachte immer, ein Punk wäre jemand, dem alles am Arsch vorbeigeht.“ Nun, Erwartungshaltungen werden nicht immer erfüllt. Aber mitunter ist das auch so gewollt. Wenn es den um ein ‚Anders sein‘ gehen soll, ist Punk im jeden Fall eine Anti-Haltung. Konsequent dagegen! The Slits, The Raincoats und Gang Of Four thematisierten u.a. die Konsumgesellschaft und Geschlechterfragen; Paul Weller von The Jam hingegen schrieb Songs wie Mr Clean, Down In The Tube Station At Midnight und Eton Rifles, die mit rechter Gewalt und dem britischen Klassensystem abrechnen. Dead Kennedys aus Kalifornien attackierten Politiker*innen vor der eigenen Haustür (California Über Alles). Danach knöpften sie sich auf Alben wie Plastic Surgery Disasters und Frankenchrist den US-Präsidenten Ronald Reagan vor, gegen den sie eine Reihe von Rock Against Reagan-Konzerten organisierten.
Diese politische und musikalische Anti-Haltung zog sich weiter von Anti-Bush-Kampagnen bis in die Trump-Ära, wo Bands wie MDC ihren Klassiker „No war, No KKK, No fascist USA!“ in „No Trump, No KKK, No fascist USA!“ abwandelten und Ex-Dead Kennedys-Sänger, Jello Biafra, den DK-Song „Nazi Punx fuck off! in „Nazi Trumps fuck off!“ umtextete.



Minor Threat aus Washington DC wiederum polarisierten mit einer Straight-Edge-Attitüde: 1981 veröffentlichte die Band ihre erste EP, auf der der Song „Straight Edge“ zu finden ist. Die Messsage: Kein Alkohol, keine Drogen, kein schneller Sex (one night stands). Daraufhin etablierte sich eine „Straight-Edge-Bewegung“ und Bands wie die Gorilla Biscuits, Youth of Today, Uniform Choice, DYS aus Washington, Boston und New York den Begriff proklamierten den Begriff wie selbstverständlich für sich und sagten: „Wir sind Straight Edge.“ Ian MacKaye von MINOR THREAT hat sich indes nie als Teil von Straight Edge gesehen und auch nie für Minor Threat das Label Straight Edge benutzt.



In Großbritannien der 80er Jahre frönten Bands wie Crass, Antisect, Conflict, Flux of Pink Indians, Icons of Filth, Anti System dem Anarcho Punk und thematisierten Tierrechte bzw. Tierausbeutung, Aufrufen zu autonomer Lebensweise, Feminismus und anti-kapitalistischer Lebensweise. Die Agenda dieser Bands stand vor allem im krassen Gegensatz zur damaligen britischen Regierung: Margaret Thatcher war ein rotes Tuch für sie, standen sie und das erzkonservative Lager doch für alles, was diese Bands verurteilten.

    Seit dem Beginn des digitalen Zeitalters ist es deutlich einfacher geworden für Bands, auf Do-It-Yourself-Methoden zu setzen und im Alleingang politische Grassroots-Bewegungen loszutreten. So wurden die drei Russinnen von Pussy Riot z.B. sehr schnell international berühmt, nachdem sie für ihr spontanes „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ins Gefängnis mussten.
In Island stellte sich Ex-Punk Jón Gnarr nach dem Börsencrash zur Wahl auf und wurde tatsächlich mit seiner „besten Partei“ von Juni 2010 bis 2014 Bürgermeister von Reykjavík: Ab sofort hatten vier Jahre lang in seinem Kabinett etliche Künstler und Ex-Punks das Sagen, und es wurden Dinge auf den Weg gebracht, die wahrscheinlich sogar Vorreiter wie die Band Crass abgesegnet hätten. Während der Amtszeit von Jón Gnarr wurde die Online-Plattform Betri Reykjavík (Besseres Reykjavík) als eine Möglichkeit direkter Demokratie etabliert. Jón bezeichnet sich selbst als Atheisten und Anarchisten.

Anti-patriarchale Stoßrichtung

Für den Mechanismus, dass Musik aus einer Subkultur das Establishment kritisiert, lassen sich diverse Beispiele benennen. Sei es die US-amerikanische Folk-Szene der 1960er Jahre, die mit einfachen Produktionsmitteln politische  Statements durch ihre Songs kommunizierten, oder seien es die Anfänge des HipHop, die das Augenmerk auf unterprivilegierte und/oder afro-amerikanische Gesellschaftsschichten lenkten. Die künstlerische Kritik richtet sich gegen gesellschaftliche Normen, die hinterfragt, karikiert oder ad absurdum geführt werden. Im Fall der Riot Grrrls, deren Ziel es war (und immer noch ist), feministische Politik in die US-amerikanische Punkrock-Szene der 1990er Jahre zu transportieren, fand eine Spaltung innerhalb einer Subkultur statt und richtete sich damit nicht nur gegen allgemeingültige patriarchale und heterosexistische Normen im Mainstream, sondern auch explizit gegen Wirkungsweisen innerhalb einer Subkultur, die sich selbst als progressiv gegenüber der Mainstream-Kultur begreift.
Musikerinnen, die in der popkulturellen Szene in Aktion treten, haben und hatten sich gegen eine lange Reihe von männlichen Stereotypen zu behaupten. Die jahrelange männliche Dominanz in den verschiedenen Musikszenen führt dazu, dass eine Musikerin automatisch eine Position in Relation zu der bereits existierenden maskulinen Matrix zugeordnet bekommt. Auch wird diese Position den gängigen weiblichen Stereotypen nach eingeordnet und bewertet. Die Frage des Geschlechts wird dabei häufig als Hauptattribut angeführt, was eine reine Bewertung des ästhetischen Outputs unmöglich macht.
Die Musikerin Patti Smith sagt dazu: „As an artist, I don't feel any gender restrictions. [...] I can't say I feel like a male or a female. Or both. What I feel is not in the human vocabulary.“2

Sie befreit sich selbst von den Restriktionen, die die Rezeption von Musikerinnen umgibt und liberalisiert sich damit gleichzeitig davon, stereotype Erwartungen zu erfüllen oder zu widerlegen.

Manuela (FINISTERRE)
Manuela (FINISTERRE)

Eine weitere Kategorisierung, die vorgenommen wird, ist die, dass Musikerinnen schnell als Feministinnen wahrgenommen und benannt werden.
Manuela von FINISTERRE schildert, warum es wichtig ist, sich feministische Grundlagen anzueignen:
„Ich bin in einem relativ kleinen Scheißkaff aufgewachsen, in dem Rassismus und Homophobie hegemonial verankert sind. Sich in dieser braunen Suppe als emanzipatorisch zu verhalten braucht nicht viel, alles ist besser als das. Doch auch heute noch merke ich, dass ich meine radikalen politischen Ansichten in Bezug auf feministische oder queere Theorie danach ausrichte, wer vor mir steht. Persönlich würde ich mich als QueerFeministin* beschreiben, treffe ich jedoch auf Menschen, die noch nie was von Sexismus, Unterdückungsmechanismen, Patriarchat und mehr als zwei Geschlechtern gehört haben, bzw. sich noch nie damit auseinandergesetzt haben, fange ich eher grundsätzlich mit feministischen Grundlagen an und gebe mich eher als selbstbewusste Frau*/ Feministin (was auch immer sich die Leute auch darunter vorstellen). Alles andere würde wahrscheinlich keinen Sinn machen, die Leute würden denken, ich sei verrückt und zumachen. Was ich damit sagen will ist, dass Verhalten und damit verbunden auch Veränderungen im Verhalten immer kontextgebunden zu betrachten, anzugehen und zu bearbeiten sind. Beispiel: Wenn meine Eltern noch nie was von trans* und queer gehört haben, dann muss ich eben auf einer Ebene beginnen, die sie eventuell verstehen können, beispielsweise, dass es bestimmte gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Männern* und Frauen* gibt, exemplarisch sind hierbei ungleiche Löhne – das werden sie vermutlich in irgendeiner Form aus ihrer Lebensrealität kennen, oder sie kennen Leute, die davon betroffen sind und können darüber besser verstehen, was die Ansatzpunkte sind. Im besten Fall kann man sich dann peu á peu vorarbeiten! Bewege ich mich aber in Kreisen, die selbst an und mit diesen Themen und Grundsätzen arbeiten, nehme ich auch radikalere Positionen ein und kann da aber auch inhaltlich ganz anders und viel fundierter diskutieren – bestimmte Grundannahmen sind dabei klar/ Konsens (z.B., dass wir im Patriarchat leben und dass das wesentlich zur Unterstützung des kapitalistischen Systems beiträgt). In diesem Fall übernehme ich ganz klar queer-feministische Positionen. Vergleichen wir beide genannten Situationen/ Beispiele, dann erscheinen sie grundverschieden. Sind sie auch. Und dennoch sehe ich in beiden Optionen ein Aufbrechen normativer Rollen- und Gesellschaftsstruktur. Ein erster Schritt dahin ist immer überhaupt erst mal eine Thematisierung von Unterdrückungs- und Ausschlussmechanismen aller Art – ein Aufdecken und Sichtbarmachen, um Menschen die Möglichkeit zu nehmen, einfach darüber hinwegzusehen und zu ignorieren, als haben sie mit all dem nix zu tun und seien davon auch nicht betroffen. Ein persönliches Beispiel aus meiner Sozialisation ist eher klassisch. Wahrscheinlich werden das auch andere kennen. Ich wollte als Kind gerne ein BMX-Fahrrad haben, mein Cousin hatte eins, ich fand’s total cool und habe es mir zum Geburtstag gewünscht – bekommen habe ich dann ein rosa Mädchen-Fahrrad…oder als mein kleiner Cousin anfing, sich einen Puppenwagen zu wünschen und alle Erwachsenen etwas panisch und hilflos wirkten und sich Sorgen um seine spätere sexuelle Orientierung machen…das hört sich jetzt zwar plakativ an, dass sich jede halbwegs aufgeklärte Person kaum mehr vorstellen kann, dass sich dieses Klischee nach wie vor bewahrheitet. Und doch sind es viel zu oft vorkommende reale Alltagssituationen, die vielen in irgendeiner Form bekannt vorkommt. In meiner Familie habe ich irgendwann aufgehört zu schweigen, wenn am gemeinsamen Tisch mit Grillgut und Alkohol ein rassistischer und/ oder homophober Witz gerissen wurde. Seitdem war ich der Störfaktor, der die vermeintliche Harmonie wissentlich kaputt macht – selbstverständlich haben es ja auch alle nie so gemeint und meine Mutter stand oft heulend in der Küche und fragte mich, „warum ich immer so sei“!
Wahrscheinlich habe ich schon immer oder zumindest schon ganz lange in meinem Leben gedacht, dass so, wie es ist, ganz schön viel falsch läuft – diese Erkenntnis war meine Motivation, um meine Fühler nach anderen Konzepten auszustrecken. In diesem Kaff war ich allerdings ziemlich abgeschnitten von der Außenwelt und Internet gab es erst, als ich schon das Abitur in der Tasche hatte. Da war halt noch nix mit Suchmaschinen oder Web-Vernetzung mit Leuten, die ähnliche Ideen hatten oder Unzufriedenheiten spürten. Ich wechselte irgendwann die Schule und habe dort erstmals „Punx“ kennengelernt, bzw. Leute, die andere Lebensentwürfe hatten und lebten, dadurch habe ich mich politisiert und so haben sich die Dinge entwickelt. Als ich dann das erste Mal von Judith Butler und Dekonstruktion gehört habe und mir dadurch klar wurde, dass Geschlecht sozial konstruiert ist, war das für mich die Revolution (auch wenn dieses Buch schon seit mehr als 20 Jahren publiziert ist, hat es doch in Europa erst viel später Einzug erhalten). Und dass es mittlerweile auch Naturwissenschaftler*innen (Voß) gibt, die sogar das biologische Geschlecht als konstruiert beweisen, fängt mir das Leben langsam an Spaß zu machen. Im Vergleich mit anderen habe ich schon in meiner Pubertät begriffen, dass es (augenscheinlich) verschiedene Konzepte von Männlichkeit* und Weiblichkeit* gibt und darunter jeweils ein Modell, was sich offensichtlich besonders durchgesetzt hat, bzw. mit besonderem Interesse gepusht und konstruiert und als hegemonial und „natürlich“ gegeben propagiert wurde.“3


FINISTERRE – Fibre

(Anmerkung: ins Deutsche übersetzt)
»Alte Muster wiederherstellen, den eigenen Status festigen. Aufhören zu kommentieren. Aufhören, sich zu verstellen. Anfangen zu handeln und zu verändern. Anfangen zu handeln. Und nicht vergessen, die Veränderung beginnt in dir selbst – deine Engstirnigkeit, dein Lebensstil – fang an zu handeln.
Es reicht nicht aus, die Sprache zu gendern, es ist notwendig, die Gedanken zu ändern. Selbstreflexion – Selbstverbindung. Innerer Prozess, innerer Kampf, mit deinen Ängsten, deinem Herzen. Keine Antwort. Was ist dein persönliches Ziel? Dein Wunsch? Dein Gefühl?
Also frage ich dich jetzt, was ist dein zentraler Maßstab für politische Subjektivität?
Aufdeckung, Entlarvung und Kampf gegen Verhältnisse und Institutionen...!«



In dem 80er Jahre Punk-Fanzine P.R.F. aus Esslingen/Stuttgart war ein Spruch gekritzelt: „Handle nie so wie man es von dir erwartet.“ Wir sind irritiert, wenn Menschen in anderer Weise reagieren, als wir das erwarten und finden es wahrscheinlich sogar erst mal komisch. Wir lernen Leute in bestimmter Weise kennen und einschätzen. Das ist für uns verlässlich und wir denken, die Person zu kennen. Verhalten sich diese Menschen dann durch bestimmte Vorkommnisse, Gefühlszustände etc. nicht mehr so wie gewohnt, dann geraten wir ins Schwanken und reagieren evtl. sogar mit Ablehnung, weil wir nicht wissen, was das zu bedeuten hat und ungewöhnlich ist. Sobald sich ein Teil in diesem (Beziehungs-)System verändert, verändert sich auch die Folgestruktur. Deshalb ist es oft schwierig, sich mal anders als gewohnt zu verhalten, ohne sich erklären oder die anderen beruhigen zu müssen. Das kostet manchmal einfach mehr Energie, als einfach zu tun als wäre alles in Ordnung und Unbehaglichkeiten aller Art/etc. zu überspielen. Ich kenne diese Schwierigkeit v.a. auch im engeren Kreis von Bezugspersonen – mein Verhalten hat einen Effekt auf mein Gegenüber, die wiederum auch darauf reagiert und einen Effekt auf mich überträgt, projiziert etc. Letztendlich ist das dagegen oder anders sein eine Frage der Einstellung und der Perspektive.
In heutigen Zeiten wünsche ich mir bei vielen einen Perspektivwechsel hin zu mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Engagement und Entschlossenheit gegen Rassismus und Sexismus. Mehr Visionen und Utopien. Von Visionen einer friedlicheren, gerechteren und nachhaltigeren Welt. Alles könnte anders sein, meint auch der Sozialpsychologe Harald Welzer. Die scheinbare Alternativlosigkeit zum jetzigen Status quo sei nichts anderes als Fantasielosigkeit. Mit schwerwiegenden Folgen. Denn nur wer eine Vorstellung davon hat, wie es sein sollte, könne auch etwas verändern. Mit anderen Worten:

Wir brauchen Utopien und positive Zukunftsbilder als Quelle der Hoffnung und als Motor für Veränderung.


Fußnoten:

1. Der Begriff Subkultur bezieht sich hier und im Folgenden auf eine Musikkultur, die unabhängig von ihrer musikalischen Ausrichtung  einen Gegenentwurf zum Mainstream liefert. 

2. zit. n. Carson/Lewis/Shaw 2004: 43

3. https://www.underdog-fanzine.de/2014/01/03/finisterre/